Der Tag beginnt weder lesbisch noch locker. Ich habe einen dienstlichen Termin im Tal der Ahnungslosen und das mit den Frauen werde ich mir auch abgewöhnen. Aus lauter Ärger bin ich viel zu früh am Bahnhof. Kaffee und Zeitung sind schnell gekauft, ich schaue auf die Anzeigetafel, der Zug hat Verspätung.

30 Minuten warten! An einem Bahnhof voller Menschen, die mich nicht interessieren und Erinnerungen, die mich nicht loslassen. Vielleicht sollte ich überlegen, welche von den Frauen hier …? Das ist das falsche Kommando. Meine Laune geht in den Sinkflug über. Noch 29 Minuten. Eine gute halbe Stunde des Lebens, es könnte meine letzte sein. Aber so wird es auch nichts. Ich beschließe die Architektur zu bewundern. Das ist schnell getan. Ingenieurskompetenz aus Glas und Stahl auf fünf Ebenen von Nord nach Süd und Ost nach West. 27 Minuten. Cool wäre es, wenigstens beim Umsteigen nicht immer suchen zu müssen. Also gut, dann eben lernen, wo welche Bahnen abfahren.

Es beginnt ganz oben mit der Ost-West-Route und den Gleis 11 – 16. Dort sind auch die beiden S-Bahn-Linien, die Schlagadern von Berlin. Vier Etagen tiefer die Nord-Süd-Trasse. Auf Gleis 1 und 2 kommen sie aus dem Norden an und auf 7 und 8 geht es zurück. Keine Entweder-oder-Bahnsteige, wie etwa in Hamburg Dammtor, wo auf einem Gleis immer ein Zug nach Norden abfährt und auf dem Gleis gegenüber immer einer nach Süden. Auch nicht so sparsam wie auf dem Hamburger Hauptbahnhof, wo es zur gleichen Zeit auf ein und demselben Gleis in die eine (7a) und in die entgegengesetzte Richtung (7b) geht. Der Berliner Hauptbahnhof hat eine Botschaft: Dies ist das Koordinatenkreuz der Orientierung in der modernen Welt. Ich will schon wieder auf die Uhr schauen, da fehlt mir etwas.

Wo sind denn Gleis 9 und 10? Ob hier jemand die gepaarten von den ungepaarten Ziffern trennen wollte? Um die Asymmetrie von Zahlen zu verhindern? Ich fange noch mal an zu suchen. Aber es bleibt dabei, kein weiterer Bahnsteig. Die Zeit ist um, ich renne zum Zug und schicke zwei SMS mit der unglaublichen Botschaft: „Gleise verschwunden. Bahnsteig weg. Was soll das?“ Die eine kommt nie an, die andere verschwindet in einem Funkloch.

Erst auf dem Rückweg verstehe ich das Prinzip. Hier auf dem Hauptbahnhof, mitten in Berlin, gibt es ein Ort des Verborgenen. Ein nicht existenter Bahnsteig für verpasste Gelegenheiten. Für Geschäfte, die nicht zustande kommen. Für Rendezvous, die nicht stattfinden. Für alles, was nicht sein soll. Ja, so ist es. Zwischen 9 und 10 trifft sich das, was nicht zueinander kommt. Ein Entweder-oder-Bahnsteig mit einem Gleis, das ist die Vergangenheit führt und einem für die Zukunft. Da kann man lange warten. Das ist wirklich wahr. Ernsthaft. Ihr könnt es nachprüfen.