M und Q sind in ihren 30ern und leben zusammen in Athen. M hatte vor einigen Wochen etwas auf der Mailingliste euro-sappho gepostet, daraufhin kam ich mit ihr und ihrer Liebsten ins Gespräch.

Statue der Athena vor der Akademie in Athen, Foto: by Yair Haklai, CC-BY-SA-3.0 Unported, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Athena_column-Academy_of_Athens.jpg

Statue der Athena vor der Akademie in Athen, Foto: by Yair Haklai, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC-BY-SA-3.0 Unported

Claudia: Wie war euer Tag heute?

M: Bei der Arbeit war’s ein guter Tag, danach eine schöne Runde im Fitness-Studio, ein Crash mit meiner Mutter – wie glücklich ich mich schätze, dass ich meine Liebste habe.

Q: Dass heute erst Dienstag ist, finde ich doof. Ich will nicht so lange warten müssen, bis ich es mir wieder richtig gut gehen lassen kann am Wochenende. Immerhin waren wir heute nach langer Zeit mal wieder Sport machen und jetzt sind wir zuhause, alles ist schön und ruhig und ich bin zufrieden.

Claudia: Neulich hattet Ihr auch mal ne Radtour vor, richtig?

Q: Ja, es war das erste Mal, dass M es geschafft hat, mich davon zu überzeugen, in der Stadt Rad zu fahren. Wir waren so 30 Leute. Wir sind zu der Einsicht gelangt, dass wir viel glücklicher sind, wenn wir sportlich bleiben, also probieren wir das auch. Ich fände es toll, wenn ich täglich mit dem Rad zur Arbeit fahren könnte, weil es mit guttut und wegen der Umwelt.

Claudia: Trefft Ihr an eurem Arbeitsplatz andere Lesben?

M: Nicht wirklich. Da, wo ich arbeite, sind keine Lesben out. Ich will es mal so sagen: Hier haben Lesben verschiedene Arten von Out-Sein und Nicht-Out-Sein. Ich arbeite in einer Firma, die ich mit anderen zusammen besitze, das ist ein einigermaßen sicheres Umfeld und ich bin meinen Mit-Eigner*nnen gegenüber out, aber meinen Angestellten gegenüber nicht – wobei ich es in letzter Zeit auch nicht mehr wirklich verstecke.

??????? ?????????? - Klafthmonos Square in Athen, Foto vom Pride Athen 2010, by Mzimu, Lizenz: CC-BY-SA-3.0 Unported, commons.wikimedia.org

Klafthmonos Square in Athen, Foto vom Pride Athen 2010, by Mzimu, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC-BY-SA-3.0 Unported

Q: Bei mir bei der Arbeit gibt es ein paar Lesben, sie sind meist out. Ich denke kaum noch daran, dass ich Lesbe bin. Ich bin einfach, weißt du? Und so bin ich schon seit einer ganzen Weile und es macht mir kaum Mühe, vor allem dann nicht, wenn es um meine Sexualität geht. Aber wie ist das mit deinem Interesse für Frauen und Lesben, Claudia, denkst du es kommt von deinem Bedürfnis, sichtbarer zu werden und zu bleiben oder…?

Claudia: Vermutlich! Voneinander zu wissen ist super, aber zusammen „out“ zu sein ist noch toller. Als wir noch in Hamburg lebten, hatten wir fast vergessen, dass wir Lesben sind. Wenn ich in meiner Wohngegend von mehr als 20 Lesben weiß, dann ist es für mich leicht, mein Lesbischsein zu vergessen.

Q: Ich denke mal, dass es dann tatsächlich viel einfacher ist.

M: Für uns klingt das wie ein Traum, mehr als 20 Lesben in der Nachbarschaft zu wissen.

Claudia: Ah, für mich auch, und was nun – mit so einem Traum?

Q: Was wir tun? Naja, M sagte mir gerade sie ist sich da nicht sicher. Was mich angeht: es ist nicht mein Traum [Smile]

Alt und Neu in Athen, im Vordergrund der Parthenon ("Jungfrauengemach"), Foto: by Mstyslav Chernov, Lizenz: CC-BY-SA-3.0 Unported, commons.wikmedia.org

Alt und Neu in Athen, im Vordergrund der Parthenon („Jungfrauengemach“), Foto: by Mstyslav Chernov, commons.wikmedia.org, Lizenz: CC-BY-SA-3.0 Unported

Claudia: Q, wie gelingt es dir, dein Lesbischsein zu vergessen, wenn du in deiner Nachbarschaft nahezu keine Lesben kennst?

Q: Naja, ich vergesse es irgendwie und gleichzeitig vergesse ich es nicht. Ich vergesse es in dem Sinne, dass es mich nicht auf eine Art tangiert, dass ich mich verstecken müsste.

Claudia: Ah, weißt du, für mich passen Lesbischsein und sich verstecken gar nicht zusammen. Ich erinnere mich daran, lesbisch zu sein und das ist der Grund, warum ich allen gegenüber out bin.

Q: Es ist nicht so, dass ich es nicht zulassen würde. Es tangiert mich nicht und dies ist inzwischen wie meine zweite Natur, aber es ist ein Prozess. Es ist eine sehr bewusste Entscheidung, die ich getroffen habe darüber, wie ich leben will.

Abwägen und Gewichten, Deutsche Fotothek, Lizenz: public domain

Abwägen und Gewichten, Deutsche Fotothek, public domain

M: Keine Ahnung, ob die 8 Jahre, die wir vom Alter her auseinander sind, da was ausmacht. Wir sind so verschieden, ich bin die ältere.

Claudia: Hm, es scheint mir eher eine Frage des Typs zu sein, der Persönlichkeit. Bei uns bin ich die ältere und meine Liebste möchte normal sein und ich besonders.

M: Wir haben gerade beide gelächelt, als wir deine Zeilen gesehen haben. Bei uns ist es so, dass ich normal sein möchte und Q ist gern besonders.

Claudia: Normal sein wollen und lesbisch sein, wie passt das zusammen? Nach dem Motto: Wenn du dich normal fühlst, dann bist du es?

M: Ich vermute es kommt darauf an, wie du Normalsein definierst.

Claudia: „Anderssein ist normal, Anderssein ist wichtig,“ hat mein Vater mal gesagt und ich fand das super. Denn wenn Anderssein normal ist, dann sind wir alle frei zu tun und zu sein was wir wollen, oder?

nicht still sein, commons.wikimedia.org, Lizenz: public domain

Bloß nicht still sein ! — public domain

Q: Anderssein ist normal in dem Sinn, dass es unvermeidlich ist. Wir sind alle mehr oder weniger verschieden. Und als Lesben sind wir auf ne bestimmte Art verschieden. Ich bin in meinem Leben schon in sehr sehr vielen Aspekten anders gewesen und ich habe es darauf angelegt, anders zu sein. Den Mainstream mochte ich nie, also habe ich begonnen, mein Anderssein zu feiern und bei jeder Gelegenheit zu zeigen, wie verschieden ich bin [Smiley mit Zwinkern]. Und nach einigen Jahren in Gruppen und Therapie habe ich angefangen, mich normal zu fühlen, in dem Sinne, dass ich Mensch und menschlich bin: Ich teile Gefühle, Gedanken, Ängste mit anderen Leuten, auch wenn ich mich über viele andere Sachen mit ihnen streiten würde. Und dennoch wir sind wir alle eben Menschen und es gibt da ein Solidaritätsempfinden. Inzwischen bin ich auch noch Veganerin und das ist ein weiterer Punkt, an dem ich von der griechischen Norm abweiche. Naja, ich glaube vor allem, dass Schweigen den Tod bedeutet und ich werde eine der ersten sein, die out ist bezüglich allem und jedem und aus irgendeinem Grund fühle ich mich normaler als jemals zuvor.

M: Ich und Q, wir sind definitiv verschieden in der Art wie wir uns selbst sehen und auch wie wir meinen, dass wir uns von anderen unterscheiden.

Claudia: Wenn ich mir so die Menschen um mich herum betrachte und mich selbst auch, dann brauchen einige eben mehr Resonanz als andere.

Schatten einer Palme vor Wandmalerei im Panemistimio, Athen, Foto: by G.dallorto, commons.wikimedia.org, Lizenz: CC-BY

Schatten einer Palme vor Wandmalerei im Panemistimio, Athen, Foto: by G.dallorto, Lizenz: CC-BY, commons.wikimedia.org

M: Genau das meine ich. Schau mal, ich finde mich normal, hab ich immer. Aber an einem bestimmten Punkt hat sich da was verändert. Sogar Lesbischsein fühlte sich normal an. Jedenfalls habe ich mit meinen Eltern eine schlechte Erfahrung gemacht bei meinem Coming out und ich denke, dass dies einen großen Einfluss darauf gehabt hat wie ich mich danach selbst gesehen habe. Ich fing an zu glauben, dass andere mich nicht normal finden und das hat mich beschäftigt. Meine Eltern fanden mich definitiv nicht normal. Davor hatte ich gar nicht wirklich gewusst, dass ich lesbisch bin und ich hatte ihnen schon bald nach meiner Erkenntnis davon erzählt. Ihre Reaktion war mehr als Kritik und das war traumatisch für mich. Darauf folgten 5 Jahre des andauernden Kampfes, der mich zerrissen hat.

Q: Viele griechische Familien sind so eng gestrickt und ko-abhängig, dass solche Sachen ziemlich häufig passieren.

Claudia: Bald werden es die Eltern sein, die M wirklich brauchen und so langsam sollten sie nun ihr gefallen wollen.

M: Es stimmt, dass sie im Laufe der Jahre abhängiger werden von mir. Ihr Verhalten mir gegenüber hat sich schon gebessert – nachdem ich bei unseren Auseinandersetzungen laut geworden bin und klar gesgat habe, welche Grenzen sie nicht mehr übertreten dürfen und so. Aber meine Mutter hat mich praktisch erpresst am Tag vor ihrer Operation, dass ich sie nicht besuchen dürfe, wenn ich ihr weiterhin sage, dass ich lesbisch bin. Also bin ich ihr gegenüber nicht mehr out – wenn sowas geht. Ich akzeptiere, dass sie damit nicht umgehen können, also habe ich mich Ihnen gegenüber „ins Versteck“ zurückgezogen. Zwar lüge ich jetzt nicht und sage, dass ich männliche Partner habe, sondern ich erzähle Ihnen einfach nichts mehr über mein Leben. Sie verlieren damit einiges.

Athen vom Hügel Lykavittos aus gesehen, Foto: by Mstyslav Chernov, commons.wikimedia.org, CC-BY-SA-3.0 Unported

Athen vom Hügel Lykavittos aus gesehen, Foto: by Mstyslav Chernov, commons.wikimedia.org, CC-BY-SA-3.0 Unported

Q: Sogar meine Mutter redet mit niemandem darüber und ich denke es würde ihr nicht leicht fallen, zu sagen, dass sie eine lesbische Tochter hat und mich offen darin unterstützen. Aber auf einer alltäglichen Ebene akzeptiert sie mich und unsere Beziehung. Ich fordere von ihr nicht, dass sie mehr tut, sie ist frei zu tun was sie will. Und inzwischen mag sie keine homophoben Kommentare mehr hören, will aber auch nicht dafür kämpfen.

Claudia: Niemand kämpft gern für irgendwas, glaube ich.

Q: Doch, ich kann und werde für mich selbst kämpfen, aber ich erwarte nicht dasselbe von ihr.

Teil 2 folgt in Kürze.