Interviews gehören zu Deinem Beruf dazu – hast Du noch einen ungefähren Überblick, wie oft Du schon Rede und Antwort gestanden hast? Und hängt Dir die Fragerei nicht bisweilen zum Halse heraus?

Nein, ich habe keinen Überblick mehr, aber ich antworte immer gern auf Fragen!

Welche Fragen magst Du gar nicht (mehr) hören?

Keine. Ich finde jede Frage in Ordnung, und es gibt auch keine guten oder schlechten Fragen.

Und welche würdest Du gerne endlich einmal gestellt bekommen?

Garantiert eine, die mir selbst nicht einfallen würde!

Du hast inzwischen gut zwei Dutzend Bücher veröffentlicht. Welches ist Dein persönlicher Favorit?

Den gibt es nicht. Ich finde alle meine Bücher sehr unterschiedlich und nicht unbedingt zu vergleichen. Aber es gibt einige, an denen mein Herz besonders hängt – weil ich so lange daran geschrieben habe. Dazu gehören zum Beispiel „Bilder von ihr“, „Bis ich sie finde“ und „Leise Töne“ – aber auch „Steingesicht“ und „Ein Stern namens Mama“. Und jetzt könnte ich einfach weiter aufzählen….

Ist auch ein – inzwischen – „ungeliebtes Kind“ dabei?

Nein. Ich hab jedes meiner Bücher gern, auch wenn ich nicht aus allen gleich gern vorlese.

Was empfindest Du, wenn – vermutlich nach Monaten – Deine Arbeit an einem Buch beendet ist?

Manches Mal wahren Abschiedsschmerz – und den umso schlimmer, je länger ich an dem Buch gearbeitet habe. Bei „Leise Töne“ war es am schlimmsten, vielleicht muss ich deshalb jetzt auch erstmal eine kurze kreative Pause einlegen.

Kannst Du Dich gleich ans nächste Werk machen oder musst Du erst einmal Abstand gewinnen?

In der Regel lege ich eine kurze Schreibpause ein – einige Wochen, in denen ich aber immer andere Dinge zu tun habe: Lesereisen, Recherchen, Seminare geben und anderes. Freizeit oder Urlaub oder richtig Pause habe ich so gut wie nie.

Hast Du bestimmte Rituale oder „schreibensnotwendige Accessoires“? Kannst Du überall schreiben?

Nein, ich kann nicht überall schreiben – ich brauche unbedingt Ruhe und am liebsten einen schönen Ausblick. Wenn es geht, mit einem Baum vorm Fenster.

Was machst Du, wenn Dich die berühmt-berüchtigte Schreibblockade heimsucht?

Die hat mich zum Glück noch nie heimgesucht. Aber es gab Phasen, in denen ich mich bewusst dazu entschieden habe, eine Zeitlang nicht zu schreiben. Ansonsten hilft, wenn es mal hakt, immer Bewegung: Wenn ich mich selbst bewege, bewegt sich auch etwas in meinem Kopf.

Von der Idee bis zum Buch: Wie konkret sind Deine Vorstellungen, wenn Du mit dem Schreiben eines neuen Buches beginnst? Kommen ungeahnte Entwicklungen vor, erlebst Du bisweilen echte Überraschungen?

Ich weiß vorher immer auf jeden Fall das Ende und den Anfang, den Tonfall und die Erzählperspektive. Und ein grobes Gerüst mache ich mir auch, von dem ich mich dann leiten lasse. Aber so richtig gefüllt wird das alles dann beim Schreiben selbst, ein Prozess, der mir unglaublichen Spaß macht.

Gibt es auch unvollendete Werke, die sich partout nicht schreiben lassen wollten?

Nein – aber es gibt Ideen, die ich dann doch nicht umgesetzt habe. Oder bislang nicht.

Was geht Dir leichter von der Hand: Kinder- und Jugendbücher oder die Romane für die erwachseneren LeserInnen?

Beides geht mir gut von der Hand, leichter zu strukturieren sind allerdings die Kinder- und Jugendbücher, die nicht allzu kompliziert aufgebaut werden dürfen. Aber Spaß macht mir alles, und zwar sehr!

Kennst Du die Sorge, dass ein Buch sich als Flop erweisen könnte?

Ja, sicher – ob ein Buch ankommt, lässt sich nicht genau voraussagen, und vielleicht ist genau das ja auch das Spannende: dass die Ungewissheit mich dazu bringt, nie nachzulassen in meiner Sorgfalt.

Liest Du eigentlich noch Rezensionen zu Deinen Büchern?

Klar, wenn ich sie in die Hand bekomme, immer! Aber einiges entgeht mir, und ich habe selten Zeit und Muße, gezielt im Netz danach zu suchen.

Wie wichtig ist Dir überhaupt die Meinung anderer Menschen?

Sehr wichtig. Immerhin lebe ich ja davon, dass andere Menschen das schätzen, was ich mache!

Woran arbeitest Du zur Zeit?

Daran, meine in all den Jahren gesammelten Notizen zu sichten. Und mein Leben neu in Form zu bringen ;-). An einem Buch allerdings arbeite ich gerade in diesen Wochen ausnahmsweise mal nicht, aber das wird nicht lange so bleiben…

Wie sieht Dein typischer Arbeitsalltag aus?

Kaffee und Zeitung im Bett, mit dem Hund rausgehen, einkaufen, nötige Dinge erledigen, Büroarbeit, dann ab 14h schreiben. Und das bis spät abends. Und dann hoffentlich noch ein bisschen angenehme Ablenkung 😉

Und der optimale Ruhetag?

Spazierengehen auf jeden Fall. Über alles andere schweige ich mich jetzt mal lieber aus!

Gönnst Du Dir den regelmäßig?  ODER: Kommst Du oft in den Genuss?

Nein. Eindeutige Antwort auf beide Fragen!

Du bist ja nicht „nur“ Schriftstellerin, sondern leitest auch Schreibseminare. Zu welchen Themen? Welche Menschen sprichst Du damit an?

Einerseits biete ich Schreibseminare für Frauen an, die gern biographische Texte schreiben möchten, dann auch gezielte Seminare für Frauen, die gern professioneller schreiben möchten, und dann aber auch für HIV-positive und AIDS-kranke Frauen und Männer. Und für Jugendliche ab 13, dann entweder über das Goethe-Institut im Ausland oder aber in Schulen.

Du hilfst damit anderen auf den Weg, aber diese Kurse stellen vermutlich auch für Dich eine persönliche Bereicherung dar, oder?

Aber ja, beides ist der Fall – meine TeilnehmerInnen lernen in der Regel einiges und haben viel Spaß (auch abends in geselligen Runden), aber auch ich lerne viel. Für mich ist das genaue Wahrnehmen von Texten und ihren Bestandteilen enorm wichtig und hilfreich. Und da ich ein geselliger Mensch bin, ist es für mich sehr schön, auch immer wieder mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Denn ansonsten mache ich meine Arbeit ja komplett allein.

Bist Du noch selbst als Journalistin tätig?

Gelegentlich, aber immer seltener. Zuletzt habe ich für das Blindenportal Schleswig-Holstein gearbeitet. Wenn ich journalistisch arbeite, dann eigentlich immer in für mich politisch und/oder gesellschaftskritisch relevanten Zusammenhängen. Das ist mir sehr wichtig.

Du hast u.a. Theaterwissenschaften studiert. Spielst Du hin und wieder mit dem Gedanken, deinen „Zweitberuf“, nämlich Regisseurin, irgendwann einmal auszuüben?

Nein.

Welche Pläne/Wünsche/Vorstellungen hast Du – privat wie beruflich – für die nähere und  fernere Zukunft?

Dass ich weiter schreiben kann. Und dass ich etwas bewegen und Menschen berühren kann mit dem, was ich tue.

Womit ich auch gerne zum privateren Teil überleiten möchte: Wie würdest Du Dich selbst mit wenigen Stichworten oder Sätzen beschreiben?

Sensibel. Phantasievoll. Zuverlässig. Verantwortungsbewusst. Ehrgeizig. Sehnsüchtig.
Gute Mischung, oder?

Was bringt Dich auf die Palme?

Respektloses Verhalten Menschen und Tieren gegenüber.

Bist Du leicht aus der Ruhe zu bringen?

Nein, aber wenn, dann gibt es richtigen Ärger!

Worüber kannst Du Dich freuen?

Über vieles – über ein süßes Lächeln, Glück in den Augen eines anderen Menschen, über Zuversicht. Ich finde, es gibt sehr, sehr viel, über das ich mich freuen kann – zum Glück!

Beruflich bist Du sehr viel unterwegs – magst Du da privat noch reisen?

Eher weniger. Viele meinen, ich könnte bei meinen Lesereisen doch immer mal einen Tag dranhängen und die Stadt oder Landschaft dort besser kennen lernen, aber dafür habe ich eigentlich nie Zeit.

Wo möchtest Du gerne (noch) einmal hin?

Nach Haiti. Und auf die Lofoten. Und vielleicht auch noch einmal nach New York, da war ich nur einmal auf der Durchreise nach Kolumbien, für einen Tag. Aber gen Süden zieht es mich nicht. Dafür in den Norden: Ich möchte noch ganz oft nach Schweden, wo ich schon ganz oft war, insbesondere nach Lappland.

Du lebst seit fast 30 Jahren in Berlin. Bist Du dort nach dem Studium „hängen geblieben“ oder ist das einfach „Deine“ Stadt? Was reizt Dich am Groß- bzw. Hauptstadtleben – im positiven wie im negativen Sinne?

Berlin ist einfach eine tolle, aufregende Stadt, überhaupt nicht dünkelhaft, sondern so herrlich schön einfach und „prollig“, das mag ich sehr. Aber ich bin im Grunde ein Landei, in einer Kleinstadt aufgewachsen und sehr, sehr naturverbunden. Eine Zeitlang habe ich deshalb auch extrem mit meinem Leben in Berlin gehadert und überlegt, wegzuziehen, mich aber vor kurzem wieder bewusst für meine Stadt entschieden. Jetzt fühlt es sich so an, als sei ich eine Weile weg gewesen und wieder zurückgezogen – das ist schön und spannend zugleich. Aber für die Zukunft, die spätere, sehe ich mich zumindest mit einem Zweiwohnsitz in Schleswig-Holstein, wo ich ja auch geboren bin. Das möchte ich wirklich gern: ein kleines Häuschen am Meer bewohnen und meine Wohnung in Berlin noch dazu. Und dazu einen Hund und Menschen, die mich lieben und mir nahe stehen, auf verschiedene Weisen.  Mal gucken, ob es klappt!

Du hast in der Marzipan-Hauptstadt Lübeck das Licht der Welt erblickt. Verbindet Dich noch etwas mit Schleswig-Holstein?

Ja, klar, einige enge Freundschaften. Eine mir ganz wichtige Freundin wohnt in Bordesholm, eine andere bei Kiel. Ein großer Teil meiner Familie wohnt in Lübeck. Und überhaupt – das Land zwischen den Meeren ist einfach mein Land!

Nochmal zurück zum Thema Bücher: Welches Buch liest Du gerade?

Daniela R.: Die enttäuschte Frau. Ein Buch über Transsexualität, von einer Frau geschrieben, die mich nach meiner Meinung dazu gefragt hat.

Was liest Du überhaupt gerne?

Romane, in denen es realistisch zugeht und zugleich heiter und traurig. Gern darf dann auch eine unerwartete Wendung dabei sein. Und vor allem: gut erzählt muss es sein. Das gelingt zumeist US-amerikanischen Autoren besonders gut.

Welches sind Deine Lieblingsbücher?

Jane Hamilton: Das Gewicht der Welt; Tennessee Williams: Moishe oder die Welt der Vernunft; Jim Grimsley: Das Leben zwischen den Sternen.

Und gibt es LieblingsschriftstellerInnen?

Diese drei!

Kannst Du Dich von Büchern trennen?

Ja, kann ich. Mit Schmerzen, aber es geht. Sonst würde ich meine Wohnung, insbesondere mein Arbeitszimmer, nicht mehr betreten können.

Noch ein paar „rein neugierige“ Fragen: Gibt es noch bisher ungenannte Hobbys?

Wakeski. Das ist ein Sport, den ich mit absoluter Begeisterung betreibe. Und dann habe ich noch diverse zwei- und vierbeinige Hobbies …

Bist Du musikalisch?

Ja. Sogar sehr. Ich habe auch eine Reihe von Instrumenten erlernt: Blockflöte, Tenorhorn, Schlagzeug, Gitarre… Aber am allerliebsten singe ich.

Religiös?

Nein.

Jetzt kommt die „unvermeidliche“ Frage nach dem Wie und Wann Deines Coming-Out…

Früh geahnt (mit 14), einigermaßen früh ausprobiert (mit 16), erste Frauenliebe mit 18. Und davor und danach gab es so viel mehr, das würde jetzt in der Tat den Rahmen sprengen. Eins ist gewiss: Es ist viel passiert bei mir, und das darf auch gern so weitergehen.

Elton John und David Furnish sind vor kurzem Väter geworden, Regenbogenfamilien damit gerade wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Ist Kinderwunsch für Dich ein Thema (gewesen)?

Ja, ich wollte immer Kinder haben. Allerdings passte es nie so richtig in mein Leben, aus diversen Gründen. Und jetzt bin ich ja nun wirklich aus dem Alter raus, in dem ich noch eigene Kinder haben könnte. Zum Glück aber habe ich zwei ganz tolle Nichten (11 und 13), mit denen ich in einem Haus lebe, das ist wunderbar und reicht mir vollkommen aus!

Und wie stehst Du zur „eingetragenen Lebenspartnerschaft“?
Meine Sache ist das nicht – heiraten fand ich schon immer spießig. Aber ich freue mich für alle, die sich damit ein Versprechen fürs Leben geben möchten und das dann vielleicht ja auch halten. Ich glaube, wir alle sehnen uns danach, bei jemandem anzukommen und sich geborgen und aufgehoben zu fühlen. Dazu aus vollem Herzen ja sagen zu können, muss schön sein. Aber wichtiger noch scheint mir, ja zum Leben sagen zu können. Und dass das möglich ist, das versuche ich, in meinen Bücher zu zeigen. Allen Widerständen zum Trotz.

Herzlichen Dank!

Links und Quellen: