Den Luxus, fast überall erreichbar zu sein und telefonieren zu können, bezahlt manche mit unfreiwilligem Outing. Handys sind viel weniger sicher als Hersteller und Politik eingestehen.

Erst wenige Wochen ist es her, dass in Ägypten eine große Zahl von Mobiltelefonnutzerinnen und Nutzern durch SMS verschreckt wurde, in denen ihnen mit Verdammnis gedroht wurde, würden sie den Text lesen, berichtete Spiegel online. Eine durchaus erschreckende Variante der „wer das liest ist doof“-Zettelchen aus unserer Schulzeit. Das ägyptische Phänomen begann mit einem Bericht der Tageszeitung „Egyptian Gazette“, demzufolge ein Mann in Mallawi, südlich von Kairo, einem Schlaganfall erlegen sei, kurz nachdem er eine der mysteriösen Textnachrichten erhalten habe.

Das ist natürlich Unsinn.

Allerdings sind die halbherzigen Beruhigungsversuche der Behörden nicht minder unsinnig. „Diese Gerüchte widersprechen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen“, verkündete das Gesundheitsministerium.

Fast. Zwar lassen sich keine tödlichen Texte per SMS verschicken, aber Kaper-Übergriffe per SMS sind durchaus möglich und nehmen an Häufigkeit zu.

L-talk wollte wissen, wie das technisch realisiert wird.

Unsere Computer- und Telekommunikationsfachfrau Konstanze Gerhard:

„Natürlich erfordern solche Eingriffe technische Kenntnisse. Aber besonders in dieser Jahreszeit, Anfang April, sind die technischen Voraussetzungen besonders gut. Die Auslastung der Netze bietet genügend Kapazitäten, um einen No-Return-Hack zu triggern. Daher ist jetzt besondere Vorsicht geboten. Bereits nach wenigen Tagen lassen sich Handys wieder gefahrlos verwenden.“

Technische Voraussetzung für das Kapern und Lesbianisieren eines Handys ist die Ortung mit „local based services“ (LBS), für die der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung schon vor Jahren strikte Reglementierungen forderte:

„Es sollte aber sicher gestellt werden, dass die Neugier eines Lebenspartners oder Kollegen zeitnah erkannt und Missbrauch unverzüglich gestoppt wird. Über diese Forderungen habe ich Mobilfunkanbieter und einige Betreiber von Plattformen informiert.
Solche Schutzmassnahmen sind auch vor dem Hintergrund wichtig, dass das Nachspionieren derzeit keine strafrechtlichen Konsequenzen hat.“
(Quelle: Tätigkeitsbericht 2005 / 2006 des Bundesdatenschutzbeauftragten, S. 114)

Auch wenn es noch nicht häufig vorkommt – die Bedrohung, dass aus Nachspionieren mehr wird, ist nicht von der Hand zu weisen.

Die letzte Meldung betraf einen Übergriff auf das Handy einer jungen Frau aus Gießen, die aus mehr als verständlichen Gründen (sie hatte Sorge, ihren Arbeitsplatz zu verlieren und befürchtete, keine Wohnung mehr zu finden und von all ihren Bekannten verstoßen zu werden, wenn es herauskäme) nicht wollte, dass ihr Lesbischsein bekannt wird. Ihrer Ex, einer ambitionierten angehenden Telekommunikations-Ingenieurin, gelang es, das neue Handy zu hacken und von diesem Handy aus an alle gespeicherten Adressen eine SMS zu schicken, mit der die junge Frau sich (unfreiwillig) outete. Das Opfer benötigt therapeutische Unterstützung und ist schwer traumatisiert.

Nochmal Konstanze Gerhard:

„Wenn ich einen Rat geben darf: Am besten ist es, das gesamte Adressbuch im Handy zu löschen.  Die Mühe, die es macht, alles von Hand wieder einzugeben, wenn die gefährliche Zeit vorbei ist, kann jede dazu nutzen, Frühjahrsputz bei ihren Freundschaften und Bekanntschaften durchzuführen.“

Die Technik ist eine Sache. Wir Lesben denken jedoch stets politisch und achten auf untadelige Moral. Daher sind jetzt die Verbände und Institutionen gefragt: LSVD, Lesbenring, Arbeitsgruppen der Parteien, Vereine und selbst organisierte FrauenLesbenInis: Tut was. Steht auf gegen HandyHacking. Schreibt an die Bundeskanzlerin. Wehrt euch.

L-talk wird dazu beitragen, indem wir weiter in lockerer Folge Missbräuche zu Lasten von Lesben aufdecken.

Links und Quellen:

  • Tödliche Texte, spiegel.de, 25.3.2009
  • Der Beauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit: 21. Tätigkeitsbericht 2005 / 2006, bfdi.bund.de, 2007
  • langweilige Hintergrundinformationen für die die nicht genug kriegen können und wissen wollen, was es mit Handy-Hacking wirklich auf sich hat bei wikipedia