„If You Crash The Economy, The Lesbians Take Over“, titelte Eli bei Firedoglake.com anlässlich der Ernennung von Jóhanna Sigurdardóttir zur Isländischen Premierministerin vor einem Monat. Das ist eine wahrhaft Furcht einflößende Drohung. Schlimmer noch.  Margaret Thatcher in lesbisch wäre nämlich noch gegangen, da hätte niemand sich gewundert. Bei Jóhanna Sigurdardóttir sind es nicht mal eiserne Macho-Tugenden, die aus der Krise helfen sollen. Ob das funktionieren kann?

Sie hat ihre Karriere dem Kampf für die Gleichberechtigung von Minderheiten gewidmet – Frauen, Ältere, Arme, Behinderte, Migrantinnen und Migranten. Sie besitzt keine extravaganten ausländischen Uni-Abschlüsse – sie hat einen isländischen Handelsschulabschluss – und keine familiären und finanziellen Beziehungen, wie viele andere isländische Politikerinnen und Politiker, sondern sie hat beharrlich mit harter Arbeit und Entschlossenheit die politische Karriereleiter erklommen. Ihr Berufsleben umfasst die Arbeit als Flugbegleiterin und als Büroangestellte,

schreibt Iris Erlingsdottir in Huffington Post. Was der ersten offen lesbisch lebenden Regierungschefin für Eigenschaften an- und zugeschrieben werden, ist eine ganz besondere Frage: Geht es doch darum, was genau Jóhanna Sigurdardóttir irgendwie von anderen Politikerinnen und Politikern unterscheidet. Und da scheint fast jede beliebige Information, ökonomisch oder nicht, damit zu tun hat, dass die Isländerin lesbisch ist.

„Iceland’s Gay PM“ titelt beispielsweise CNN in den Morgennachrichten:

Kaum ein deutschsprachiges oder englischsprachiges Medium verzichtet, dürre Fakten routiniert auswalzend, auf einen Hinweis über das lesbische Leben der neuen isländischen Frontfrau. In Island und in vielen skandinavischen Medien spielt das kaum eine Rolle. Auch das stellen andere fest und rätseln … warum nur?

Ob es daran liegt, dass, wie die Süddeutsche Zeitung schreibt,

die Isländer einfach zu sehr mit anderen Problemen beschäftigt (sind). Schließlich ist ihr Land nur knapp dem Staatsbankrott entronnen (…)

Kaum. Denn ihre Lebenspartnerschaft schloss die damalige Sozialministerin bereits 2002, im Wirtschaftsboom. Es kommt noch schlimmer, mit Times Online:

Mit der Ernennung einer lesbischen früheren Flugbegleiterin ist die erste homosexuelle Führungsperson bereit, die Macht zu ergreifen, nachdem es einen Massenrücktritt der bisherigen Regierung gegeben hatte.

Also, wenn das lesbische Leben sie ebensogut für die Arbeit als Ministerpräsidentin qualifiziert wie ihre vierzig Jahre zurückliegende Berufserfahrung als Flugbegleiterin (damals hieß das noch Stewardess), dann Gute Nacht, Island. So ist es wohl auch gemeint, denn Times Online bemüht sich umgehend, einen Wirtschaftswissenschaftler von der Universität von Island herbeizuschaffen, der erklärt, es gehe vor allem darum, dass die Regierungschefin eine gute Frau sei und das Vertrauen des Volkes genieße, auch wenn sie die falschen wirtschaftspolitischen Positionen vertrete. Zu guter Letzt quält sich das Blatt durch das etwas bemühte Wortspiel, die Neue müsse erst einmal die Wirtschaftskrise des Landes „stewarden“.

Machos, so wird das nix mit der Argumentation. Bei allem Verständnis: Die konservativen Jungs mit den abgefahrenen internationalen Diplomen waren es, die den Kahn zum Kentern gebracht haben. Gegen eine Lesbe, die im Ernstfall weiß, wo die Schwimmwesten untergebracht sind und wie ein Notausgang aussieht, ist auf einem sinkenden Schiff wirklich nichts einzuwenden. Ihr wisst einfach nicht, was gut ist.

Links und Quellen:

  • Iris Erlingsdottir: Icelandic Minister, Johanna Sigurdardottir, Would Be World’s First Gay PM, Huffington Post, 27.1.2009
  • Gunnar Herrmann: Johanna Sigurdardottir Islands neue Hoffnung für die Rettung vom Staatsbankrott, Süddeutsche Zeitung, 30.1.2009
  • Johanna Sigurdardottir, world’s first openly gay leader, to take power in Iceland, Times Online, 29.1.2009