Joni.T Um Lesbenpolitik zu machen – muss eine sich dafür einer Szene zugehörig fühlen?

Konny Nee, muss sie nicht. Natürlich ist es klasse, wenn sie einen feministischen Hintergrund hat, aber zwingend erforderlich ist das nicht (mehr). Früher, als es noch um die Belange von FrauenLesben ging vielleicht, aber heutzutage? … nee.

Joni T Mir kommt es so vor, als gehe es bei Lesbengesprächen oft um Diskriminierung, aber trotzdem hat die klassische Antidiskriminierungspolitik – Parteien, Bürgerrechtsorganisationen, Verbände – einen schlechten Ruf unter Lesben. Als sei eine Entscheidung nötig, entweder handfest etwas gegen Diskriminierung zu unternehmen oder sich denen zugehörig zu fühlen, die sich diskriminiert fühlen. Beides scheint schwer vereinbar zu sein.

Konny Um es etwas ketzerisch auszudrücken: Früher hieß es Diskriminierung, heute heißt es Homophobie. Und „richtige“ Anti-Homophobiearbeit können nur die Betroffenen selbst leisten. Staatliche Einrichtungen, wie zum Beispiel die Antidiskrimierungsstelle des Bundes (ADS) haben da keine Chance. Obwohl die hervorragende Arbeit machen …

Joni.T Was meinst du mit „keine Chance“? Bei Lesben?  Welche Eigenschaften müsste denn eine Antidiskriminierungsarbeit haben, damit sie lesbisch genug ist?

Konny Interessante Frage! Lesben werden ja andauernd diskriminiert, indem sie nicht wahrgenommen werden. Das machen sie auch selbst so. Gestern habe ich eine Werbung gelesen von einer Kneipe in Berlin, die von Lesben gemacht wird, und Donnerstag ist da immer „Frauen“-Abend. Dabei gehen da nur Lesben hin. Also kann man doch auch „Lesben“-Abend schreiben. Dann wissen alle gleich, wo sie dran sind und es gibt keine enttäuschten Hetera-Gesichter! Aber jetzt bin ich abgekommen von der Politik zum Vergnügen. Dabei ist das ein gutes Beispiel, dass Lesben sich untereinander und gegenseitig „keine Chance“ zur Sichtbarkeit geben.
Und wie soll man Anti-Diskriminierungsarbeit am Unsichtbaren leisten?

Joni.T Ich glaube gar nicht, dass ich an etwas Arbeit leisten will, so wie Sozialarbeit. Dein Argument verstehe ich so, dass es zum einen den Schrank nach außen gibt, also dass Lesben zum Beispiel bei der Arbeit nicht lesbisch auftreten, sondern den Eindruck aufrecht erhalten als seien sie Singles. Das bekannte Phänomen mit Coming Out im Beruf. Und du meinst, dass es dieses Verstecken auch nach innen gibt, indem Lesben lieber zu einem „Frauen“-Abend als zu einem „Lesben“-Abend gehen? Ist das sowas wie „Ladies Take Over Friday“?

Konny Ach, bei  „Ladies Take Over Friday“ dürfen sogar „friends” mit rein! Aber deine Unterscheidung von „Schrank nach außen“ und „Schrank nach innen“ finde ich interessant. Ich glaube, inzwischen gibt es wieder so eine „Kultur der Unsichtbarkeit“ unter Lesben. Ich erinnere mich, als ich 1980 mein Coming out hatte, da war klar, dass in bestimmten Kreisen  „meine Freundin“ gleichgesetzt war mit „meine Partnerin“. Heutzutage kann „meine Freundin“ auch meine beste Freundin oder meine Volleyballpartnerin bedeuten. Aufgrund der Kultur der Vielfalt tritt oft eine Kultur der Beliebigkeit zutage. Da sehne ich mich doch nach lesbischer Eindeutigkeit zurück. Und auch nach eindeutiger Antidiskriminierungsarbeit. Nämlich nicht Antidiskriminierungsarbeit für LGBTIQ und wie sie alle heißen, sondern Antidiskriminierungsarbeit für mich als feministische lesbische Frau. Und bitte ohne Schränke!!!

Joni T Ich würde gern nochmal auf etwas zurückkommen, das du vorhin gesagt hast, da ging es um Homophobie. Das heißt ja so viel wie Angst vor Homosexuellen. Für mich ist das durchaus ein Unterschied, ob ich gegen etwas kämpfe, das handfeste Ablehnung oder gar Unterdrückung ist – oder ob ich, um da mal einen Gegensatz zu bilden, gegen Ängste kämpfe. Deshalb glaube ich nicht, dass es funktioniert, wenn wir das gleichsetzen, im Sinne von „Homophobie ist die neue Diskriminierung.“

Konny Was genau ist denn für dich der Unterschied?

Joni T Wenn es um Diskriminierung geht, kämpfe ich für meine eigenen Rechte und Chancen. Wenn es um Homophobie geht, kämpfe ich gegen die (echten oder vermuteten) Ängste von anderen. Das halte ich nicht nur für unrealistisch, sondern auch für unredlich. Was soll denn da das Ziel sein? Das die Leute sich mit Lesben wohlfühlen?

Konny Ich persönliche halte „Homophobie“ für eine falsche Bezeichnung dessen, was eigentlich gemeint ist. „Homophobie“ klingt wie eine Krankheit, die man mit Aversionstherapie heilen kann. Und homophob würde auch heißen, dass es jemand mit einer Lesbe im gleichen Raum nicht aushält, ähnlich wie Spinnenphobie. Und so empfinde ich „Homophobie“ nicht.
Homonegativität wäre als Bezeichnung zutreffender, aber das Wort ist sperriger. Aber gegen Homonegativität zu kämpfen, würde bedeuten, dass sich Leute nicht nur mit Lesben wohl fühlen, sondern dass es ihnen im Endergebnis egal ist, ob sie mit einer Lesbe im Raum sind. Das bedeutet, Aufklärungsarbeit und Vorurteilsbekämpfung und außerdem Machismen und Frauenfeindlichkeit aus den Köpfen der Leute herauszubekommen. Es geht einfach nicht an, dass ich immer wieder gefragt werde „und was macht Ihr Mann beruflich?“

Joni T Und was macht er beruflich?

Konny (lacht) Lesbenpolitik, manchmal 😉

Joni T Ich sage in solchen Situationen einfach „Meine Partnerin ist EDV-Fachfrau, so etwas ähnliches wie unser System-Administrator“.  Die häufigste Replik ist „Oh, hier am Ort? Wie heißt denn ihre Firma?“ Mir ist auch wichtig, dass mein Gegenüber nicht gleich ein schlechtes Gewissen bekommt, nur weil sie Lesben gerade nicht präsent hatte, sondern dass sie geschmeidig aus der Situation herauskommen kann und nächstes Mal vielleicht nicht so ignorant fragt. Möglicherweise hilft das sogar gegen Ängste. Können eigentlich auch Leute eine Homophobie haben, die noch nie eine oder einen Homo gesehen haben? Oder wäre das Phantomangst?

Konny (lacht) Oh, „das lesbische Phantom“, darauf freue ich mich schon beim nächsten L-Talk!!!

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