Cover Jeanne Cordova: When We Were Outlaws

„In den „ismen“ jeder Generation steckt die Saat der nächsten Revolte. Die „ismen“ von heute haben sich aus den „ismen“ von gestern entwickelt, und so beginnt jede Generation dort, wo ihre Vormütter aufgehört haben.“

Jeanne Córdova beginnt ihr lesbisches Leben mit ganz besonderen Vormüttern in der Bar Szene der späten 1960er, und sie wird, die eine mit der anderen, in die Zeit der FrauenLesbenbewegung hinein erwachsen. Córdova schreibt über ihr Leben in den 1970er Jahren, das zugleich die Geschichte der frühen südkalifornischen Lesbenbewegung ist. Als junge Frau kam sie nach Los Angeles und war mittendrin. Sie setzte für ihre Masterarbeit 1972 das Thema „Sozialarbeit in der Lesbenszene“ durch und  organisierte schon 1973 die erste Landesweite Lesbenkonferenz, die bis heute die unübertroffen größte politische Konferenz von Lesben in den USA ist. Dort sah es übrigens damals sehr ähnlich aus wie heute:

„Sich bekämpfende ideologische Gruppen von Frauen aus unterschiedlichen Teilen des Landes hatten sich zerstritten über die Anwesenheit einer transsexuellen Frau auf der Bühne, den Einfluss der Socialist Worker’s Partei, die öffentliche Trunkenheit von Superstar Kate Millet während ihrer Eröffnungsrede und das Spaltungs-Gerede der anderen Grundsatzreferentin, Robin Morgan, Autorin der neuen Bibel der Frauenbewegung, Sisterhood is Powerful.“

Der Separatismus-Diskurs

Ein großes Thema, das sich durch das gesamte Buch zieht, ist die Zusammenarbeit lesbischer Frauen mit schwulen Männern. Weiter nördlich, im Raum San Francisco, hatte Del Martin unmissverständlich klar gemacht, dass für sie privilegierte weiße Männer keine politischen Partner sein konnten. In Los Angeles sah das damals anders aus. Jahrelang währte die Auseinandersetzung um Macht und Einfluss, um gemeinsame politische Ziele versus Identitätspolitiken. Der Streit entzündete sich an einem gemeinsamen Gesundheitszentrum.

„Die lesbische Belegschaft beschwerte sich darüber, dass es keine Lesben in Entscheidungspositionen gab; die Männer hatten die Frauen zu Personen zweiter Klasse gemacht, um ihre Macht zu festigen.“

Es kam zu einem jahrelangen Arbeitskampf, der die örtlichen Szenen fast zerlegte. Jeanne Córdova war auch bei diesem Thema im Zentrum des Geschehens. Als Teilzeit-Redakteurin für Menschenrechte bei der legendären ehemals linken Zeitschrift Los Angeles Free Press und als Betreiberin der überregionalen lesbischen Zeitschrift The Lesbian Tide war sie zwar chronisch pleite, aber publizistisch erfolgreich – eine gute Voraussetzung, um Themen zu setzen und politische Prozesse zu steuern.

Das Persönliche ist politisch

„Das Persönliche ist politisch“ war einer der Kernsätze dieser Zeit, und so verwebt Córdova ihren Aktivismus mit der Geschichte zweier großer Lieben: BeJo, ihre langjährige Partnerin, aus der Bar-Szene in die neue Bewegung hineingewachsene Femme, gehört zum Redaktionsteam der Lesbian Tide; beide habe detaillierte Regelungen zur Organisation ihres nicht-monogamen Lebensstils vereinbart. Rachel kommt, wie viele Frauen damals, aus einer heterosexuellen Beziehung in die FrauenLesbenszene und bringt andere Wünsche und Forderungen mit. Zwischen beiden entwickelt sich eine Beziehung, in der Rachel weitaus mehr will als Córdova zu geben bereit ist und aus der Rachel schließlich aussteigt. Córdova ist am Boden zerstört – einerseits. Andererseits erkennt sie, dass Lesbenpolitik für sie immer ein zentraler Bestandteil ihres Lebens bleiben und oft genug Vorrang haben wird. Sie bekommt die Kurve:

„Ich konnte mich nicht umbringen! Wir würde das in den Zeitungsüberschriften aussehen? „Anführerin der Lesbenbewegung erschießt sich wegen Ex-Liebhaberin.“ Die Bewegung konnte sich den Selbstmord einer bekannten Aktivistin nicht leisten.“

Los Angeles war damals von vielfältigen sozialen Bewegungen geprägt. Lesben entwickelten sich aus der Bar-Szene heraus in ein politisches Leben, viele von ihnen gemeinsam mit schwulen Männern, die frühe Partner im politischen Aktivismus waren. Andere Lesben banden sich eng an die Frauenbewegung. Lesbische Therapieformen spielten eine große Rolle, von denen einige in New Age Spiritualität mündeten. In dieser Gemengelage hatte eine Butch wie Córdova es nicht immer leicht:

 „In meinem Leben als Aktivistin ist mir aufgefallen, dass einige Lesben rätselhaft auf mich reagierten. Irgendwas in meinem Verhalten, Aussehen, Beweggründen erzeugte starke Gefühle bei bestimmten Frauen. Welcher Art diese Gefühle waren, konnte ich nicht herausfinden.“

Für die Los Angeles Free Press, ihren Broterwerb, ist Córdova oft genug in den extremen politischen Strömungen jener Zeit unterwegs. Sie interviewt politische Gefangene, wird Zeugin der Auflösung des Weather Underground und gerät in einen Dialog mit einem berüchtigten faschistischen Terroristen.

Neue Beziehungen ohne Vorbilder

All das, zusammen mit den Versuchen, eine Liebe – oder zwei – zu leben, deren Vorbilder erst noch erfunden werden müssen, mit der Abnabelung von der Herkunftsfamilie und der Notwendigkeit, eine ökonomische Grundlage für die neue Bewegung zu schaffen, ist, offensichtlich, manchmal schlicht zu viel. Andererseits: Wann, wenn nicht mit Mitte 20, soll eine so etwas bewältigen?

Jeanne Córdova führt die Leserin durch die frühe FrauenLesbenbewegung Los Angeles‘, durch die schon damals verwirrenden Strömungen lesbischer Identitäten, durch die parallelen politschen Bewegungen ihrer Zeit und durch ihre eigenen Veränderungen und Erkenntnisse.

„Gegenüber der männlichen schwulen Bewegung und damals in meinen alten Barlesben-Zeiten, hatten Butches die Macht. Aber Femmes übernahmen die Führung in der lesbisch-feministischen Bewegung. Für mich macht das Sinn. Es waren immer die am meisten Unterdrückten, die die ungeschminkteste Wut in eine soziale Bewegung brachten.“

Jeanne Córdova heute

Jeanne Córdova heute

Die Machtverschiebungen innerhalb lesbischer Communities nehmen so in Córdovas Leben großen Raum ein – nicht wegen fehlender Akzeptanz, sondern wegen der neuen Formen des Diskurses und der Auseinandersetzung. Große Themen in der neuen Bewegung sind männliche Kinder, Anarchismus, Rassismus, Lookism, Ageism und die Unterdrückung fetter Frauen – ein Themen und Paradigmenwechsel, und gleichzeitig ein Spektrum an Themen, von denen wir heute gern denken, wir hätten sie eben erst erfunden. Gerade das macht es manchmal schwer, die Entwicklung, die Córdova immer wieder optimistisch heraufbeschwört, zu erkennen: Machen wir wirklich dort weiter, wo unsere Vormütter aufgehört haben? Mitunter scheint es eher, als seien wir wieder dort angekommen, wo auch sie vor langer Zeit begonnen hatten.

Córdova wird weiterschreiben, sagt sie. Nach vier Jahrzehnten als lesbische Aktivistin habe sie gelernt, dass Identität eine stachelige Sache sei, die sich immer und immer weiterentwickle.

Jeanne Córdova im Interview

über When We Were Outlaws: TraispingThruFilms.com

Jeanne Córdova WHEN WE WERE OUTLAWS, Interview: TraispingThruFilms.com

Links und Quellen: