Grüße aus Athen, Teil 2

von | 8. Januar 2014 | Alltage, Gesellschaften, Identitäten | 0 Kommentare

Wie ist eigentlich das Leben so, in der Hauptstadt von Griechenland, für Lesben heute? Zum Beispiel für M & Q, die in Athen leben? Hier Teil 2 unseres Interviews, wir haben es geführt am 19. Juni 2013.

Claudia: Wie war’s beim CSD in Athen?

Beim Pride in Athen 2008. By User kokkinoi antireporters of Athens Indymedia. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Athens_Greece_LGBT_pride_2008_1.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

Beim Pride in Athen 2008. By User kokkinoi antireporters of Athens Indymedia. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Athens_Greece_LGBT_pride_2008_1.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic

M: Für mich war es der erste CSD und mein Gefühl war, das es ein Festival ganz allein für mich ist, schwierig zu beschreiben. Es hat sich definitiv sehr sehr gut angefühlt, all die Leute zu sehen, lesbische oder schwule, hetero oder transgender, die einander akzeptieren, alle zusammen mit ihren Verschiedenheiten, wie sie einander anerkennen dafür, anders zu sein, und dies zu feiern. Ich fühle mich sehr sehr gestärkt. Es hat mich so bewegt, dass ich die Hälfte der Zeit fast in Tränen war. Das Event wurde offiziell von der Stadt Athen unterstützt, ziemlich enttäuschend war allerdings, dass der Bürgermeister entgegen seiner Ankündigung nicht aufgetaucht ist. Aber andererseits sind auch die Neonazis nicht dagewesen, was positiv ist.

Athen von Lykavittos aus gesehen. By Sharon Mollerus. 14 March 2009. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Panorama_from_Lykavittos.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Athen von Lykavittos aus gesehen. By Sharon Mollerus. 14 March 2009. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Panorama_from_Lykavittos.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Q: Sie sind nicht gekommen, weil sie wussten, dass wir stark in der Überzahl sein würden und wir sie kräftig versohlt hätten.

M: Na gut, was auch immer der Grund gewesen sein mag, alles ist gut gelaufen. Die Presse hat anschließend viel geschrieben und alle hatten eine Meinung, alle waren mehr oder weniger unterstützend. Und Mitte Juni fand in Thessaloniki der erste Pride statt, in der zweitgrößten griechischen Stadt.

Q: Und deren Bürgermeister war in seiner Rede sehr unterstützend. Er spricht sich deutlich für alle Arten von Unterschieden aus, echt cool, der Typ. Dafür, dass er in Thessaloniki den CSD genehmigt hat, ist er vom Erzbishof Griechenlands bedroht worden. Der diesjährige Pride in Athen war der bisher größte, mit ca. 5000 Leuten, aber bewegt hat es mich nicht wirklich. Der erste in Athen, 2005, der hat mich bewegt, da waren wir 250-300 Leute. Es gefällt mir zwar, dass mehr Leute kommen und auch mehr Leute out sind, aber weniger gefallen tut mir, dass es jetzt mehr ums Feiern geht als ums Protestieren. In der Zeit meines ersten CSDs war ich selbst auch politisch aktiverin Sachen LGBT-Rechte und allem. Also hat es sich wie ein Anfang von etwas Neuem angefühlt, wie der Beginn einer Veränderung. Von dieser Veränderung habe ich allerdings bisher noch nicht viel gesehen. Ich hatte in der Zeit einige Jahre lang auch ein queeres Blog und war in einer Gruppe von queeren Aktivist*nnen dabei.

Claudia: Was habt Ihr da so gemacht?

Q: Naja, unser Ziel war, Bewusstsein zu wecken (raise awareness), angefangen haben wir mit Flyern, dann haben wir Proteste organisiert, später dann Parties. Aber du weißt ja wie das ist: Sogar in einer kleinen Gruppe von Leuten, die andere Meinungen vertreten als der Mainstream, können die Unterschiede so sein, dass sie Probleme verursachen. Und ich denke, dass dies auch unser Hauptproblem war: Wir waren allesamt zu stark auf unsere eigenen Meinungen bezogen (we were all too opinionated). Wie eine linke Partei, hat M dazu richtig bemerkt. Aber es war o.k. solange unsere Gruppe bestand und das Blog hat mir Spass gemacht.

September 2008, Anfang eines Queer-Alphabets

September 2008, Anfang eines Queer-Alphabets

Claudia: Gibt es das Blog noch? Bist du noch in Kontakt mit den anderen aus dieser Gruppe? Und was hat dir am Bloggen Spass gemacht?

Q: Das Bloggen fand ich schön, weil ich mit anderen in Kontakt war, der Meinungsaustausch dabei. Aber das Blog ist nicht wirklich mehr da.

Claudia: Also ist dein Blog inzwischen „Geschichte“ und ich finde es sollte als Kulturerbe archiviert werden 🙂

Q: Also es ist da noch irgendwo, aber es ist lange nicht aktualisiert worden. Und nein, ich bin auch nicht mehr wirklich mit den Leuten in Kontakt, aber wir treffen uns hier und da mal auf der Straße und es gibt die Mailingliste noch, mit gelegentlichen Ankündigungen von Events, aber das war’s dann auch. Was bebeutet dir das denn alles, lesbischer Aktivismus und so, Claudia? Geht es darum Awareness zu schaffen? Dass du mit anderen was teilen willst und dazugehören? Geht es dir darum, Ungerechtigkeit zu bekämpfen auf jede erdenkliche Weise?

Claudia: Yes + yes + yes. Was mich auch antreibt ist kulturelle Vielfalt an sich, weil sie schließlich alle bereichert. Ich denke eben, dass alle irgendwie froh sind, wenn sie anderen nicht ständig allzu ähnlich sein müssen. Was sind denn eure Träume so, welche Veränderungen wollt Ihr in eurem Leben noch erleben?

M: Ich bin immer eine eher bescheidener Mensch gewesen, jedenfalls bescheidener vom Typ her als Q* [Zwinker mit Küsschen] und es sind eher die kleinen Veränderungen zum Besseren, die mich glücklich machen. Mit kleinen Veränderungen (small scale) meine ich die, die eine unmittelbare Auswirkung für mich haben, für mein Leben direkt, das sind die Dinge, die ich mir wünsche. Die Homo-Ehe, griechische Politiker*nnen, die nicht korrupt sind – das ist jetzt was, was nicht small scale ist, aber ich wünsche es mir dennoch – und dass die Neo-Nazi-Partei bei dern Wahlen verschwindet. Ich wäre glücklich, wenn ich Veränderungen sehen würde, die wenigstens in diese Richtung gehen.

Athen-Panorama von Pnyx. By Tomisti. 2011. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Athens_panorama_from_Pnyx.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Athen-Panorama von Pnyx. By Tomisti. 2011. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Athens_panorama_from_Pnyx.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Q: Schritt für Schritt zu gehen ist vermutlich die einzige Methode bei solchen Sachen. Also solange ich lebe… ich will nicht nur kleine Veränderungen sehen, ich möchte große Dinge sehen, aber ich wäre glücklich, wenn sie sich in eine andere Richtung bewegen: mehr Solidarität, mehr Wertschätzung für das Leben an sich, von Menschen und von Tieren, und weniger Opfer aller Art nur für Profit. Ich kann diese Gier nicht ab, die Zerstörung der Natur und der Menschen, und dennoch ist es einfach schwer, dies auszubalancieren mit der traurigen Einsicht, dass dies die Art ist, wie die Welt heute funktioniert.

Claudia: Ich denke, sie funktioniert wirklich nur auf unsere Weise 🙂

Q: Sie funktioniert nicht wirklich in unserer Richtung, oder? Jedenfalls nicht in meine/ auf meine Weise (in my way). Schau mal, ich arbeite derzeit zum Beispiel für eine Firma, die verantwortlich dafür ist, dass in chinesischen Fabriken Leute sterben. Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt und weil ich noch keine Ressourcen habe, um meine eigene Praxis als Psychotherapeutin aufzumachen. Dass dies ein Interessenkonflikt ist, kannst du verstehen, oder? Aber ich will weiterhin in dieser Welt leben und nicht in einer Kommune, die sich selbst versorgt irgendwo. Also muss ich diese Interessenkonflikte aushalten. Ich muss einen Weg finden, bei meinen Werten zu bleiben und auf ihrer Grundlage zu leben und das zu unterstützen, was Unterstützung braucht.

Blick von der Akropolis nach Süden. By Tomisti. 2011. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Athens_Acropolis_south_slope_panorama.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Blick von der Akropolis nach Süden. By Tomisti. 2011. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Athens_Acropolis_south_slope_panorama.jpg, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Claudia: … und weiterhin besteht der beste Teil unseres Lebens aus Solidarität. So meinte ich das: Unsere Welt würde auch heute ohne diese Solidarität überhaupt nicht funktionieren.

Q: Ich brauche mehr Leute wie mich selbst, du weißt, wie ich’s meine, das ist ein Projekt für’s Leben (that’s a life project). Wie es gehen kann, so wenig wie möglich gegen seine eigenen ethischen Überzeugungen zu leben. In diesem Sinne interessieren mich „die kleinen Dinge“: wie wir konsumieren, wie wir uns fortbewegen, denn dies sind Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen. So wie Out-Sein. So sein und leben wie ich bin. Damit habe ich Leute schon beinflusst, das weiß ich.

M: Lass mich ein Beispiel geben wie für mich mal sehr konkret so eine Veränderung aussah: Meine Freunde, von denen die meisten schon vor mir ahnten, dass ich lesbisch bin, haben eine ganze Weile gewartet, bis ich es mir selbst gegenüber zugegeben würde. Und dann haben sie mich super unterstützt. Als das Kämpfen mit meinen Eltern begann, lebte ich noch bei ihnen und bin ausgezogen. Einer meiner Freunde ließ mich für ein paar Monate in der Wohnung seiner Großmutter wohnen und auch danach bezahlte ich nur eine extrem geringe Miete an seine Großmutter. Er uns seine Mutter waren wunderbar. Sie wussten über die Sache mit meinen Eltern und was da los war. Als ich seiner Mutter sagte, ich sei lesbisch, rief sie: „Toll!“ Das werde ich nie vergessen. Vor einigen Tagen habe ich sie mal wieder getroffen und ihr erzählt, dass ihre Worte mich wirklich geprägt haben (have marked me) und sie sagte, sie habe es super gefunden, dass ich so offen gewesen sei und dass es ihr Sorgen mache, also diese ganzen Schwierigkeiten out zu sein, vor allem in Griechenland (being gay, especially in Greece). Sie sagte auch, dass ich sehr glücklich zu sein scheine mit Q und dass wiederum sie wirklich glücklich darüber sei. Es war mir sehr wichtig, sie Q mal vorzustellen, das war am letzten Wochenende, nicht vor 10 Jahren. Wenn ich mich zurückerinnere, auf welche Art mich Leute unterstützt haben bei meinem Coming Out, kommen mir wieder die Bilder, wie jede* einzelne* meiner Freund*nnen mich akzeptiert haben, als ich ihnen sagte, ich sei jetzt lesbisch. Es hat die Situation mit meinen Eltern umgekehrt und ich möchte mir nicht mal vorstellen, was mit meinem Selbstbewusstsein passiert wäre, wenn mich zu meinen Eltern auch noch meine Freund*nnen abgelehnt hätten.

Athen von Lycabettus aus gesehen. By A.Savin. 1. Juli 2013. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Attica_06-13_Athens_38_View_from_Lycabettus_-_Strefi_Hill.jpg, Lizenz: Free Art License

Athen von Lycabettus aus gesehen. By A.Savin. 1. Juli 2013. Quelle: commons.wikimedia.org, File:Attica_06-13_Athens_38_View_from_Lycabettus_-_Strefi_Hill.jpg, Lizenz: Free Art License

Claudia: Oh ja. So eine wichtige Geschichte, wie ich dir dafür danke. Weißt du, was allerdings meine Träume in Hinsicht auf Solidarität auch angeht? Eines Tages sagen wir in so einem Gespräch dann mal: „Mensch, wie schwierig es sein muss, ein Hetero-Leben in G. zu leben…“ Wir sprechen einfach mal voller Selbstbewusstsein auf diese Weise, wenn Heteros meinen, sie müssten uns trösten irgendwie und ohne dass sie unseren Trost für ihre Lage…

Q: Hahahaha, das wär‘ ein Tag! 🙂