Annie Hindle und Annie Ryan haben in Grand Rapids, Michigan, geheiratet.
Das Ereignis fand am Sonntagabend, 6. Juni 1886 in Raum 19 des Barnard House statt, einem Hotel in Grand Rapids. Die Trauung wurde durch den Baptisten Reverend E. H. Brooks durchgeführt – obwohl in den offiziellen Unterlagen Reverend K. B. Tupper aufgeführt ist. Trauzeugen waren Gilbert Sarony, ein Darsteller von Frauenrollen, der jedoch bei dieser Gelegenheit nicht im Kleid auftrat und Loran D. Osborn, Mitarbeiter der Grand Rapids National Bank.

Annie Hindle Digital ID: 1261090. New York Public Library

Annie Hindle in Uniform (Bild: New York Public Library)

Annie Hindle trug bei der Trauung Männerkleidung und gab ihren Namen mit Charles E. Hindle an. Bei ihrem Alter – sie behauptete, sie sei 31 – untertrieb sie schamlos. Vermutlich war sie eher 39 oder 40 und die Frau ihres Herzens, Annie Ryan, war 22 Jahre alt. Annie Hindle war jedoch keine Einwohnerin von Grand Rapids. Bekannt geworden war sie weit über die Grenzen Michigans hinaus als Männerdarstellerin im Varieté – höchstwahrscheinlich war sie die erste Frau, die in Männerrollen Furore machte und damit einen Trend erfand. Von 1868 bis 1886 dauerte ihre Karriere und in dieser Zeit kam sie kaum zur Ruhe. Sie soll eine flexible und erfindungsreiche Darstellerin gewesen sein – ihr Repertoire reiche von Varieté-Solos bis zu Balladen und gelegentlich schauspielerte sie.

Die Zeitung New York Sun berichtete, sie habe bereits in England als Kinderstar auf Theaterbrettern gestanden, seit sie fünf Jahre als war.

1868 in den letzten Augusttagen aus England in den USA angekommen, hatte sie umgehend den Balladensänger Charles Vivian geheiratet. Die Ehe dauerte nicht lange – berichtet wird von einem Zeitraum von weniger als einem Monat. Es gibt Hinweise auf eine weitere Heirat 1878, jedoch existieren hierüber keine Unterlagen. Sie scheint auch von keinem ihrer Ehemänner je geschieden worden zu sein. Annie Ryan war bereits viele Jahre vor der Heirat Kostüm-Assistentin von Annie Hindle. Es gibt Hinweise darauf, dass Hindle mit einer Reihe ihrer Theater-Mitarbeiterinnen romantische Beziehungen unterhielt. Annie Ryan ist ansonsten ein unbeschriebenes Blatt in der Lesbengeschichte – wäre nochmal eine Herausforderung.

Annie Hindle taucht auch in zeitgenössischen Romanen auf, sie war offensichtlich schon zu Lebzeiten eine Legende.
Die moderne Lesbenforschung hat sie wiederentdeckt. So widmet Lisa Duggan ihr in „Sapphic Slashers: Sex, Violence, and American Modernity“ (Duke University Press, 2000) einigen Raum. Die Shee Theatre Company hat 2003 das Stück „Ladies and Gentleman“ der irischen Autorin Emma Donoghue, über frühe Drag-Künstlerinnen und Künstler in den 1880 auf die Bühne gebracht (siehe Foto links). Von Annie Hindles Erinnerungen an ihre Amerika-Tournee in „Tony Pastor’s showcase of human novelties“ – mit dem Frauendarsteller Gilbert Saroney (genau: dem Trauzeugen) und mit ihrer Rivalin und Freundin, der Männerdarstellerin Ella – führt das Theaterstück zu ihrer Leidenschaft für die irische Annie Ryan, „Ryanny“, die sie, so fing es mit diesem Posting an, schließlich vor ziemlich genau 122 Jahren heiratete.

Mehr dazu:
Swade’s Lesbian Tribal Chant History Page
Gillian Rodger: Hindle, Annie (ca 1847-19??), auf glbtq – Encyclopedia of Gay, Lesbian, Bisexual, Trangender, and Queer Culture