”Lesben und Schwule müssen ihre sexuelle Orientierung verstecken“,

sagte die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling heute bei der Anhörung zu Homophobie im Sport vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestags.

Dazu hatte der Ausschuss unter Vorsitz der Sozialdemokratin Dagmar Freitag renommierte Fachleute eingeladen:

  • Dr. Tatjana Eggeling, Berlin
  • Michael Gabriel, Koordinationasstelle Fanprojekte, Frankfurt am Main
  • Marcus Urban, Hamburg
  • Dr. Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Frankfurt am Main
  • Tanja Walther-Ahrens, Bildungsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes, Frankfurt am Main

Tatjana Eggeling befasst sich seit Jahren mit dem Thema und hat 2010 für die Bundeszentrale für politische Bildung den Konflikt zwischen Image und der Zuschreibung sexueller Identitäten für Sportlerinnen unter die Lupe genommen.

Ihre These: Bereits das gewandelte Schönheitsideal der sportlichen, körperlich aktiven Frau überschreitet Grenzen und weckt Misstrauen.

„In diesem Misstrauen spielt immer auch die Sorge mit, eine Frau, die sich als männlich geltende Verhaltensweisen und Fähigkeiten angeeignet hat, könne lesbisch sein. Hier wirkt das stereotype Bild von einer Lesbe als einer Frau, die sich den gängigen Zumutungen akzeptierter Weiblichkeit widersetzt, sich gängigen Schönheitsidealen verweigert und von Männern und deren Anerkennung unabhängig auftritt – und damit für den heterosexuellen männlichen Betrachter unattraktiv ist.
Also geben sich Sportlerinnen meist eindeutig heterosexuell, damit sie nicht, gerade weil ihr Sporttreiben einen kräftigen, beweglichen und vielleicht auch besonders muskulösen Körper bewirkt, möglicherweise als lesbisch gelten.“

Das sieht die Koordinierungsstelle Fanprojekte KOS ebenso, aber sie betonte bei der heutigen Bundestags-Anhörung einen positiven (Neben-)Aspekt für lesbische Sportlerinnen:

„Aus dieser Stereotypisierung nach dem Motto „Ihr seid doch eh alle Lesben“ haben sich jedoch im Laufe der Zeit paradoxerweise Freiräume entwickelt: Kickende Frauen bleiben von so manchen Weiblichkeitsanforderungen verschont und auch der Umgang mit Homosexualität ist im Frauenfußball entspannter. Obwohl es so gut wie keine offen lesbische Nationalspielerin gibt, ist der hohe Lesbenanteil in der Bundesliga allgemein bekannt und der Druck, ein Doppelleben zu führen, weniger hoch als bei den Männern. Hier spielt jedoch sicher auch die Tatsache eine Rolle, dass Frauenfußball weiterhin medial und ökonomisch ein Schattendasein fristet und Sensationslust bzw. Interesse daher einfach geringer sind als in der Bundesliga der Männer.“

 

Am 29. Mai 2011 verleiht die Landesarbeitsgemeinschaft für Lesben in Nordhein-Westfalen zum 3. Mal den „Augspurg-Heymann-Preis“. Er geht in diesem Jahr an die „ehemalige Bundesliga-Fußballspielerin Tanja Walther-Ahrens aus Berlin für ihr engagiertes Eintreten gegen Homophobie im Fußballsport.“
Tanja Walther-Ahrens gehörte ebenfalls zu den Expertinnen, die im Sportausschuss des Bundestags gehört wurden.

Die ehemalige Bundesliga-Spielerin war Stürmerin bei Tennis Borussia Berlin und Turbine Potsdam. Heute ist sie seit über 10 Jahren aktiv im SV Seitenwechsel, dem Frauen/Lesben Sportverein Berlin e. V. mit gut 800 Mitfrauen, wovon 100 Fußballspielen. Die Stürmerin hat erkannt, dass Fußball ein Abbild der Gesellschaft ist.

„Wenn wir hier etwas ändern können, kann man vielleicht auch in der Gesellschaft etwas ändern“,

sagt sie. Die Sportwissenschaftlerin und Lehrerin engagiert sich auch über den Verein hinaus: Sie hält Vorträge zum Thema Homophobie im Sport, besucht Konferenzen, ist Abgesandte der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF).

Weil Mädchensport insgesamt zu kurz kommt, hat Tanja Walther-Ahrens außerdem in den Berliner Bezirken Kreuzberg und Friedrichshain fünf Fußball-AGs ins Leben gerufen. Anfang 2011 erschien ihr Buch „Seitenwechsel – Coming out im Fußball“.

Am 25. März 2011 führte detector.fm mit Tanja Walther-Ahrens ein Gespräch  zu Wegen aus der Homophobie im Fußball. Ein Top-Thema – auch in diesem Gespräch – war wieder das Thema Outing. Es müssen viele positive Faktoren zusammenkommen, damit es klappt, meint Tanja Walther-Ahrens:

Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Coming Out in Deutschland auch positiv verlaufen könnte. (…) Natürlich würde der eine oder andere Fan das auch benutzen, um Stimmung gegen ihn zu machen, aber das machen Fans sowieso, ob jemand nun homosexuell ist oder nicht. Ich brauche ein gutes und ein festes Umfeld, das mich dann auch trägt, dass vielleicht auch mal ne Beileidigung, die mir an den Kopf geworfen wird, mit mir aushält und mit mir lindert.

Hier die 6 Minuten im Zusammenhang als Audio:

Aktivistin Tanja Walther-Ahrens über Homophobie im Fussball (Audio)

Den Eindruck, dass Homosexualität allgemein eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz erhalten habe, konnte Tanja Walther-Ahrens in der heutigen Anhörung vor dem Sportausschusses des Bundestags jedenfalls nicht teilen.  ”Homosexuell zu sein, ist noch lange nicht normal“, sagte sie, und daran ändere auch ein ”schwuler Bürgermeister“ nichts. Von der Politik, forderte sie, ebenso wie fast durchgängig alle eigenladenen Sachverständigen, das Problem der Homophobie immer wieder zu thematisieren. Sie ließ auch den Fußball selber nicht aus der Verantwortung: Wenn mal wieder von einem ”schwulen Pass“ die Rede sei, sollte es nicht gerade der Trainer sein, der diesen Ruf noch verstärkt, forderte sie.

Und – für ein letztes Wort – was wünscht Tanja Walther-Ahrens sich von der Gesellschaft?

„Offenheit und Neugier für Neues und Anderes auch wenn es mir auf den ersten Blick völlig fremd ist. In diesem Zuge dann auch bereit dazu zu sein, eine bzw. meine Meinung zu ändern, aber auch zu äußern. Nur wenn wir alle sagen, was wir denken, kommen wir irgendwann mal dazu, uns auch zu verstehen. Ich wünsche mir die Größe andere so sein zu lassen wie sie sind und das wünsche ich mir auch von anderen.“
(Interview RUND, 2011)

Links und Quellen:

  • Mehr zum Thema lesbische Sportlerinnen bei L-talk
  • Anhörung im Sportausschuss des Bundestags, Kurz-Zusammenfassung, bundestag.de, 13.04.2011
  • Dr. Tatjana Eggeling: Statement zur öffentlichen Anhörung „Homosexualität im Sport“ des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, bundestag.de, 13.04.2011
  • Tatjana Eggeling: Homosexualität und Fußball – ein Widerspruch?, Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 15-16/2010), Bundeszentrale für politische Bildung, bpb.de, Download 13.4.2011
  • Koordinierungsstelle Fanprojekte: Homosexualität im Sport, Stellungnahme zur Öffentlichen Anhörung des Sportausschuss des Deutschen Bundestages am 13. April 2011, bundestag.de
  • Stellungnahme Marcus Urban zur öffentlichen Anhörung am 13. April 2011 im Sportausschuss des Deutschen Bundestages zum Thema Homosexualität im Sport, bundestag.de
  • Das Protokoll der öffentlichen Anhörung wird einige Wochen nach dem Termin unter bundestag.de veröffentlicht (so lange es noch nicht eingestellt ist, erscheint lediglich eine leere Seite!)
  • Augspurg-Heymann-Preis der Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in NRW, augspurg-heymann-preis.de
  • Tanja Walther-Ahrens: Seitenwechsel: Coming-Out im Fußball, 21. Februar 2011, gebundene Ausgabe bestellen über Konnys Lesbenseiten, lesben.org
  • Frauenfußball-Info. Online-Frauenfußball-Magazin in Frauenhand, frauenfussball-info.de
  • Natalie Ben-Shimon: Interview mit Tanja Walther-Ahrens in RUND anlässlich der Veröffentlichung ihres Buchs „Seitenwechsel“, RUND Das Fußballmagazin, 2011