Dieser Beitrag entstand für das Lesbenring-Info 1-2012 mit dem Schwerpunkt „Kommunikative Lesbenwelt“. Konny schreibt dort über Konnys Lesbenseiten, lesben.org; Joni T. über L-talk, Dorothea Heimann über gewaltfreie Kommunikation und Andreas Meyer über Kommunikation im Spiel. www.lesbenring.de

L-talk existiert seit 2008 und hat eine Vorgeschichte: L-forum, ein Forum für Lesben ab 40. L-forum hat auch eine Vorgeschichte: Lesbische Zeiten, ein anderes Forum. Davor kamen andere Seiten, private Homepages seit den 1990ern und, parallel zu diesen aufeinander folgenden Medien, ständig die Präsenz von Konnys Lesbenseiten, die in der deutschen lesbischen Web-Geschichte gefühlt „schon immer“ da waren. Konnys Lesbenseiten und Konny selbst sind mit L-talk eng vernetzt: Konnys Lesbenseiten machen die L-talk Beiträge auf ihrer Startseite bekannt, und L-talk vertieft für Konnys Lesbenseiten einige Themen, für die eine kurze Meldung unter „Neuigkeiten“ nicht ausreichen würde.

2006 haben Konny und ich mit einigen weiteren Frauen nach einem Internet-Medium gesucht, in dem Lesben über 40 gemeinsam Perspektiven entwickeln können. Wir wollten Austausch, wir wollten unsere Erfahrungen einbringen und wir wollten dazu beitragen, wie die (lesbische) Welt von Morgen aussieht. Konkret blieben drei Initiatorinnen übrig und heraus kam ein Forum: L-forum.

2008 begann ich parallel mit L-talk. Das hatte mit einer großen Sehnsucht zu tun, Gedankengänge zu Ende zu denken und Ideen weiterzuentwickeln. 2009 verschenkten wir L-forum an eine Gruppe von Nutzerinnen, die es gern weiter betreiben wollte. Wir hatten einiges Geld und sehr viel Arbeit hineingesteckt. Indem wir es verschenkten, wollten wir Nachfolgerinnen eine Kontinuität ermöglichen und vor allem sicherstellen, dass wenigstens hier kein Privateigentum an lesbisch-feministischen Kommunikationsmitteln entsteht.

Inhaltlich hat L-talk sich seit 2008 erheblich weiterentwickelt. Einige Mit-Autorinnen sind hinzugekommen, andere wieder gegangen. Einige schreiben sporadisch, andere sind einmalig als Gastautorin dabei. L-talk Autorinnen haben sehr unterschiedliche und persönliche Schreibstile, und jede von ihnen hat etwas zu sagen. Das macht eine Stärke von L-talk aus. Grundsätzlich gilt: Wenn ein Beitrag gut geschrieben ist, inhaltlich interessant ist und zum L-talk Profil passt, freuen wir uns sehr und nehmen ihn gern auf. „Wir“ bedeutet: Bevor ich das entscheide, frage ich in der Regel Konny. L-talk ist jedoch kein Kollektivunternehmen mit Redaktionsteam und wird es auch nicht werden.

L-talk hat zufrieden stellende Benutzerinnenzahlen, und eine große Bandbreite an Themen. Schwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und Kultur. Wir haben einen Kalender, den wir nach und nach weiter mit Daten füllen, die wir lesbenpolitisch wichtig finden: Geburtsdaten von berühmten und weniger bekannten Lesben beispielsweise oder Gedenktage zu lesbischen Meilensteinen. Aufgegangen ist der Wunsch, Gedanken auch mal in Ruhe entwickeln zu können.

Als Betreiberin will ich, dass L-talk ihre Vielfalt an Themen beibehält, denn das ist es, was L-talk zu einem, und wie ich finde *dem* einzigen langfristig verbliebenen, explizit lesbischen Blog macht. Lesbisch ist als Begriff weder exklusiv noch exkludierend, wenigstens nicht bei uns. Zurzeit interessiert mich eine thematische  Einschränkung nicht. L-talk soll weiterhin ambitionierten politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Boulevard machen, anständig geschrieben und mit Spaß an der Sache, ohne Werbung und inhaltliche Bindung, außer dass es (auch) einen Blick auf das Lesbische im Leben eröffnen muss.

Nicht aufgegangen ist die Vorstellung, durch eine größere Öffentlichkeit inhaltlich fundierte Diskussionen zu L-talk zu holen. Die Diskussionskultur bei anderen Blogs, die uns inhaltlich gut gefallen, beobachten wir sehr genau und sehen: Einige sehr gute Beiträge werden überrannt von oberflächlichen, gehässigen, langweiligen, ignoranten Massen-Postings. Das wollen wir nicht und daher ermutigt L-talk auch nicht zu Kommentaren. Allerdings ist L-talk schon länger bei Twitter und bei Google+ vertreten und hat nun – 2. Versuch – eine Facebook-Seite eröffnet, weil viele Lesben ihren Kommunikationsschwerpunkt zu Facebook verlagert haben. Die  wichtigen Themen werden aber tiefer, fundierter und klüger anderswo im Internet diskutiert und sehr viele von ihnen in Blogs.

Eine Stärke von Blogs oder Homepages besteht darin, dass sie es Nutzerinnen und Macherinnen leicht machen, wichtige Informationen auch noch nach Jahren wiederzufinden und aufzugreifen. Facebook ist, ebenso wie Twitter, in Ordnung, um kurz zu informieren oder sich schnell mal darüber auszutauschen, wo was stattfindet. Für alles andere möchte ich als Betreiberin und als Autorin, dass das geschriebene Wort eine Weile Bestand hat, überprüft werden kann, kritisch aufgegriffen wird und über längere Zeiträume in den Strom unserer eigenen lesbischen Gegenwart und Zukunft einfließt.

Ein Blog ist für mich nicht wie ein Buch oder eine Studie. Ein Blog ist für mich – die Älteren, die in den 1970er und 1980er Jahren politisch aktiv waren, werden das erinnern – wie die kleinen, liebevoll von Hand gestalteten, mit vereinten Kräften unter das (lesbische) Volk gebrachten Broschüren: das konnten Texte über Frauenhäuser sein, eigene Gedichte oder Zeichnungen oder Kurzprosa, seltene Texte von Feministinnen aus anderen Ländern wie Angela Davis und aus anderen Zeiten wie Virginia Woolf, Chroniken politischer Kämpfe wie Hausbesetzungen, Manifeste unserer Lebensrealität. Diese Broschüren waren vielfältig, sie waren international, sie wurden mit Mut, Phantasie und Subversivität sorgfältig erstellt, verteilt und vor allem diskutiert. Ein einzelnes Blog kann das nicht leisten, aber viele Blogs, Portale und Homepages können es. „Gut“ oder „nicht gut“ spielt dabei keine Rolle: die Vielfalt selbst ist der Reichtum.

Geschichte wird uns nicht übergestülpt, sie wird gemacht. Auch lesbisch-feministische Geschichte wird gemacht. Blogs können dazu beitragen, ich hatte Lust darauf und deshalb gibt es L-talk.