Ambitioniert war es, das Gendercamp 2011. Viele junge Leute zwischen Mitte 20 und Mitte 30, umgängliche Stimmung und komplizierte Rede. Alle waren total nett. Das Essen war gut, die Organisation auch und um die Inhalte geht es in den nächsten Tagen hier bei L-talk. Wenn wir mit der Struktur fertig sind. Die war eine ordentliche Herausforderung … und mit wem darüber reden?

„Ich lese derweil alle hashtags und tumblogs, optIns und den borderhouse blog  der sluts, damit ich nachher mitreden kann ;->“

schrieb mir meine Freundin per SMS, als ich auf dem Rückweg war. Das war auch gut so, denn das Mitdiskutieren war nicht jeder und jedem vergönnt. Aber wer würde das verübeln beim Sichten und Analysieren aufgetürmter Bildungs- und Klassenschranken?

Sprache

Eine deutsche Zeitung hatte im Vorfeld der royalen Hochzeit zwischen William und Kate im April 2011 schon mal aufgelistet, wo überall die Sprachbarrieren tückisch lauern. So tut Kate gut daran, sich nicht mehr vor einem mirror die dunklen Locken zu kämmen, sondern nach ihrer Erhebung in den Adelsstand ein looking glass zu benutzen, bevor sie sich mit William auf das gemeinsame sofa kuschelt, nachdem ihre couch den Umzug in königliche Sprachgefilde nicht überstanden hat. Ob Royals streiten und wenn: wie? Man weiß es nicht. Gendercampende jedenfalls tragen ihre Konflikte nach anderen Regeln aus, aber erfolgreiche Anpassung erfordert auch dort eine ausgefeilte Strategie.

Eliten? Nö. Wir nicht.

„Beim Gendercamp werden Privilegierte gefördert“

fasste eine Teilnehmerin im Workshop Diversität zusammen. So war’s auch. Es waren ausgesprochen nette Privilegierte, junge Menschen mit akademischer Bildung, ohne sichtbare Behinderungen, im Normgewicht, mit zeitlichen und finanziellen Ressourcen und deutscher Muttersprache. Bei den meisten Punkten gab es die zu erwartende Menge statistisch Ausreißender oben und unten. Und die Widerstände, die Gesprächsversuche über Eliten auslösten, sprechen sehr dafür, dass diese Homogenitäts-Debatte einen wunden Punkt getroffen hat.

Dresscodes (Variationen)

Eliten, ob Adel oder Gender, sind attraktiv als Thema, auch wegen der Kommunikationsstrategien der Eliten. Da ist zum Beispiel das mit der Mode. Einen Trend „zur Mitte hin“ machte eine verzweifelte Teilnehmerin am ersten Tag aus, aber bei genauerem Hinsehen waren die Codes diffiziler. Schockierend unkompliziert die kleine Gruppe derer, die ohne weiteres als junge Ingenieure oder angehende Politikwissenschaftlerinnen durchgehen könnten. Tun sie wahrscheinlich im wirklichen Leben auch. Aber die anderen, die sich sichtbar ausdrücken wollen, haben es schwer, in einer sozial sehr homogenen Gruppe aufzufallen. So geht’s zum Beispiel:

sie gehört dazu: Adelscode-Variation, London, 2011

und das hier? Gendercode-Variation, Hüll, 2011

Gendercode (romantische Form künstlerisch aufgebrochener Männlichkeit, idealisiert)

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Königshäuser sind doch nicht elitär!

Autorin (gefühlt) beim Gendercamp 2011 in Hüll

Diese Probleme sind in anderen Zusammenhängen ebenfalls geläufig. Zum Beispiel bei Adelshäusern, die alles in allem große Ähnlichkeiten mit Gendercamps aufweisen (die Leute sind allerdings besser angezogen)! Zu den Ähnlichkeiten zählen recht strikte informelle Dresscodes, wenige transparente formale Hierarchien (nebst vielen, vielen informellen), ähnliche Ausbildung, ähnliche Jobs, ähnliche Freizeitvergnügungen, die Sprache, verbal wie nonverbal … und immer das kleine Quäntchen Transparenz, das ihnen ermöglicht, Außenstehende (dort heißt das Bürgerliche) nach eigener Wahl in ihren Zirkel aufzunehmen, wenn diese bereit sind, sich assimilieren zu lassen und die Normen zu adaptieren. So ein Adelshaus ist ja nicht nur elitär! Da mag vielleicht Kronprinzessin Victoria von Schweden anlässlich ihrer Hochzeit „ihrem Volk“ dafür gedankt haben, dass es ihr „einen Prinzen geschenkt“ habe (Erinnerung: Sie heiratete 2010 ihren langjährigen Freund und Fitnesstrainer) … aber das heißt doch nicht, dass sie  beispielsweise unfreundlich zu Kronprinzessin Mette Marit von Norwegen ist, die sogar einen unehelichen Sohn in die Ehe mit dem norwegischen Thronfolger Hakoon bringen durfte! Weit gefehlt. Sie ist weltoffen und tolerant Patentante der kleinen Ingrid Alexandra von Norwegen, scherzt ungezwungen mit ihrer Schwägerin und ermuntert echte Männerkumpanei zwischen ihrem Volksprinzen und Mette Marits echtem Hakoon. Ja, Daniel und Mette Marit haben es geschafft – aber so einfach erhält das queere Fußvolk keinen Zutritt in die informellen Elitestrukturen eines egalitären Gender-Camps! Bei poly-amourösen Beziehungsidealen ist es mit einer schnöden Heirat nämlich nicht getan, hashtag hin oder her.

Rollenfragen: Vorbilder sind auch nicht elitär

Auch hierfür bietet die royale Hochzeit in London ein herausragendes Vorbild. Williams Patentochter Grace van Cutsem, die eigentlich nicht hätte auffallen sollen, ist es gelungen, ganz bei sich zu bleiben und dennoch weit über den unmittelbar betroffenen Kreis hinaus gehört – und gesehen! – zu werden. Glückwunsch zu dieser gelungenen Adaption antiautoritärer Kommunikationsformen bei vollständiger Einhaltung sämtlicher formaler Codes:

Über andere Begebenheiten (Inhalt! Inhalt!) beim Gendercamp geht es in den nächsten Tagen bei L-talk … und bereits jetzt im Auswertungs-Blog des Gendercamps unter gendercamp.posterous.com!