„Es tut mir Leid. Unter diesen Umständen kann ich den Preis nicht annehmen.“

Judith Butler lehnte am 19. Juni den Zivilcourage-Preis des Berliner CSD ab:

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Erstmal ganz herzlichen Dank an YouTube Nutzer andrenarchy: Du hast zur richtigen Zeit auf die Aufnahmetaste deines Geräts gedrückt!

Die ersten Sekunden von Judith Butlers Redebeitrag fehlen. Wenn jemand die Rede komplett mitgeschnitten hat, sind wir für einen Hinweis oder Link dankbar. Und falls wir im folgenden Transkript etwas nicht richtig gehört und mitgeschrieben haben: Bitte korrigiert uns.

UPDATE 22. Juni
Der erste Satz der Rede fehlt im Video, er ist im Transkript aus dem 3sat-Beitrag ergänzt, auf den Paula in ihrem Kommentar hingewiesen hat – vielen Dank dafür!

(Eklat beim Christopher Street Day. Philosophin Judith Butler lehnt CSD-Preis ab, 3sat Kulturzeit, 21.6.2010)

Judith Butler über ihre Gründe für die Ablehnung des Zivilcouragepreises

Wenn ich darüber nachdenke was es heutzutage heißt einen solchen Preis zu akzeptieren, so finde ich, dass ich meine Courage eher verlieren würde, wenn ich ihn unter den gegebenen politischen Bedingungen einfach akzeptiere.

Einige der Veranstalterinnen haben sich explizit rassistisch geäußert beziehungsweise sich nicht von diesen Äußerungen distanziert. Die veranstaltenden Organisationen weigern sich antirassistische Politiken als wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen.

In diesem Sinne muss ich mich von dieser Komplizenschaft mit Rassismus einschließlich antimuslimischem Rassismus distanzieren. Wir haben aber gemerkt, dass homo bi lesbisch trans queer Leute benutzt werden können von jenen die Kriege führen wollen. Das heißt kulturelle Kriege gegen Immigrantinnen, durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus.

Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwul lesbische queer Freiheit geschützt werden muss, und wir sind gehalten zu glauben, dass der neue Hass gegen Immigrantinnen nötig ist, um uns zu schützen.

Deswegen müssen wir nein sagen zu einem solchen Deal, und wenn man nein sagen will unter diesen Umständen, dann nenne ich das Courage.
Und wer sagt nein? Wer erlebt diesen Rassismus? Wer sind die queers, die wirklich gegen eine solche Politik kämpfen? Wenn ich also einen Preis für Courage annehmen würde, muss ich den Preis zu Recht an jene weiterreichen, die wirklich Courage demonstrieren.

Wenn ich könnte, würde ich den Preis weiterreichen an folgende Gruppen, die zu dieser Zeit und an diesem Ort Courage zeigen:

Erstens: GLADT, Gays and Lesbians from Turkey, das ist eine queere Beratungsorganisation. Diese Gruppe arbeitet heute sehr erfolgreich zu den Themen Mehrfachdiskriminierung, Homophobie, Transphobie, Sexismus und Rassismus.

LesMigraS, lesbische Migrantinnen und schwarze Lesben, ist der Anti-Gewalt und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin. Er kann auf nunmehr 10 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückblicken. Er arbeitet zu Mehrfachdiskriminierung, Self-Empowerment und antirassistischer Arbeit.

SUSPECT ist eine kleine Gruppe von queers, die eine Anti-Gewaltbewegung aufgebaut haben und die dafür einstehen, dass es nicht möglich ist, gegen Homophobie zu kämpfen ohne auch gegen Rassismus zu kämpfen.

ReachOut ist eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer, antisemitischer und homophober, transphober Gewalt in Berlin. Sie sind kritisch gegenüber struktureller und staatlicher Gewalt.

Das sind alles Gruppen, die bei dem Transgenialen CSD mitarbeiten, mitgestalten, der sich gegen Homophobie, Transphobie, Rassismus, Sexismus und Militarismus einsetzt und im Gegensatz zum kommerziellen CSD sein Datum wegen der Fußball-Weltmeisterschaft nicht verschoben hat.

Ich möchte diesen Gruppen gerne gratulieren für ihre Courage und es tut mir Leid, unter diesen Umständen kann ich den Preis nicht annehmen.

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Links zu den von Judith Butler genannten Organisationen:

  • GLADT, die einzige unabhängige Selbst-Organisation von türkeistämmigen Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen und Transgendern (LSBTT) außerhalb der Türkei, gladt.de
  • ReachOut ist eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin, reachoutberlin.de
  • Transgenialer CSD, transgenialercsd.wordpress.com
  • LesMigraS, Antigewalt und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin e.V., lesmigras.de
  • SUSPECT, nohomonationalism.blogspot.com