Ein Beitrag von  Jeanne Lessenich

(auf einem Seminar):

Eine Frau aus dem Publikum fragte: „Warum sind da so wenig Frauen auf der Liste? Warum sind so wenige Frauen in diesem Programm in dieser ganzen Woche? Und warum sind so wenige Frauen unter den Schriftstellern der Beat Generation?“ Gregory Corso ganz entschieden seriös, sich nach vorne lehnend sagt:“ Da waren Frauen, ja sie waren dort, ich kannte sie, ihre Familien steckten sie in Einrichtungen und dort gab man ihnen Elektroschocks. In den Fünfzigern konntest Du, wenn Du männlich warst, ein Rebell sein, doch wenn Du weiblich, warst, sperrten sie dich ein, deine Familien. Da gab es diese Fälle, ich kannte sie. Eines Tages wird jemand über sie schreiben.“ – aus Stephen Scobie’s Bericht aus dem Naropa Institute Tribut für Allen Ginsberg,  Juli 1994

Elise Cowen mit Allen Ginsberg. Quelle Wikipedia

Elise Cowen wurde als einzige Tochter eines New Yorker Ehepaars im Jahre 1933 in Long Island geboren. Und starb am 1. Februar 1962 in Washington Heights (New York City) durch Selbsttötung, indem sie durch das geschlossene Fenster des Wohnzimmers ihrer Eltern aus dem vierten Stock sprang.

Elise Cowen ist eine Vergessene, eine von der Welt Vergessene.

Sie ist die, von der Gregory Corso in diesem Zitat spricht. Sie hatte sich schuldig gemacht in den Augen ihrer Eltern, ihrer Zeitgenossen, der amerikanischen Gesellschaft der fünfziger Jahre Amerikas, der Eisenhower Zeit. Indem sie so lebte wie es für ihren Freund Allen Ginsberg die Voraussetzung war, das zu werden was er wurde, einer der berühmtesten Dichter Amerikas des 20. Jahrhundert. Elise, die Freundin seiner Jugend durfte nicht so leben. Durfte sich nicht nehmen, was für sie als Mann selbstverstaendlich gewesen wäre. Wurde vergessen, weil man als junge Frau in den Fünfzigern nicht so leben durfte wie die Beatniks lebten. In Erinnerung blieb, dass sie seine Manuskripte, z.B. „Kaddish“,ins Reine tippte. Und, dass sie für ihn und seinen Geliebten Peter Orlovsky die Wohnung rein hielt und für beide kochte.

Joyce Johnson, Autorin von „Warten auf Jack Kerouac“ (auf deutsch im Jahre 1997 erschienen), Jugendfreundin von Elise Cowen, beschreibt in diesem biographischen Roman ihr jahrelanges Warten auf Kerouac, den sie liebte, sowie Elises symbiotisches Verhältnis zum anderen Counterpart der mythischen Heldenverehrung: Allen Ginsberg. Diese Frauen der frühen Beattage waren die Musen, die weiblichen Musen der männlichen Beat Helden. Für Ginsberg war Cowen der katalysatorische Faktor seiner Initiation als Dichter. Ginsberg, der zu dieser Zeit noch unter seiner Homosexualität litt,  diente Elise Cowen als Inspiration und sie ermöglichte,  wie Caroline Hartge in „Öffne die Fenster und Shalom. Ein Versuch über Elise Cowen“ schreibt, seine  großartige poetische Transzendenz.

Aber Ginsbergs Verhalten ihr gegenüber hatte immer etwas Ausgrenzendes, sein Schatten erdrückte sie und nahm ihr die Luft zu atmen. Von ihren Zeitgenossen hatte sie wenig an Fürsprache zu erwarten, schreibt Caroline Hartge. Sie lebte sozusagen im Schatten dieses Beat Giganten. In Some Thoughts About Elise Cowen im City Lights Journal No. 2 wird deutlich wie herablassend von seiner Gottgleichen Höhe er sie ausschloss aus dem Kreis der Beatgötter. Der von Ginsberg und Lucien Carr unterzeichnete Text bezeichnete Elise als „Elipse“, als „Eklipse“, als Himmelskörper der in den Schatten des strahlenden Planeten Ginsberg gerät und somit unsichtbar wird. (siehe Caroline Hartge).

Im Grunde war es so, dass sie es nur härter traf als die anderen frühen Beat Heroinen. Wenn man die damals in den frühen Sechzigern erschienen Anthologien durchblättert sind bis auf wenige Ausnahmen nur Männer zu finden. In der von Walter Höllerer mit Gregory Corso 1961 im Hanser Verlag herausgegebenen Sammlung „Junge amerikanische Lyrik“ sind es drei Frauen, die mit ihren Gedichten Eingang gefunden haben: Denise Levertow, Diane de Prima und Barbara Guest. Das entspricht gegenüber den in diesem Band aufgenommenen Maennern etwa 2%. In der 1962 im Rowohlt Verlag erschienenen Anthologie: „Beat“ von Karl O. Paetel gibt es nur eine Frau: Leonore Kandel. Das war es dann. Aber sie waren da, die Poetinnen. Frauen, die es wagten in den Fünfzigern die ihnen vorgegebenen Rollen als Mutter und Hausfrau abzulehnen.

Caroline Hartge rechnet sie zu der zweiten protofeministischen „Welle“ der Beat-Autorinnen. Zu ihnen gehört: Diane di Prima, Brenda Frazer, Joyce Johnson, Hettie Jones, Leonore Kandel und Joanne Kyger, alle zwischen 1930 und 1939 geboren. Aber auch Elise Cowen. Frauen einer Generation, die anfingen, einen ihr eigenen weiblichen Weg der Selbstverwirklichung zu suchen, einen Weg zu wählen der antibürgerlich ist und bis dahin, so wie es schien, als rein männliche Domäne definiert war. Und sie wagten es im eigenen Land. Sie gingen nicht wie ihre großen Vorgängerinnen, die sich fernab des amerikanischen Way of life, Anregung und Rückhalt im Paris der zwanziger, am Canale Grande oder in Bloomsbury suchten, sagt Caroline Hartge. Sie wagten ihren Schritt in der Nachbarschaft. Sie nahmen sich die männlichen Fluchtwege ihrer Partner und wählten, um Ginsberg zu zitieren, nein besser die weibliche Stimme, die Stimme Leonore Kandels:

…und wir in die Straßen dringen und unter ihnen umgehen und den Kampf aufnehmen.

Unsere mageren und leeren Hände erhoben

Werden wir hindurchgehen unter den Fremden der Welt

Wie ein bitterer Wind

Und unser Blut wird Eisen schmelzen

Und unser Atem wird Stahl schmelzen

Wir werden uns in die Gesichter starren mit nackten Augen

Und unsere Tränen werden Erdbeben aufbringen

Und unser Jammern wird Berge erstehen lassen und die Sonne still stehen lassen

SIE WERDEN KEINE ENGEL MEHR MORDEN!

Nicht einmal uns

 

Dieses Gedicht Kandels „Zuerst schlachteten sie die Engel“, hier seine letzten Zeilen, hat die typische rhapsodische Sprache der Beats, aber Elise Cowens Sprache war anders, schreibt Hartge: „Das Skandalöse an Cowens Gedichten liegt in ihrer Unbewegtheit, mit der die fundamentalen Erschütterungen angesprochen werden.“ Hier ihr Gedicht über Emily Dickinson im Original:

 EMILY

Emily white witch of Amherst

The shy white witch of Amherst

Killed her teachers

With her love

I’ll rather mine entomb

My mind

Or best that soft grey dove.

 

Ich denke, in diesen wenigen Zeilen kann man das Wesen Elise Cowens erfassen.

Ihre Gedichte wurden nach ihrer Selbsttötung im Jahre 1962 von ihren Eltern aus Scham über ihre missratene Tochter und wie sagten lesbische Tochter, verbrannt. Nur achtzig von ihnen, die, die Eltern übersahen, wurden von einem ihrer Freunde, Leo Skir, gerettet.

Sie sind die Basis für das im Jahre 2014 bei Ahsahta Press geplante und von Tony Trigilio editierte Buch „Elise Cowen: Poems and Fragments“ wie Tony Trigilio mir in einer Mail mitteilte. So wird also nach mehr als fünfzig Jahren ihr Werk uns zugänglich sein. Und ich  frage mich in Abwandlung von E.E. Cummings: „…und was ich wissen möchte ist, wie ihnen ihr blauäugiges Mädchen gefällt

Mister Tod.

Wobei ich nicht weiß und auch nicht glaube, dass Elise Cowen blaue Augen hatte. Oder doch?

LINK:

Literatur:

  • Hartge, Caroline (2010) Öffne die Fenster und Shalom, Ein Versuch über Elise Cowen. Stadtlichter Presse Heartbeat Spezial Nr.1
  • Knight, Brenda (1996) Woman of the Beat Generation. Conari Press Berkeley, CA
  • Johnson, Joyce (1997) Warten auf Kerouac. Antje Kunstmann Verlag
  • Ebreo, Leo (1965) Beat Alice, In. The Ladder: A LESBIAN Review. Vol. 10 no.1. Barbara B. Gittings (Hrsg.). Philadelphia S.4-9.