Gastbeitrag von Jean Lessenich

Wenn man ein Buch geschrieben hat muss man damit rechnen, dass dieses Buch nicht unkommentiert bleibt. Insbesondere, wenn dieses Buch eine persönliche Abrechnung mit dem eigenen Leben ist. Also eine Biographie. Es ist selbstverständlich, wenn man ein solches Buch schreibt, dass die Reaktionen nicht einheitlich sein können. Im Gegenteil, es ist ja gerade die Reaktion der Leser, die für die Autorin das Salz in der Suppe ist.

Würden die Reaktionen ausbleiben, wäre es, als ob man in den Bergen auf den Ruf der Stimme kein Echo erhalte. Die Reaktion der Leserinnen und Leser ist also das ersehnte Echo für die Autorin. Es ist so, als ob man in der Wildnis steht und ruft in der Hoffnung auf Antwort. Nun, die Antworten habe ich bekommen.

„Die transzendierte Frau“ ist die Geschichte eines Trans-Lebens. Ich gehöre zu denjenigen Transfrauen, die Trans waren bevor es so was wie eine Trans-Szene gab. Ich gehöre zu jener ersten Generation von Transfrauen, die Sandy Stone in „The Empire strikes Back. A Posttranssexual Mainfesto“ die romantische nannte. Wir, die wir damals nach Casablanca pilgerten, in jene weiße Stadt, wie sie Stone beschreibt: „die nach orientalischen Gewürzen duftet und nach Dung“, wir waren die ersten einer neuen Art gemachten Frauen. „Dort im modernen Teil der Stadt, gelegen an einem breiten, sonnigen Boulevard, befindet sich ein Gebäude. Es ist eigentlich nicht besonders bemerkenswert, wenn da nicht eine Messingplatte mit Namen angebracht wäre, welche dieses Gebäude als die Klinik von Dr. Georges Burou identifiziert, eine Klinik, die in erster Linie der Entbindung, der Gynäkologie gewidmet ist, aber doch für viele Jahre einer anderen Reputation diente, unbekannt für den Strom der marokkanischen Frauen, die die Räume der Klinik durchquerten.“ Dort wurden aus männlichen Körpern weibliche.

Während also in Casablanca Dr. Burou uns operierte, wagten in San Francisco unsere Schwestern in Compton’s Cafe, noch „Drag Queens“ genannt, Jahre vor Stonewall, nichts wissend von Trans aber doch voll Trans, den Aufstand gegen die allgegenwärtige Diskriminierung durch die Polizei. Dies ist nachzusehen in dem Film von Susan Stryker und Victor Silverman.

Und so ein Leben mit einem Hauch von Susan Strykers Film „Screaming Queens at the Compton Cafe“ führten wir. In den Sechzigern und frühen Siebzigern, hat das ja auch einen Hauch von „Letzte Ausfahrt Brooklyn“.

Das heißt, bei den Lesern meines Buches begegnete mir auf der Hetero Seite auch die Reaktion des Bedauerns über das arme Kind,  was ich in ihren Augen wohl war, wie auch das Erschrecken über die Radikalität meiner Existenz, als Transe in diesen Jahren. Aber es begegnete mir auch die Toleranz, hinter der sich die Transphobie der Pseudo-Liberalen verbirgt. Dass ein solches Leben auch eine gewisse Komik beinhaltet, vor allem in der Begegnung mit dem, was Judith Butler die Hetero Phantasmorgie benennt, fiel vor allem den Mädels aus der Richtung des „njulezz“ auf. (Ein großes Kompliment an diese). Im besonderen muss ich da an meine junge Mitleserin während meiner Lesung innerhalb des Sommerblut Festivals 2012 in Köln denken, die meine Kindheit in einem Eifeldorf mit einem solchen sarkastischen Humor vortrug, dass all die jungen anwesenden Lesben lachen mussten. Und das ist gut so.

Das ist die eine Seite. Es hat schon eine gewisse Komik, wenn ein kleiner Junge, der noch nicht weiss, dass er eigentlich ein Mädchen sein sollte, unter großen Anstrengungen der Macho Dorfjugend beweisen will, dass er sich ihnen zugehörig fühlen will. Das hat etwas von der Tragik eines Fassbinder Films, irgendwie Pulp Fiction der Fünfziger und Sechziger. Und das muss man mögen und das kann nicht jeder oder jede, besonders dann nicht, wenn man in der Welt der Hetero- Garantie aufgewachsen ist.

Von einer solchen erfuhr ich einmal, dass sich fuer sie, wenn sie mit mir in Frankfurt in einer entsprechenden Szene-Kneipe war: „unter ihr die Hölle auftäte“. Was soll es.

Dass ich lesbisch bin wurde mir erst klar, als ich im Anschluss an Casablanca mit einer funktionierenden Vagina und Klitoris versuchte, eine Heterofrau zu sein. Es ging schief. Und es ist bis heute so, dass ich jeden elegant geformten Vibrator aus hautfreundlichem, sanftem Silikon einem Penis vorziehen würde.

Frauen sind einfach die schöne Seite des Lebens und es ist einfach toll, eine zu sein.

Oft ist ein Bedauern zu spüren wenn Heteros nach meinem Leben fragen. Ein Bedauern, das aus einer Überzeugung stammt, die es nicht besser weiss, die nicht weiss, dass es Alternativen zu ihrem Leben gibt.

Und das ist schade. Leider zieht sich das auch in die lesbische wie auch in die Homo-Szene rein. Es ist so eine unbewusste, verdrängte Empfindung wie: ich bin die ‚richtige‘ Frau oder Mann, während die Trans-identischen immer noch die Empfindung haben, zweite Wahl zu sein, obwohl es niemand sagt. Wir eben gemachte, trans-identische Frauen schlagen uns mit soviel Behördenkram rum, um vor den Behörden, Versicherungen, Krankenkassen Frau oder Mann zu sein, dass wir oft eines vergessen: Wir können noch so viele behördliche Nachweise bezüglich unseres Geschlechts haben, aber die eigentliche Schlacht liegt in unseren persönlichen Beziehungen zu Freundschaften und Partnern.

Wie unser Sexleben, unsere Erotik nach der OP aussieht? Weiss das jemand? Gibt es darüber Aussagen? Eine grobe Schätzung sagt, dass 70 Prozent der Trans-Frauen lesbisch sind, ebenso bei den Männern ca. 70 Prozent schwul. Haben die Frauen Partnerinnen? Zum Beispiel Bio-Frauen? Ich weiss es nicht. Die meisten von uns verschwinden in der Anonymität nachdem sie die Tortur durch Krankenhäuser, Gerichte und Psychologie hinter sich haben. Aber das Leben fängt erst nach all dem an.

Warum heißt mein Buch „Die transzendierte Frau“ fragen Sie? Nun das ist einfach: viele Transfrauen glauben, dass sie eine weibliche Seele seien, die in einem männlichen Körper eingeschlossen sei und durch die Operation befreit würde.

Ich habe ein anderes Bild. In jedem Menschen ist die Möglichkeit des Weiblichen wie des Männlichen. Ich glaube, dass mein Leben ein Prozess der Transzendenz ist, ein Prozess wie aus einem Samen eine Blume wird, über verschiedene Wandlungsphasen, ein Hinauswachsen über das Gegebene, Ein Werden, eine Frau werden.

Und dann darüber hinaus die Frau, die man sein soll.

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