Gastbeitrag von Magda

Mache ich zur Zeit den Computer an, springt mir ein Meer an roten Flaggen entgegen. Auf Facebook undTwitter haben viele meiner Kontakte ihre Profil­bilder gegen ein rotes Bild mit zwei rosa Strichen getauscht – ein Zeichen der Unterstützung für die aktuellen Kämpfe in den USA für die Öffnung der Hetero-Ehe (und die damit ver­bundenen Privilegien) für lesbisch- und schwul-lebende Paare mit Heirats­wunsch.

Konkret geht es um zwei Verfahren, die aktuell vor dem US-amerikanischen Obersten Gerichts­hof (Supreme Court) verhandelt werden. Das eine Verfahren befasst sich mit proposition 8, einer Volks­abstimmung, mit der in Kalifornien gleich­­geschlecht­liche Ehen ver­boten wurden. Das andere befasst sich mit der Verfassungs­mäßigkeit von DOMA (Defense of Marriage Act, zu deutsch: “Gesetz zur Ver­teidigung der Ehe”), welches die Ehe als die Ver­bindung zwischen einem Mann und einer Frau definiert. Das heisst: Auch wenn ein Homo-Paar in einem der neun Bundes­staaten plus Washington DC legalisiert geheiratet hat, wird das Paar auf der Bundes­ebene weiterhin benach­teiligt was Steuer, Ver­sicherung und Erb­schaft angeht.

In der aktuellen Debatte geht es um die Fragen: Was ist eine Ehe? Welche Rechte stehen gleich­geschlecht­lichen Ehen zu? Und: Werden diese Rechte zukünftig durch den Obersten Gerichts­hof durch ein Grund­satz­urteil abgesichert? Dies erscheint relativ un­wahr­scheinlich, aber der Druck der US-amerikanischen Öffent­lichkeit zur Öffnung der Hetero-Ehe ist enorm. Auch der US-Präsident Barack Obama bezieht klar Stellung. Das Bild zur Bewegung (siehe oben) liefert Human Rights Campaign – eine Organisation, die nicht gerade für eine inklusive Bewegung steht.

Der Hype um die Homo-Ehe

Die aktuelle Aufruhr um die Homo-Ehe verwundert mich ziemlich und zwar nicht, weil mich die Forderung über­rascht. Da neben einigen lesbischen und schwulen Aktivist_innen eine Vielzahl meiner Hetero-FreundInnen, die eher selten mit emanzipatorischen Bot­schaften auffallen, öffent­lich für die Öffnung der Ehe plädieren, hat mich das nach­denklich gestimmt. Ich versuche mal, meine Gedanken zu ordnen:

Mit meinen 27 Jahren befinde mich tendenziell in dem Alter, in dem Hochzeits­einladungen ins Haus flattern. Obwohl ich einen sehr großen Freund_innenkreis habe, werde ich nicht mit Ein­ladungen über­schüttet – na gut, vielleicht haben die Heirats­wütigen auch keine Lust auf eine nörgelnde Feministin in der Hochzeits­gesellschaft – aber eins ist klar: In meinem sozialen Umkreis gibt es fast keine verlobten/verheirateten Paare. Viele meiner Freund_innen lehnen die Ehe ab, nur einige wenige leben in ein­getragenen Partner­schaften. Die meisten meiner Hetero-FreundInnen denken nicht ernsthaft über’s Heiraten nach, obwohl sie ohne (gesetzliche) Hinder­nisse heiraten könnten. Die Ehe hat also weder für meinen Freund_innenkreis noch für mich große Bedeutung und erscheint nur in wenigen Fällen wirklich sinn­voll (wenn eine_e Partner_in von Abschiebung bedroht ist, zum Beispiel).

Warum nun die Institution Ehe als *das* Schlacht­feld für “Homo­rechte” und gegen Homo­feindlichkeit stilisiert wird, erscheint also rätselhaft. Noch rätsel­hafter wird es, wenn ich mich in meinem sozialen Umfeld umschaue, wer diesen Hype anführt, und wieso. Das ‘wer’ ist recht einfach zu beant­worten: Neben einigen lesbischen und schwulen Aktivist_innen eine Vielzahl an hetero-lebenden Menschen. Das ‘wieso’ ist etwas schwieriger, aber ich stelle mal ein paar Mut­maßungen an:

Homo-Ehe: Yay! Heteronormativität: What?!

Gerade viele meiner hetero-Freundinnen und Freunde, die sonst relativ selten mit gesell­schafts­kritischen Bot­schaften auffallen, teilen in letzter Zeit mit Vorliebe Fotos von herz­erwärmenden Homo-Paaren, denen zum voll­kommenen Glück anscheinend nur noch der Ring am Finger fehlt. (“…cuz if you liked it then you should have put a ring on it” – auch Beyoncé reiht sich auf Facebook in die Reihe der Unter­stützer_innen ein.) Außerdem teilen sie eine Menge Satire-Videos, die sich über “diese ver­bohrten Heteros” lustig machen, die gegen die Homo-Ehe sind. Wieder andere ändern ihr Profil­bild, um ihre Solidarität mit der Homo-Ehe sichtbar zu machen.

“Und, was gibt’s denn da zu meckern?”, fragen sich viel­leicht einige. Gleich mal vorab: Ich finde es schön, dass Heteros sich nicht immer nur mit der eigenen Lebens­realität beschäftigen. Ich finde es auch gut, dass Menschen, die sich selten zu gesell­schafts­kritischen Themen unter­stützend äußern, mit solchen Thematiken vielleicht (erste? emanzipatorische) Politisierungen erleben. Es bleibt aller­dings problematisch, wenn der einzige (oder einer der wenigen) Ansätze zu Gesell­schafts­kritik im Abfeiern der Homo-Ehe verharrt, und so die gesell­schaftlichen Strukturen wie Homo­phobie und Hetero­normativität, die (unter vielem anderem!) hetero­sexistische Institutionen wie die Ehe und die damit ver­bundenen Privilegien überhaupt erst her­vorbringen, aus dem Blick geraten. Ja ja, Strukturen bekämpft mensch mittels der Thematisierung konkreter Sach­verhalte. Aber es verwundert doch zunehmend, dass der Kampf dafür, Teil einer (schon immer aus­schließenden und exklusiven) Institution wie die Ehe einen so prominenten Platz in Lesbisch-Schwulen-Kämpfen einnimmt und massen­medial und innerhalb hetero-Zusammen­hängen mit so einer Vehemenz unter­stützt wird.

Konkret muss ich mich fragen: Wenn die Ehe und die damit ver­bundenen (finanziellen) Privilegien für Lesben und Schwule geöffnet wird, was ändert dies an den Lebens­realitäten von allen Menschen, die in einem hetero­normativen System jeden Tag um Sicht­barkeit_Anerkennung_Unversehrt­heit kämpfen müssen? Welche Lebens­realitäten werden im Kampf für die Homo-Ehe verhandelt, welche fallen hinten runter? Was nützt die Homo-Ehe, die exklusiv zwei Menschen als eine Ver­bindung imaginiert, jenen (Liebes)Beziehungen, die zum Beispiel aus drei oder vier Menschen besteht? Wieso werden die transfeindlichen und rassistischen Vorkommnisse innerhalb der Bewegung kaum thematisiert? Und wieso Teil eines heteronormativen und bis vor wenigen Jahrzehnten rassistischen Clubs werden, ohne dass dieser sich inhaltlich neu formieren muss?

Gesellschaftskritik ohne Hinterfragung eigener Normalitäten

Ich glaube, dass die Vielzahl an hetero-Menschen, die gerade (fast pflicht­bewusst) Pro-Homo-Ehe Botschaften auf diversen sozialen Netz­werken teilen, eine niedrigschwellige Möglichkeit gefunden haben, Gesellschafts­kritik zu üben, ohne eigene hetero­normative Normalitäten zu sehr in Frage stellen zu müssen. Es sind (teilweise) die gleichen Menschen, die ich ab und zu daran erinnern muss, dass ‘schwul’ kein Schimpfwort ist; oder dass es nicht cool ist, davon auszugehen, dass Frauen automatisch auf Männer stehen; oder dass ihre raum­einnehmende Hetero­performance auf Partys nicht für alle cool ist, denn diese Öffentlich­keit können sich nicht alle erlauben, ohne mit Blicken, Sprüchen oder gar Gewalt sanktioniert zu werden. Unter den Homo-Ehe-Verfechter_innen sind auch so einige Hetero-Typen, die gerne homo-erotische Witzchen machen, aber bloß niemals von irgend­jemanden so gelesen werden wollen, weil ein Typ, der als schwul gilt, in der Typen-Hierarchie nicht weit oben angesiedelt ist. Aber heiraten sollen die Homos können, da ist mensch groß­zügig.

Solidarität, aber wie?

Wie kann ich also Kämpfe unterstützen, die vielleicht gar nicht meine eigenen sind? Einfach Klappe halten? Nee, ganz sicher nicht. Ein guter Anfang: Fünf Tipps, um Heterosexismus zu bekämpfen. Ich finde es auch nicht grund­legend scheiße, sich für die Homo-Ehe (unterstützend) einzusetzen, auch wenn das nicht meine Idee von radikaler Gesellschafts­kritik ist. Wenn die aktuelle Gesell­schaft der politische Bezugsrahmen ist, würde ich wahr­scheinlich auch nicht gegen die Homo-Ehe stimmen (es gibt, wie oben angesprochen, u.a. politische Gründe zu heiraten). Aber Solidarität für von Homo­feindlich­keit betroffene Menschen entsteht nicht dadurch, einen entrüsteten Status-Update auf Facebook zu veröffentlichen, dass Lesben und Schwule immer noch nicht heiraten dürfen. Für einige mag es neu sein, aber Schwule und Lesben, die in Zweier-Liebes­beziehungen leben und heiraten möchten, sind nicht die einzigen, die von Hetero­normativität betroffen sind.

Im aktuellen Kampf um die Homo-Ehe geht es sehr häufig um die Interessen von wohlhabenden, weißen Lesben und Schwulen. Dies bedeutet, dass im Zuge des Lobbying für die Homo-Ehe oftmals vergessen wird, dass (insbesondere prekarisierte und_oder von Rassismus betroffene) queere_trans*_schwul_ lesbische_bi Menschen teilweise noch nicht einmalfundamentale Grundrechte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheitbesitzen. Fragen um eine aus­reichende Kranken­versicherung, ein Dach über dem Kopf oder Schutz im Falle von Gewalt_Diskriminierung sind für viele die viel dringlicheren politischen Fragen, so dass der Kampf um die Homo-Ehe automatisch einen unter­geordneten Stellen­wert haben muss. Dass es die Homo-Ehe ist, die massen­medial so prominent verhandelt wird, zeigt auf, dass innerhalb der Bewegung privilegierte Lesben und Schwule mehr gehört und in ihren Interessen stärker vertreten sind. Mia McKenzie stellte auf dem sehr empfehlenswerten Blog Black Girl Dangerous schon im letzten Jahr (als Obama sich zum ersten Mal öffent­lich positiv zur Homo-Ehe äußerte) folgende wichtige Fragen:

Was tut die Homo-Ehe für wohnungs­lose queere Jugendliche? Wie hilft sie Trans*Menschen, die auf offener Straße ermordet werden? Was tut sie für die Armen, von denen viele queere People of Color sind? Wer profitiert wirklich von der Homo-Ehe? (meine Übersetzung)

Klar ist: Die Ehe als Institution hat bisher lediglich Platz für Menschen, die in ihren Pässen jeweils ‘Mann’ und ‘Frau’ stehen haben. Dass diese nun geöffnet werden soll für das homonormative Mann-Mann und Frau-Frau Schema, ist zwar eine vermeint­lich progressive Veränderung, sie geht allerdings mit der Tatsache einher, dass ganz viele Lebens­realitäten damit wieder einmal auf ihren (unsichtbaren) Platz ver­wiesen werden.

Gesellschaftskritik ist (auch) Selbstkritik

Für mich beinhaltet Gesellschaftskritik eine selbst­kritische Auseinander­setzung mit eigenen Selbst­verständlich­keiten, mit unhinter­fragten Normalitäten. Für die Homo-Ehe zu sein, ist da erst einmal nicht sonderlich schwer: Zwar werden Hetero­privilegien hinter­fragt was den Bund der Ehe angeht. Für die hetero-lebenden Menschen in meiner Umgebung, für die die Ehe fast kein Referenzpunkt ist, hat die Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule allerdings keinerlei Auswirkung auf die eigene Lebens­realität. Schwierig wird es nämlich erst, wenn der Kampf gegen Homophobie und Hetero­normativität die eigene Lebens­realität in Frage stellt – und das müsste es eigentlich. Dann müsste ich meine FreundInnen nicht auf oben genannte Dinge aufmerksam machen, auf diese kleinen und großen diskriminierenden und für sie völlig selbst­verständlichen Handlungen.

Was (und wem?) nützt der Status Update auf Facebook, der sich für die Homo-Ehe ausspricht oder das Meer an roten Flaggen, wenn der nächste homo­feindliche Spruch schon locker auf der Lippe sitzt, wenn der hetero­normative Alltag doch gleich bleibt?

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