Sie sei eine „Heilige der lesbischen Boheme“, schrieb der Spiegel 1984, und:

„Zum Begräbnis in Stockholm fand sich eine schillernde Gemeinde ein: die feine schwedische Gesellschaft und die homosexuelle Halbwelt, die etablierte Prominenz aus Kultur und Wissenschaft und die politisch heimatlose Linke.“

Bild von Karin Boye (Wikipedia)

Karin Boye, Bild: Wikipedia

Vor gut 110 Jahren, am 26. Oktober 1900, wurde Karin Boye in Göteborg geboren. Sie studierte, erreichte einen Hochschulabschluss als filosofie magister von der Universität Stockholm, und war politisch und künstlerisch aktiv.

1929 heiratete sie Leif Björk, der wie sie der radikal pazifistischen Clarté Bewegung angehörte. Einiges spricht dafür, dass es sich um eine Scheinehe handelte. Im Jahr 1932 hatte Karin Boye eine Beziehung mit Gunnel Bergström, die ihren Ehemann, den Dichter Gunnar Ekelöf, wegen Boye verließ. Karin arbeitete als Lehrerin und als Journalistin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

Berliner Abenteuer

Sie reiste viel, unter anderem häufig nach Berlin. Über ihre Berliner Abenteuer schrieb sie in einem Brief an ihre Freundin Kajsa Lönngren:

„Insbesondere habe ich mit einer kleinen Athenerin Bekanntschaft gemacht, die ich als Gigolo in einem weniger bekannten Damenclub fand … Eine Figur, wie ich noch nie vorher ihresgleichen sah, lustig – würdige kleine Person, pessimistisch und jungenhaft, immer in Herrenkleidung.“

Während eines stürmischen und aufregenden Berlinaufenthalts 1932/1933 lernte sie die neunzehnjährige Margot Hanel kennen, die sie mit nach Stockholm nahm und mit der sie bis zu ihrem Tod 1941 zusammenlebte. Sie bezeichnete sie als „meine Frau“.

Liebe und Abhängigkeit

Die Beziehung war nicht einfach. „Karin Boye distanziert sich von der Wirklichkeit und ist gewissermaßen ebenfalls verstummt,“ schreibt Karen Hvidtfeldt Madsen:

„Sie hat Thomas Manns Zauberberg ins Schwedische übersetzt und fühlte sich zunächst von der Liebesgeschichte des Romans ergriffen. Später empfindet sie jedoch Abscheu von dem ihrer Meinung nach in dem Roman immer deutlicher werdenden völlig partriarchalisch dominierten Denken, das die Frauen demütigt und zu Objekten herabwürdigt. (…) Sie ging nach Berlin und ging eine lesbische Beziehung zu der psychisch schwachen und unselbständigen Margot ein. Sie hatte die jüdische Margot nach Stockholm mitgenommen und ihr damit das Leben gerettet, was allerdings ein Zufall gewesen sei, erzählt Boye, da sie damals nicht gewusst habe, dss sich die Freundin in Lebensgefahr befand. Sie habe nur egoistische Motive gehabt.“

Die beiden Frauen leben bis 1940 gemeinsam in Stockholm. Die Monate vor ihrem Tod verbringt Karin Boye in Alingsås bei Anita Nathorst Margot Hanel, Bild: karinboye.se– einer ihrer engsten Freundinnen – die schwer krebskrank ist. Karin entdeckt nach 20 Jahren Freundschaft, dass sie Anita liebt. An einen Freund schreibt sie:

„Ist es nicht schrecklich seine ganze verdammte Pubertät noch im hohen Alter zu spüren? Dass nicht einmal diese Zeiten und der Untergang der westlichen Welt einen daran hindern, wie ein Kartenhaus zusammenzustürzen und wie Zunder zu brennen -und dann, wenn man endlich das erreicht, was 20 Jahre latent in einem geruht hat, liegt die betreffende Person krebskrank im Sterben und ist ausreichend mit Radium bestrahlt, um keinen Funken Geschlecht mehr übrig zu haben.“

Boyes Roman Krisis beschreibt ihre religiöse Krise und ihre Auseinandersetzung mit ihrem lesbischen Leben. In weiteren Romanen, Gedichten und Kurztexten beschäftigte sie sich Fragen von Gender, Rollen und Identitäten.

Karin Boye hat einen bedeutenden Anteil an der schwedischen intellektuellen Szene der 1930er Jahre. So war sie Mitgründerin des einflussreichen Lyrikmagazins Spektrum, das den Surrealismus nach Schweden brachte und war maßgeblich für die Übersetzung der Texte von T. S. Elliot ins Schwedische verantwortlich.

Karin Boyes subversive Sehnsucht

Ihr in Deutschland berühmtestes Werk ist der Roman Kallocain (1940): eine Dystopie, angelehnt an die Schrecken des Nationalsozialismus. Der Roman gehört zu den großen Utopien / Dystopien, wie Orwells 1984 oder Huxleys Schöne neue Welt.

Zwei Supermächte, der Weltstaat einerseits und der Universalstaat andererseits, haben die Erde unter sich Karin Boye: Kallocain, Delfin Verlagaufgeteilt. Die Gesellschaft ist militaristisch organisiert: die einzig gebräuchliche Anrede ist „Mitsoldat“ (schwedisch „medsoldat“). Auf Feiern wird nicht getanzt, sondern marschiert.

Liebe als subversive Sehnsucht in den Einzelnen ist in Kallocain ein Traum ohne jede Chance auf Realisierung. Die Menschen haben Angst, die Stimmung ist paranoid. Ihre Sehnsüchte werden in bedrückende gegenseitige Kontrolle kanalisiert. Es gibt kein Vertrauen, und wenn es welches gäbe, würde es vom Staat unterbunden oder an der eigenen Angst ersticken. Aber sie können es nicht lassen: Immer wieder versuchen Menschen zu lieben und scheitern daran.

Nicht Retterin unterdrückter Männlichkeit

Ganz anders als Orwell oder Huxley entwickelt Boye die Rolle der Frauen in der dystopischen Gesellschaft. Auch wenn die Themen – Leben, Anpassung und Widerstand in einem totalitären System – sich ähneln, stehen Frauen nicht als Retterinnen der unterdrückten Männlichkeit zur Verfügung. Boyes Gender-Begriff ist ein moderner, kritischer und legt den Grundstein für die Heldinnen späterer Zukunfts-Visionen.

Aus der Depression half ihr der Erfolg nicht heraus. Karin Boye, „I rörelse“ aus ihrem dritten Gedichtband „Härdarna“, 1927:

„Unser Lebenslauf hat zwar Ziel und Sinn – doch der Mühe wert ist nur der Weg dorthin.“

Karin Boye vergiftete sich am 24. April 1941 in einem Wald in Alingsås in Schweden. Einen Monat danach beging auch Margot Hanel Selbstmord. Im August desselben Jahres starb Anita Nathorst._

Links und Quellen:

  • Karin Boye: Kallocain, Kiel: Neuer Malik Verlag, 1989
  • Karin Boye bei Wikipedia
  • Karin Boye Verein (schwedische Website, ausführlicher deutscher Teil)
  • Bettina Roß: Politische Utopien von Frauen. Von Christine de Pizan bis Karin Boye, Dortmund: Edition Ebersbach 2002
  • Karen Hvidtfeldt Madsen: Widerstand als Ästhetik: Peter Weiss und „Die Ästhetik des Widerstands“, Wiesbaden: Deutscher Universitäts Verlag 2003 (Zitat S. 191)
  • Alexandra Bader: Rezension von Kallocain bei CeiberWeiber.at
  • Harald Wieser: Eine Optimistin voller Angst, Der Spiegel, 16.07.1984
  • Claudia Reinhardt – Todesarten, Killing Me Softly, Galerie Andreas Engel, 13.03.2004 – 11.04.2004, kunstaspekte.de
  • David McDuff: Karin Boye – a biographical profile, Nordic Voices, A blog mainly about literature and life in the Nordic countries, Teil 1 21.10.2009 und Teil 2 22.10.2009
  • Karin Boye Kurzbiografie bei fembio.org