Wenn jemand stirbt, taucht oft die Frage auf: Was hat das mit mir zu tun? Da geht es um Bezüge, um Lernen und darum, wie die Tote das eigene Leben verändert hat. Egozentrisch werden, hat Joanna Russ sowas genannt:

„Der erste Schritt (muss) darin bestehen, entschieden ego-zentrisch zu werden, d.h. du mußt dein Ich zu deinem Zentrum machen, statt es dünn an deinem inneren Horizont zu verteilen, während irgendein Einfaltspinsel im Mittelpunkt steht.“ (zitiert nach Moylan, 1990)

Persönlich kenne ich keine einzige Feministin um die 50 oder älter, deren Leben sich nicht geändert hat, nachdem sie mit Joanna Russ in Berührung gekommen ist. Für viele von uns geschah das durch ein piefeliges Knaur-Taschenbuch mit sexistischem Cover in schlechter Übersetzung: Planet der Frauen. 1979. Es war grausam … und es schlug ein. Ungeachtet des schrecklichen Einbands machte dieses kleine Büchlein die Runde und es ist nicht übertrieben: Ich weiß nicht, ob ich mich ohne Joanna Russ getraut hätte, lesbisch zu werden.

Gut 2 Jahrzehnte danach hat sich der Argument Verlag übrigens der brach liegenden Lizenz erbarmt und eine politisch korrektere Ausgabe unter dem Titel Eine Weile entfernt herausgebracht, aber irgendwie ist das alte Cover Programm. Genau darum ging es – auch.

The Female Man – Dystopie, Wirklichkeit und Utopie

Vier Frauen und vier Welten treffen aufeinander. Die Erzählerin Joanna lebt 1969 in den USA, wie wir sie kennen. Dieser Wirklichkeit sehr nahe kommt Jeannines Welt: hier hat der zweite Weltkrieg nicht stattgefunden, und die Wirtschaftskrise ist nicht überwunden worden. Janet besucht die Welten Jeannines und Joannas im Rahmen eines Forschungsprojekts, das von ihrer Welt Whileaway ausgeht. In Whileaway wurden die Männer lange Zeit zuvor durch eine Seuche ausgerottet, so daß Janet auf die Tradition einer neunhundertjährigen reinen Frauengesellschaft zurückblicken kann. Jaels Welt ist in ein Land der Frauen und eines der Männer aufgespalten, die sich heftig bekriegen. Das Spiel mit Utopie und Dystopie also, mit Zerrissenheit äußerlich wie innerlich. Joanna Russ hat immer darauf geachtet, das Lesbische in den Dingen zu erkennen. Und das Zerrissene:

„Platt gesagt, ist Jeannines Welt die Vergangenheit (aber noch sehr präsent), Janets Welt ist irgendwie ideal (in dem Sinne, dass ich alles hineingepackt habe von dem ich mir wünschen würde, dass es passiert), und Jaels Welt ist die von heute in ihr logisches Extrem weitergeführt. Joanna rennt von einer zur andern. Janets Welt ist die Hypothetische, nicht Jaels. “
(Russ, 1975)

Am Schluss übrigens finden sich die vier Frauen – oder die vier Seiten der J-Persönlichkeit – zusammen:  Frauensolidarität und die gemeinsamen Interessen sind stärker als die unterschiedlichen Richtungen.

Lebenslang Autorin

Joanna Russ starb am 29. April 2011 im Alter von 74 Jahren nach einer Reihe schwerer Schlaganfälle. Sie unterrichtete über Jahrzehnte an zahlreichen Universitäten in den USA, zuletzt auf ihrem Lehrstuhl an der Universität von Washington in Seattle, wo sie von 1977 bis zu ihrer Pensionierung 1990 lehrte. Sie hat zahlreiche renommierte Literaturpreise erhalten und war eine anerkannte Rednerin auf vielen Kongressen.  Es gibt viele schöne Anekdoten über Joanna Russ. Dazu gehört, dass sie bereits als Fünfjährige mit der Produktion von Literatur begonnen hat. Auch ihr Coming Out von 1969 hat sie literarisch verarbeitet, in ihrem einzigen nicht-Science-Fiction Roman On Strike Against God (1980), dt. Aufstand gegen Gott (1983).

Sie wollte nicht mehr und nicht weniger als die Welt verändern:

„Science fiction ist , auf eine Weise, für jede Art radikaler Gedanken naheliegend. Weil sie von Dingen handelt, die nicht geschehen sind und nicht geschehen. Sie ist sehr fruchtbar, um die Belange von Randgruppen zu benennen, weil du es in einer Welt tun kannst, in der die Dinge anders sind.“
(1984, zitiert nach Guide to the Joanna Russ Papers)

Joanna Russ hat noch eine Reihe weiterer  Romane und Kurzgeschichtenbände veröffentlicht, die auf Deutsch und auf Englisch wenn überhaupt gebraucht zu finden sind. Dazu gehören (mal am Bücherschrank entlanggeschrammt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit) Picnic on Paradise (1968), dt. Alyx (1983), And Chaos Died (1970), dt. Und das Chaos starb (1974), The Two of Them (1978), dt. Die Frauenstehlerin (1982) und Zwei von ihnen (1990), The Adventures of Alyx (1983) und Extra(Ordinary) People (1984). Was soll man dazu sagen? Irgendwie waren die alle ziemlich lesbisch.

Joanna Russ als Literaturwissenschaftlerin

Und sie hat – wie von einer Dozentin zu erwarten – eine ganze Menge Non-Fiction geschrieben: Parteilich, manchmal (selbst)ironisch und immer mit Frauen im Blick. How to Supress Women’s Writing von 1983 ist eine auf den Kopf gestellte Anleitung zur möglichst effektiven Unterdrückung weiblicher Schreiblust. In To Write Like a Woman (1995) dreht sie den Spieß um und fragt: Was ist eigentlich das Weibliche am Schreiben?

Und in ihrem Buch What Are We Fighting For?: Sex, Race, Class, and the Future of Feminism von 1998 geht es um einen Schwenk der Frauenbewegung von politischen zu psychologischen Themen … von außen nach innen und von der Gesellschaft zum Individuum. Da kommt die Dozentin für Women’s History durch: Russ weist mit ausführlichen Exkursionen in die Geschichte nach, wie dieser Schwerpunkt- oder Perspektivenwechsel dazu führt, dass das, was heute Intersektionalität heißt, aus dem Blick verschwindet: Wo bleiben Fragen nach den Interessen von Lesben, von Frauen unterschiedlicher Schichten und etnischer Hintergründe, von Frauen mit Behinderung bei dieser Änderung der Blickrichtung?

Science Fiction hatte für sie zwei zentrale Ziele: Eine systematische Kritik des Patriarchats zur Verfügung zu stellen und eine bessere, gleichberechtigte Gesellschaft zu erdenken.

Dorthin ist sie jetzt – hoffentlich – unterwegs. Gute Reise nach Whileaway, Joanna Russ.

Links und Quellen:

  • Conseula Francis and Alison Piepmeier: My Hair Stood on End!: Talking with Joanna Russ about Slash, Community, and Female Sexuality, 31. März 2011, jprstudies.org (Download 30.04.2011)
  • Moylan, Tom: das unmögliche verlangen. science fiction als kritische utopie; Hamburg: argument, 1990
  • Russ, Joanna: Das Frauenbild in der Science Fiction; in: Holland-Cunz, Barbara (Hrsg.): Feministische Utopien – Aufbruch in die postpatriarchale Gesellschaft; Meitingen: Corian-Verlag Wimmer, 19872 (1986)
  • Interview mit Joanna Russ: Reflections on Science Fiction, in: Quest, vol. II no. 1, 1975
  • Joanna Russ bei Wikipedia (englisch), Download 30.4.2011
  • Joanna Russ: The Female Man (1969 / 1975), dt. Planet der Frauen (1979), Eine Weile entfernt (2000)
  • Farah Mendleson (ed.): On Joanna Russ, Wesleyan University Press, 2009
  • Guide to the Joanna Russ Papers, 1968-1989, University of Oregon, Download 30.4.2011
  • Jane L. Donawerth: Joanna Russ (Kurzbiografie), Encyclopedia of Gay, Lesbian, Bisexual, Transgerder, & Queer Culture, glbtq.com, Download 30.04.2011