Auch eine Form von Lesbengeschichte: Spielfilme. Die L-Filmnacht präsentierte in den letzten Monaten gleich drei Filme mit Geschichtsbezug: Gigola, Sea Purple (Viola di mare) und zuletzt Die geheimen Tagebüchter der Anne Lister.

Mit einem Gespräch über die drei Filme setzen wir bei L-talk unsere neue Reihe „Lesbatte“ fort.

Konny: Ich fand „Anne Lister“ auch langweilig. Es war eine kitschig erzählte Liebesgeschichte, viel Gefühl, aber keine Handlung.

Joni T: Bei Gigola und Sea Purple haben mir die Kostüme und die Kulisse ausgezeichnet gefallen. Beides war „Großes Kino“. Zum Beispiel bei Gigola die Nachtszenen und die Erschaffung einer verworfenen Subkultur mit Charme und Stolz. Was Gigola mit der Pariser Szenerie gelang, schuf Sea Purple mit seinen grandiosen Landschaftsaufnahmen Siziliens. Alle drei Filme hatten wenig Handlung. Woran liegt es, dass das bei Anne Lister zum Problem wurde und bei den anderen nicht?

Die geheimen Tagebücher der Anne Lister

Anne Lister (links) und Ann Walker in: Die geheimen Tagebücher der Anne Lister, Quelle: polyband Medien GmbH

Konny: Na ja, es gab weder grandiose Landschaftsaufnahmen noch eine sichtbare verworfene Subkultur. Was es gab, war ein schlossähnliches Haus,
Shibden Hall, auf dem Anne Lister mit ihrer Tante und ihrem Onkel lebte. Auch diese beiden waren unverheiratet. Aber selbst aus diesem Nebenstrang hat der Regisseur James Kent nichts gemacht. Das war auch das, was mich am meisten gestört hat: Man hat nicht gemerkt, dass der Film 1821, also vor 200 Jahren spielt, er hätte genausogut jetzt spielen können. Ich hatte mir aufgrund der Filmbeschreibung mehr versprochen!

Joni T: Du hat Recht: Die Tante und der Onkel waren interessante Nebenfiguren – über sie hätte ich gern mehr erfahren. Dafür, dass sie Singles geblieben sind, gab es bestimmt auch sehr persönliche Gründe, welche auch immer. Anne Lister ist eine historische Person, die tatsächlich gelebt hat. Ich habe gelesen, dass sie Tagebücher im Umfang von rund 4 Millionen Wörtern hinterlassen hat, teilweise chiffriert. Sie soll auch sehr maskulin aufgetreten sein, was immer damals darunter verstanden wurde. Sie selbst sah das offenbar differenzierter:

„Yet my manners are certainly peculiar, not all masculine but rather softly gentleman-like. I know how to please this fair maiden of mine.“
[Anne Lister, Tagebücher, 1820, zitiert nach Wikipedia]

In den anderen beiden Filmen nahm der bewusste Umgang mit Geschlechter-Flexibilitäten ja großen Raum ein; bei Anne Lister wurde das weniger betont.

Konny: Ja, leider. Ihre Dauer-On/Off-Geliebte Mariana nannte Anne ja auch Freddie. Obwohl Anne gar nicht nach Freddie aussah. Zumindest nicht in den ersten 7/8 des Films. Erst zum Schluss, als sie eine neue Geliebte hatte, kleidete sie sich in Frack und Zylinder.

Szene aus "Gigola": Georgia und Cora, Quelle: Pro Fun media, www.pro-fun.de

Joni.T: Du hast oben die 200 Jahre Differenz zwischen Anne Listers Zeit und unserer erwähnt. Wenn wir mal auf die Mitte gucken, Anfang des 20. Jahrhunderts, zu Radcliffe Hall und Una Troubridge, entsteht schon der Eindruck, dass flexibler Umgang mit erwarteten Geschlechtergrenzen immer wieder eine Rolle spielt. Und wenn wir mal Anne Lister nehmen, Radcliffe Hall, die Figur von George (Lou Doillon) in Gigola und die von Valeria Solarino gespielte Angela / Angelo in Sea Purple, finde ich die gleiche Art von Muster in den Beziehungen: Eine Person, die Gender-Grenzen offensiv, sichtbar und angreifbar überschreitet und die andere, die ihre Neudefinition von Geschlecht innerhalb der vorgegebenen Gender-Begrenzungen ausdehnt.
Wurde Radcliffe Halls Quell der Einsamkeit eigentlich je verfilmt?

Konny: Nein, schade. Leider wurde der Brunnen (ugs. für Quell der Einsamkeit) bis heute nicht verfilmt. Aber in der heutigen Zeit, wo wir mehr mit Geschlechterrollen spielen zu scheinen als noch vor hundert Jahren, findet vielleicht jemand Interesse daran, ihn jetzt zu verfilmen. Lohnenswert wäre es allemal! Aber bleiben wir mal bei den freiwillig (!) gewählten Geschlechtern. In Sea Purple fand ich interessant, dass Angelo – obwohl alle wussten, dass es Angela war – in der Rolle als Angelo mehr geachtet als Angela. Ist es also nur die Kleidung?

Joni.T: Kommt dir das so vor? Ich möchte in Frage stellen, dass heute mehr mit Geschlechterrollen „gespielt“ wird als früher. Tatsächlich wissen wir es nicht, und je etablierter das gewählte Geschlecht war, desto weniger dürfte darüber gesprochen worden sein. Bei den drei Filmen jedenfalls (und natürlich auch bei dem Roman) gab es eine Butch-Femme Rollenidentität, die keineswegs „männlich“ und „weiblich“ definiert war, sondern sehr besonders und sehr eigenständig. Die Kleidung erschien mir mehr wie ein Accessoire, wie etwas, um das eigene Sein nach außen zu tragen und zu illustrieren. Keineswegs jedoch wie etwas, von dem das eigene Sein bestimmt wird.
Wie siehst du die Rolle der Femmes in den drei Filmen? Marie Cremer als Cora in Gigola, Isabella Ragonese als Sara in Sea Purple und Christine Bottomley als Ann Walker in den Geheimen Tagebüchern der Anne Lister?

Konny: Also, Christine Bottomley als Ann Walker fand ich anfangs schüchtern und später hinreißend. Sie ist an der Seite ihrer Butch enorm gewachsen. Wie die Butch auch an ihr 😉 Und sie haben zusammen enorm Geld gescheffelt ;-))) Marie Cremer als Cora fand ich ziemlich femme, sie brauchte eine Beschützerin ohne einen Zuhälter zu haben. Selbstbewusst war sie auch, sonst hätte sie es mit Georgia nicht ausgehalten. Und Isabella Ragonese als Sara fand ich zum einen wunderschön und zum anderen unglaublich mutig und offen lesbisch. Wie sie es geschafft mit mit Angela/-o zusammen zu ziehen, gemeinsam ein Kind zu bekommen und zusammenzuleben, als sei dies das Normalste auf der Welt, das fand ich schon sehr beeindruckend.

Joni.T: Alle drei Charaktere waren offen lesbisch. Vielleicht ist das auch der zentrale Unterschied zwischen Femmes und „femininen Lesben“? Kürzlich habe ich das neue Buch von Jeanne Córdova gelesen, und sie schreibt, genauso wie Jahre zuvor Leslie Feinberg, dass in der Bar-Szene der 1950er und frühen 1960er Jahre die Butches im Zentrum standen und später, seit sozialen Bewegungen, Feminismus und neuer Frauenbewegung, die Femmes die bedeutendere Rolle in der Lesbenbewegung bekamen. Ihre Analysen sind aber ganz unterschiedlich. Während Feinberg beschreibt, dass die Femmes in Zeiten deer Frauenbewegung eher „hineinpassen“, findet Córdova, dass Revolutionen immer von den am meisten Unterdrückten ausgehen, was für sie die Femmes waren. Feinberg schrieb das 1993 über eine Zeit, die damals rund 20 Jahre zurücklag und Córdova 2011 über eine Zeit, die rund 40 Jahre zurückliegt, daher mag die Erinnerung auch vom heutigen Sein bestimmt sein. Vermutlich ebenso wie die Butch-Charaktere in diesen Filmen.

Szene aus Sea Purple

Szene aus "Sea Purple": Sara und Angela / Angelo, Quelle: Pro Fun Media, www.pro-fun.de

Konny: Ach, das ist ja interessant! Der zentrale Unterschied zwischen Femmes und „femininen Lesben“ könnte also der sein, dass die Femmes immer offen lesbisch waren. Diese Erkenntnis wäre ja eine tolle Bereicherung für die Lesbenszene überhaupt und würde den lange währenden Streit über „feminine Lesben, die aussehen wie Heteras“ ja endlich den Wind aus den Segeln nehmen!!!

Joni.T: Du machst dich über mich lustig 🙂
Die Bedeutung wird wohl auch hier von denen aufgeladen, die diese Begriffe benutzen. Wenn es um Geschichte geht, nehme ich wahr, dass es lesbische Frauen gibt, die sehr aktiv und radikal um die Anerkennung ihres Lebens mit einer anderen Frau gekämpft haben, und die gleichzeitig so „frauentypisch“ für ihre jeweilige Zeit ausgesehen haben, dass sie durchaus als Hetera hätten durchgehen können. Dafür haben sie sich aber nicht entschieden, sondern sie haben radikal, bewusst und offen lesbisch gelebt. Und, um auf die Filme zurückzukommen, über die wir hier reden, sind die Charaktere Sara, Cora und Ann Frauen, die sich durchaus dafür entschieden haben, lesbisch zu leben und für das Recht auf ihr lesbisches Leben und ihre Liebe zu kämpfen. Die erste Liebe Anne Listers, Mariana Belcombe, trifft genau diese Entscheidung nicht. Sie will die Privilegien, die ihre Klasse verheirateten heterosexuellen Frauen verspricht und verlangt gleichwohl bedingungslose Treue von Anne. Heuzutage würde sie vermutlich auch in lesbischen Zusammenhängen agieren, und viel Zeit bei ihrer Therapeutin verbringen. Mariana Belcombe ist daher auch ein sehr moderner Charakter. Ich fand sie ganz hervorragend übersetzt in die Zeit, in der dieser Film spielt, denn da fällt die Variante mit jahrelangen on-and-off-Therapien weg, sondern Mariana muss ganz klassisch sich entweder bekennen oder ihre Liebe verraten. Wie wir wissen, entscheidet sie sich für letzteres. Anne bezahlt dafür fast mit ihrer geistigen Gesundheit.

Konny: Sag ich doch! Der Film fühlt sich an, als ob er heute spiele. Vielleicht mochte ich ihn deshalb nicht, weil ich keinen „Fortschritt“ in 200 Jahren Lesbengeschichte spüren konnte. Mariana trifft wirklich die gleichen Entscheidungen wie viele Frauen heute. Und übrig bleiben die taffen, aufrechten Butches und Femmes, die für die Realisierung ihrer Wünsche gerade stehen und geradeaus gehen. DIE finde ich wirklich stark. Und über solche sollte es viel mehr Filme geben! 😉

Links und Quellen:

  • Gigola, Ein Film von Laure Charpentier, Frankreich 2010, 102 Minuten, deutsche Synchronfassung, FSK 16. Mit Lou Doillon, Eduardo Noriega, Marie Kremer, Rossy De Palma im Verleih der PRO-FUN MEDIA, mehr Information und Bestellmöglichkeit über Konnys Lesbenseiten
  • Die geheimen Tagebücher der Anne Lister, R: James Kent, UK 2010, 92 Minuten, deutsche Synchronfassung, FSK 12, mehr Information und Bestellmöglichkeit über Konnys Lesbenseiten
  • Sea Purple (Viola di mare), 7. Oktober 2011, Italien 2009, Regie: Donatella Maiorca mit Maria Grazia Cucinotta, Ester Cucinotti, Ennio Fantastichini, ital. m. dt. UT, FSK 12, 105 Min., Studio: Pro-Fun Media, mehr Information und Bestellmöglichkeit über Konnys Lesbenseiten
  • Radcliffe Hall: Quell der Einsamkeit, dt. 1991, Daphne Verlag (Krug und Schadenberg), mehr Information und Bestellmöglichkeit über Konnys Lesbenseiten
  • L-Filmnacht: die nächsten Filme und Termine
  • Jeanne Córdova: When We Were Outlaws, Spinster Inc, Nov. 2011, Bestellmöglichkeit über Amazon (auch als Kindle)
  • Leslie Feinberg: Stone Butch Blues (Träume in den erwachenden Morgen), dt. 1996 / 2003, Krug und Schadenberg, mehr Information und Bestellmöglichkeit über Konnys Lesbenseiten