Lesbenfrühlingstreffen 2010 in HamburgZum Lesbenfrühlingstreffen (LFT) am 21.-24. Mai in Hamburg kommen viele Lesben von fern und nah, die ein ganzes Wochenende mit vielen anderen Lesben verbringen wollen, barrierefrei mit Workshops, Bootsfahrt und Innenstadt-Demo. Hunderte von Lesben mehr in Hamburg – und gemeinsam auf der Straße!

Festivals, an denen Lesben als Lesben gern teilnehmen, gibt es inzwischen einige. Eines davon ist das Lesbenfrühlings-Treffen (LFT), das am Pfingstwochenende liegt und sich damit einer lesbischen Leidenschaft der 20er Jahre verbunden zeigt. Damals trafen sich Berliner Lesben immer an diesem Frühlings-Wochenende zu einem Spaziergang. Bis die Faschisten dieser Lesbenkultur ein Ende setzten.    

Wie weithin bekannt ist, erholte sich in Deutschland der Elan für politisches lesbisches Netzeknüpfen nur langsam, denn auch die 50er und 60er Jahre waren gegenüber lesbischen Lebensweisen noch sehr repressiv. Mehr Bewegung für Lesben gab es erst wieder im Zuge der Frauenbewegung, in der sich die Akteurinnen aus der Männerdominanz in der 1968er-Revolte  emanzipierten. Seit 1974 finden sich jährlich Lesben zusammen, um in ihrer Stadt das LFT auszutragen. Vom LFT gehen auch heute wichtige Impulse aus, einige davon sind in diesem Artikel zu finden.

Tradition in Bewegung

Dieses Jahr ist das LFT in Hamburg, das ist seit zwei Jahren klar und viele Lesben sind mit der Vorbereitung dieses großen Ereignisses befasst. Die Organisatorinnen erhalten dabei nicht nur Unterstützung durch ihre Freundinnen vor Ort, sondern auch von LFT-Orga-Lesben, die bereits in anderen Städten LFTs mit organisiert haben. Dafür gibt es seit dem LFT 2000 in Bochum einen Dachverband, den Lesbenfühling e.V., dessen Engagierte die gesammelten Erfahrungen an die jeweils nächsten Orgagruppen weitergeben.

So kann insgesamt für die LFTs eine Balance entstehen zwischen dem Wandel der Zeiten, der Städte und der Stile auf der einen Seite und einer sorgsamen Beständigkeit andererseits. Das Konzept geht auf, denn manche würden sagen: das Modell LFT ist ein sehr gutes Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften – im Sinne der Lesbenbewegung.

Selbstorganisation

Gewirtschaftet wird beim LFT auf der Basis von Selbstorganisation. Dies eine Fähigkeit von unbezahlbarem Wert. Unbezahlbar vor allem deshalb, weil damit nicht nur gegenseitige Wertschätzung, sondern auch selbstbestimmtes organistorisches Handeln in einer größeren Gruppe erfahrbar werden, für die Lesben im Orga-Team ebenso wie für alle Teilnehmerinnen. Selbstorganisation ist quasi ein Wertschöpfungsverfahren, das nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

So gibt es bei jedem LFT auch Versammlungen, in denen zum LFT selbst diskutiert wird, die sogenannten Plena: eines zu Beginn, eines mitten drin und ein Abschlussplenum. Auch die Teilnehmerinnen organisieren sich damit selbst: sie geben sich eine Verfassung, an der von Jahr zu Jahr weiter gearbeitet wird.

Das LFT zum Mit-Anpacken

Die Selbstorganisation derjenigen, die zum LFT kommen, findet auch darin Ausdruck, dass während des LFT selbst mit anpackt wird. Dieser dringend erbetene freiwillige Beitrag einer jeden Teilnehmerin ist Teil des finanziellen Haushaltens und also Teil des Eintrittspreises. Warum?

Damit sich das LFT gestaffelte Eintrittspreise leisten kann („Welche mehr hat, gibt mehr“), werden alle Teilnehmerinnen gebeten, sich direkt beim LFT eine organisatorische Tätigkeit auszusuchen (für 2 Stunden oder bei Lust sogar mehr). Was das zusätzlich an Spass bringen kann, wissen die langjährigen LFT-Besucherinnen sehr zu schätzen: andere Lesben beim Gemeinsam-Handeln kennen zu lernen, sich noch mehr dazugehörig zu fühlen zum LFT-Ganzen, sich einfach zwischen den Veranstaltungen nützlich zu machen und dabei neue Fähigkeiten an sich zu entdecken.

Es werden noch Helferinnen gesucht, die tatkräftig mit anpacken z.B. in den Bereichen Technik, Schutz, Verpflegung, Putzen und beim Aufbau am Freitag ab 12 Uhr. Aber auch für Lesben, die lieber bei der Arbeit sitzen, sind noch Plätze frei, z.B. an den Infotischen.

Bei einem Einsatz ab 10 Stunden gibt es eine Dauerkarte und die Verpflegung gratis. Nebenbei kann eine neue Lesben kennen lernen, sich in der Bewunderung der anderen Teilnehmerinnen sonnen und vor allem einen Betrag leisten zur einer einzigartigen Veranstaltung, von Lesben für Lesben, ohne Kommerz und überflüssigen Werbekram. Infos bei: <lft-helferinnen@web.de> oder im LFT-Büro, live Montag 13-15 Uhr und Donnerstag 18-20 Uhr, Fax 0049-3221-1341-387 (die Vorwahl in DE stimmt so), Tel. 0049-40-42838-6766

Selbstbestimmt teilnehmen (Barrierefrei)

Das LFT nur in rollizugänglichen Räumen zu veranstalten ist einer der Beschlüsse, die vor Jahren beim Abschlussplenum eines LFTs gefällt wurden und bindend sind. Damit wird dem Anspruch auf Selbstbestimmung von Lesben Nachdruck verliehen. Am besten ist es, wenn ein Unterstützungsbedarf vor dem LFT angemeldet wird. Beim LFT selbst gibt es dann einen Barrierefrei-Infotisch in der zentralen Gewerbeschule in der Nähe des Aufzugs im 1. Stock.

Rolligerechte Unterkünfte werden zum Preis von 5 Euro pro Nacht angeboten (bei Bedarf bitte schnell Bescheid geben) und der Fahrdienst ist kostenlos rund um die Uhr nutzbar. Die Stadtbusse sind Niedrigflurbusse.

Es ist ein Team von Gebärdendolmetscherinnen engagiert, deren Einsatz bei je zwei parallelen Tagesveranstaltungen möglich ist. Veranstaltungswünsche werden in die Veranstaltungsliste eingetragen, die in der Nähe des Infotisch Barrierefrei aushängt. Es wird dann verabredet, bei welchen beiden Veranstaltungen die Dolmetscherinnen dabei sind. Auch das Abendprogramm hat Anteile in Deutscher Gebärdensprache.

In der Aula der Handelsschule steht für Podiumsdiskussion und Mittelplenum eine FM-Anlage für Hörgeräte zur Verfügung. Diese kann auch bei Stadtrundgängen eingesetzt werden. Eine Induktionsschleife gibt es in der Mensa, für das Eröffnungs- und das Abschlussplenum und für das Abendprogramm.

Ruheräume stehen ebenso zur Verfügung wie ein Raum für Lesben in Krisensituationen und eine lesbische ärztliche Notfallbetreuung.

Wenn es weitere Ideen, Vorschläge oder Bedarfe gibt, bittet die Barrierefrei-AG vom Orgateam um zeitige Kontaktaufnahme per Fax/Tel. oder Mail. Fachliche Unterstützung bei der Planung und Umsetzung wird ebenfalls sehr begrüßt. Auch dies bitte weitersagen.

Was, wann, wo?

Erste Runde: Das Ankommen am Freitag ab 17h

Es geht los am Freitag vor Pfingsten, das ist der 21. Mai. Vor Ort am zentralen Veranstaltungsort werden die Teilnehmerinnen ab 17 Uhr empfangen, mit Platz zum Ankommen und Plaudern, den Infotischen mit Schlafplatzvergabe und Helferinnen-Listen, der Kasse und den reichhaltigen Verpflegungsständen. Dieser zentrale Ort ist die Gewerbeschule (G2) in der Bundesstraße 58/ Ecke Beim Schlump (Eimsbüttel), die bis 22 Uhr geöffnet sein wird.

Um 18.30 Uhr ist ab Landungsbrücken: eine barrierefreie Hafenrundfahrt zum Thema „Frauenarbeit im Hafen und auf See“, die von der 3.-Welt-Gruppe vorbereitet wurde und in Deutsche Gebärdensprache gedolmetscht wird. Für diese Bootsfahrt werden beim LFT ausnahmsweise pro Lesbe 5 Euro extra erbeten, als freiwillige Spende.

Parallel dazu gibt es ab 18 Uhr an der Elbe ein Feuerritual mit Leonie Gaul und ab 19 Uhr weitere Veranstaltungen, die in der Gewerbeschule statt finden. Hier unter anderem einen Assistenz-Workshop, eine Austellungseröffnung zu lesbischen Stolpersteinen in Hamburg und zwei Veranstaltungen zur Demo-Vorbereitung: Das Clown-Einmaleins wird in einem Workshop vorgestellt und es stehen Farben und Pinsel bereit für das Malen eigener Demo-Transparente.

Zweite Runde: Der Samstag von früh bis Sonntag früh

Am Samstagmorgen beginnt das beliebte Eröffnungsplenum um 9.30 Uhr, und zwar in der großen Mensa auf dem Uni-Campus. Direkt vom Audimax nebenan geht um 11.00 Uhr in Richtung Innenstadt die Demonstration los, die dann bis 12.30 dauert. Eine Stunde später, um 13.30, ist die Eröffnung der Kunstausstellung in der Aula der Gewerbeschule. Die ersten beiden Zeitblöcke mit Workshops liegen am Nachmittag von 14.30 bis 16.00 und von 16.30 bis 18.00.

Die Tagesveranstaltungen finden überwiegend in der zweiten Schule statt, das ist die Handelsschule in der Schlankreye 1. Sie ist an derselben Straße gelegen wie die Gewerbeschule und in ca. 6 Minuten zu erreichen. In der Mensa auf dem Uni-Campus gibt es Disco bis in die frühen Morgenstunden. Für Rollifahrerinnen und für Lesben mit Gehbehinderung ist ein Fahrdienst rund um die Uhr gebucht.

Mit Runde drei geht’s weiter am Sonntag und Montag

Die frühen Workshops am Sonntagmorgen beginnen um 9.00 und dauern 1,5 Stunden. Sie liegen damit direkt vor dem Mittelplenum, das von 11.00 bis 12.00 geplant ist. Weiter geht’s mit dem Veranstaltungsprogramm in drei Blöcken: von 12.30 bis 14.00 Uhr, von 14.30 bis 16.30 Uhr (also 2 ganze Stunden), und zu guter Letzt von 17.00-18.30. Im Abendprogramm gibt es Disco wie am Samstag schon ab 19 Uhr und das Bühnenprogramm ab 19.30 Uhr. Für Nachteulen-Spass ist auch wieder gesorgt bis ca 3 Uhr in der Früh.

Das Programm am Montag startet mit dem Abschlussplenum von 10 bis 13 Uhr. Hier werden LFT-Beschlüsse gefällt und der Austragungsort für 2012 gefunden. Der LFT-Ort für 2011 steht schon fest: Das nächste Orga-Team arbeitet schon – in Rostock! Nach dem Plenum haben die Teilnehmerinnen die Wahl zwischen einem lesbischen Stadtrundgang (um 14 Uhr), dem Siebensachen-Packen (nach Belieben) und dem gemeinsamen Aufräumen (nötig und nützlich, open end).

Abendprogramm: LFT Leinen los!

Das LFT-Orgateam hat ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm zusammen gestellt und präsentiert verschiedene Künstlerinnen aus Hamburg, ergänzt durch Highlights der Lesbenwelt. Am Samstag werden die Performance-Künstlerinnen „Les Reines Prochaines“, das Duo „Queer Folk“ mit irischen Folksongs und die Kabarettistin Uta Keppler erwartet. Durch das Programm führt Katrin Jäger-Matz, bekannt von ihrem Talksofa „bei Kreischbergers“.

Am Sonntag treten auf: das Musik-Kabarett-Duo „A Quadrat“, das Duo „Ansidera“ mit Frauenweltmusik unplugged und Uta Keppler in einer weiteren Rolle. Moderiert wird das Programm von Hilke Bleeken, FrauenLesben-Tag Haus Drei.

Die Disco startet jeweils schon früh am Abend, parallel zum Bühnenprogramm. Von Salsa bis JuLe-Disco am Sonntag Nacht ist für Jede etwas dabei. Bei der Disko am Samstag legen exklusiv für das LFT auf: Marion Schmidt aus Berlin, bekannt durch ihre Tanzschule donnadanza und DJane Andilicious aus Mannheim, Mitorganisatorin des Sugarbees Club. Am Sonntag legen auf: DJane Rainbowstony vom MHC Hamburg und DJane MaE, Hamburg und Kiel.

Die Lounge zum Chillen und der Run auf die übrigen Eintrittskarten

Eine separate Lounge lädt außerdem zum Chillen ein. Der Ort für das alles ist die große Mensa des Studierendenwerks Hamburg, direkt auf dem Unigelände, Von-Melle-Park 2. Einlass ist jeweils um 19 Uhr, die Disco beginnt um 19 Uhr, das Bühnenprogramm um 19:30 Uhr. Der Eintrittspreis pro Abend beträgt an der Abendkasse 15 Euro, Soli 18 Euro und ermäßigt 10 Euro. LFT-Teilnehmerinnen mit Dauerkarten haben abends beim Eintritt Vorrang. Das Kartenkontingent an der Abendkasse wird beschränkt sein. Wenn lesbe das Programm nicht verpassen möchte, lohnt es sich also auf jeden Fall, eine Dauerkarte zu kaufen.

Die LFT-Demo im Innenstadt-Trubel am Pfingst-Samstag

Wann und wo kommen schon mal so viele Demo-begeisterte Lesben zusammen? Die LFT-Demos sind Legende. Auch in Hamburg werden am 22.5. Lesben unter sich dann in so großer Zahl sichtbar wie sonst nie. Zur Mittagszeit des Pfingstsamstags führt die barrierefreie Route vom Audimax auf dem Uni-Campus entlang der Grindelallee zum Dammtor, von dort zum Stephansplatz und durch die Colonnaden zum Jungfernstieg und zum Rathausmarkt.

Bei der abschließenden Kundgebung sind drei Beiträge geplant, die in Deutsche Gebärdensprache gedolmetscht werden. Einer der Beiträge befasst sich mit Lesbenverfolgung und Migration, in einem weiteren werden feministische Standpunkte eingenommen gegen Krieg und Militarismus. Und drittens wird die Aktivistin Phumi Mtetwa aus Johannesburg ihre Forderungen im Rahmen der Kampagne gegen Hassverbrechen („Act to end hate“) stellen. Darunter diejenige, dass in Südafrika gerade auch gegenüber Lesben die verfassungsmäßig garantierten Rechte auf demokratischen Respekt für Vielfalt, Gleichstellung, Schutz vor sexueller Gewalt und Aufklärung von Hassverbrechen zu gelten haben. Das ist nicht zuletzt angesichts der Männer-Fußball-WM in Südafrika, die zwei Wochen nach dem LFT beginnt, ein großes Problem, dem weltweit Aufmerksamkeit gebührt.

Kiss-in: Jungfernstieg selbstbestimmt lesbisch nutzen

Vor der Kundgebung wird gegen 11.45 Uhr der Jungfernstieg selbstbestimmt lesbisch genutzt: Es gibt ein Kiss-in. Der Ort bietet sich geradezu an: Der zentrale Ort an der Hamburger Binnenalster trägt seinen Namen „Jungfernstieg“ nicht umsonst. Seit ca. 1850 wurden tatsächlich Töchter auf dem Heiratsmarkt zur Schau spazieren geführt. Das war in einer Zeit, in der Heiratsgesetze gelockert wurden, damit im industriellen Aufschwung schneller und leichter zwischen Angehörigen verschiedener Klassen geheiratet werden konnte – allerdings nur in Sortierung hetero. Im Jahr 2010 ist es längst Zeit, zuhause wie global Hetero-Konventionen zu lockern.

Daher lautet eine politische Frage: Kiss or no kiss? Denn an vielen Orten der Welt kann es auch heute für zwei Frauen gefährlich sein, einander auf offener Straße mehr zu zeigen als schwesterliche Nähe. Mit dem Kiss-in werden lesbische Küsse öffentlich in Szene gesetzt. Mit diesen lesbischen Küssen werden solidarische Grüße an alle Frauen gesendet, die gern Frauen küssen und dies gern in Ruhe auch öffentlich tun würden – nicht nur am lesbischen Jungfernstieg, sondern überall auf der Welt.

Vorher das LFT-Programmheft

Das Programmheft des LFT 2010 kostet 3 Euro und kann vorher über das LFT-Büro bezogen werden und steht auch in Großschrift zur Verfügung. Nur bei Bedarf gibt es das Programm als Hörversion und auch in Braille (bitte weitersagen). Dies lässt sich realisieren, wenn der Bedarf 2 Wochen vorher im LFT-Büro telefonisch, per Fax oder per Mail angemeldet wurde.

Erfahrungsgemäß lohnt es sich, vor dem LFT das ganze Programm einmal in Ruhe zur Kenntnis zu nehmen, denn es ist mit 120 Tagesveranstaltungen sozusagen vielseitig interessant.

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