Viel Sonne und Meer, Toskana, Tralala und Homophobie, steile Berge, große Städte und politische Talfahrten – und Lesben in Italien? Trauriges und Tröstendes über eine rheinisch-genuesische Liebe in der Mitte des 19. Jahrhunderts – hier zusammen mit meiner Verneigung vor der Wissenschaftlerin Angela Steidele und der deutschsprachigen Lesbenforschung am Beginn des 21. Jahrhunderts.

„Das Feuer meiner Liebe und Begeisterung, die ich für dich empfinde, wie soll ich sie dir nur ausmalen, – eine so liebliche Empfindung, dass ich den ganzen Tag glücklich war“, schreibt Laurina Spinola aus Genua an Sibylle Mertens-Schaaffhausen, nach deren Rückkehr an den Rhein, am 14. März 1837, in derjenigen Sprache, in der sie sich liebten und verständigten: Französisch. Zum Glück sind Laurina Spinolas Briefe erhalten. Es sind einzigartige Dokumente für die Frauenliebe in den Jahren bevor die „Lesbierin“ als solche benannt werden würde, also in dem uns heute vertrauten Verständnis.

de.wikipedia.org – gemeinfrei nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts

Sibylle Mertens-Schaaffhausen; de.wikipedia.org – gemeinfrei nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts

Körperliche Düfte als Trost

„Ich liebe dich so sehr, dass ich alles liebe, was dich berührt und was du getragen hast“, „sei so gut, gib Freunden, die zu uns kommen, etwas mit, das du diesen Herbst viel getragen hast“ und: „du musst mir unbedingt ein paar Unterhemden schicken wie diejenigen, die du mir schon gegeben hast, und zwar solche, die du viel getragen hast. – sieh mir diese Torheit nach, Sachen von dir haben zu wollen, aber ich liebe dich so sehr,“ schreibt Laurina an Sibylle zwischen August 1836 und Februar 1837. Und am 18. Juni 1837: „Ich liebe dich mehr denn je. Während meiner ganzen Krankheit habe ich mich mit allem umgeben, was du mir gegeben hast. Deinen Ring habe ich mit Tränen benetzt, man soll ihn dir zurückgeben, wenn ich … ich will es nicht aussprechen um dir keinen Kummer zu machen, ach.“

Kennen gelernt hatten sich Sibylle Mertens-Schaaffhausen und Laurina Spinola in Genua, wohin Sibylle am 11. Juni 1835 zur Kur aufgebrochen war, mit den drei jüngsten ihrer sechs Kinder, „im eigenen, zweispännigen Wagen, mit Kutscher, Kammerjungfer, einem großen Hund und dem halben Hausstand“, so beschreibt es Angela Steidele in ihrem gut recherchierten und sehr lesenswerten Buch Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens (2010).

Frauenliebe und Politik

wikimedia commons – cc-by-sa-2.0

The Cliffs of Quinto Nervi (Genoa, Italy); wikimedia commons – cc-by-sa-2.0

wikimedia commons - public domain

Armenhaus Albergo dei Poveri (Genova); wikimedia commons – public domain

Palazzo Reale (Genova); wikimedia commons, Foto: Giovanni Dall'Orto

Palazzo Reale (Genova); wikimedia commons, Foto: Giovanni Dall’Orto

Während ihres zwölfmonatigen Aufenthalts mit der ersten Anlaufstelle bei einem Bankier kommt Sibylle oft nicht vor Morgengrauen ins Bett. Als Kur hatte Sibylle sich u.a. das Baden zwischen den Felsen morgens um 6 verschrieben, darüber jedenfalls berichtet sie in Briefen an Adele Schopenhauer. Während ihres „Kur-Aufenthalts“ organisiert Sibylle zudem in großem Umfang Abhilfe für Cholera-Betroffene, u.a. baut sie ein Waisenhaus auf. Der Arzt, mit dem sie zusammenarbeitet, stirbt selbst an Cholera, Sibylle überlebt und macht weiter.

Und Sibylle verliebt sich gänzlich in Laurina Spinola, die, verwitwet und reich, ihre persönliche und finanzielle Unabhängigkeit dafür nutzt, verschiedene demokratisch gesinnte Freunde für das Risorgimento politisch zu unterstützen. Spinola handelt u.a. zugunsten von Giovanni Ruffini bei dessen Flucht aus dem Gefängnis. Zwar steht sie dafür unter geheimer Beobachtung, aber die damalige Regierung traute sich nicht näher heran, denn Spinola gehörte der Genueser Hocharistokratie an. Interessante Aspekte zu Geld und Politik. Vor zwei Jahren wurde in Italien die 150-jährige Wiederkehr jener Staatsgründung gefeiert, die auf der Basis eben dieses demokratisch orientierten Risorgimento erfolgte.

Die Hinterbliebene vom Rhein

Laurina war am 11. März 1838 gestorben, zwei Jahre, nachdem Sibylle aus Genua wieder abgereist war. Sie hatte am Rhein wieder andere Familienpflichten wahrzunehmen. Als die Nachricht von Laurinas Tod Sibylle zehn Tage später erreichte, hat sie drei Tage lang ununterbrochen geweint. In ihr Tagebuch schreibt sie am 10. Mai 1838 auf Französisch: „Meine Freundschaft zu dir war eine Leidenschaft“ und beschreibt in diesem Eintrag ausführlich, welche große Liebe sie hegte für Laurinas Qualitäten an Seele und Herz. Später, am 31. März 1841 notiert Sibylle: „Ich kann über all meine Empfindungen in dieser Beziehung mit N i e m a n d e m sprechen; denn wer würde mich begreifen? Ist es mir selbst doch mitunter ein Räthsel, zu dem meinem Verstande jeder Schlüssel fehlet, und dessen Schlüssel nur mein Herz denkt.“

Bei Gelegenheit ihres nächsten Aufenthalts in Genua 1843 betrachtete Laurinas Vater, Gian Carlo di Negro, Sibylle als Hinterbliebene seiner Tochter. „Die traurigen Verse, die er über Laurinas Krankheit und Tod drucken ließ, trug anstelle eines Titels nur die Widmung A Sibilla Mertens Schaffhausen“, schreibt Angela Steidele. Ich verneige mich.

von der Verlagswebsite

von der Verlagswebsite

Quelle und Lesetipp:

Angele Steidele: Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens. 2010, Insel-Taschenbuch 2011. Inhaltsverzeichnis

Siehe auch:

Einkommensmodelle einer Co-Mutter auf Zeit, Wien 1835: Anna Brownwell Jameson, publiziert am 4. Februar 2013 von Claudia

Rom, Kunstgeschäft und Frauenliebe im 19. Jahrhundert: Das „Marmorrudel“ (Lesben in Italien, Teil 4), publiziert am 1. März 2013 von Claudia