Mein Leben als Lesbe bringt mich – Konny – immer wieder in Berührung mit Lesben, die – noch – keine sind: Schranklesben, Lesben im Coming Out-Prozess, werdenden Lesben, Late Bloomers (Frauen, die erst spät ihr Lesbischsein entdecken) und Lesben, die sich niemals outen würden, im schlimmsten Fall noch nicht einmal vor sich selbst 😉

Auch für diese Lesben mache ich Lesbenarbeit: als Macherin von lesben.org – einem der größten Lesbenportale im Internet, als Mitfrau des Trägervereins LLL e.V. (Lebendiges Lesben Leben e.V.) des LSKH (Lesbisch-schwules Kulturhaus in Frankfurt), als Mitfrau des Lesbenring e.V. (bundesweiter Dachverband), als Schreiberin von L-forum.de (Forum für Lesben ab 40), als Schreiberin dieses Blogs L-talk.de und als externe Beraterin eines Lesben- und Schwulenreferates.

All diesen Tätigkeiten ist gemein: Ich sensibilisiere andere (zumeist Heterosexuelle) für die Anliegen von lesbischen Frauen.

Doch: wo sind sie, die Lesben?

Eine kürzlich unter den Nutzerinnen von lesben.org durchgeführte Umfrage ergab, dass immerhin 25% aller Lesben (die lesben.org besuchen und an dieser Umfrage teilgenommen haben) immer und überall offen lesbisch leben. Der Umkehrschluss bedeutet allerdings, dass 75% aller Lesben nicht offen leben.

Man sieht sie nicht, man hört sie nicht. Sie sind nicht am Arbeitsplatz, sie wohnen nicht in der Wohnung oben drüber, sie sind auch nicht im Supermarkt zu finden. Und in der Werbung oder der Politik sind sie schon mal gar nicht.

Also: wo sind sie?

Lieschen und Karl Müller kennen in der Regel persönlich keine Lesben, ist eine der Standardaussagen. Falsch, sage ich. Sie kennen sehr wohl eine Lesbe, nur wissen sie nicht, dass sie eine ist.

Und immer wieder höre ich die Klagen versteckt lebender Lesben: Sie wären bei dieser oder jener Veranstaltung für Frauen gewesen, aber außer ihnen sei keine andere Lesbe dort gewesen. Falsch, sage ich. Da waren sehr wohl andere Lesben, aber weder du noch die andere(n) hat / haben sich zu erkennen gegeben.

Dass Lesben sich untereinander nicht zeigen und nicht finden ist nicht nur ein Armutszeugnis dieser hochdigitalisierten Zeit. Ist es doch so leicht, im Internet Kontaktanbahnung zu betreiben. Dass sie sich auch IRL (im realen Leben) nicht erkennen, ist ein Drama der vermeintlichen erwarteten Diskriminierung durch die Heten.

Auch dazu sage ich: Falsch! Ich als vollkommen offen lebende Lesbe werde nicht diskriminiert. Ganz im Gegenteil: Endlich wissen die Heten, wie sie mit mir umgehen sollen! Meine Familie lädt selbstverständlich meine Freundin mit zu allen Familientreffen ein, meine heterosexuellen Freundinnen und Freunde freuen sich, dass ich glücklich bin und meine Kundinnen und Kunden schätzen an mir, dass sie so ganz nebenbei auch etwas über lesbisches Leben erfahren können, wenn sie wollen 🙂

Allein in der Lesbenarbeit gibt es Probleme: Mein heterosexueller Chef im Lesben- und Schwulenreferat fragt mich seit knapp 10 Jahren immer wieder: Was wollen die Lesben? Wo sind sie? Warum kommen immer nur wenige zu unseren Veranstaltungen?

Meine Standardantwort ist: Aufgrund der strukturellen patriarchalen Diskriminierung gegenüber Frauen werden Lesben in dieser Gesellschaft nicht wahrgenommen.

Hm. Ich möchte Lesben gerne wahrnehmen. Ich möchte, dass sie kommen. Ich möchte, dass Lesben politische Forderungen stellen. Ich möchte, dass Lesben Veranstaltungen besuchen, die von Lesben ausgerichtet werden. Und ich möchte, dass Lesben formulieren, was sie sich von den Heten wünschen. Sonst können die nix für uns tun. Und sie würden doch so gerne! 🙂