Viel Sonne und Meer, Toskana, Tralala und Homophobie, steile Berge, große Städte und politische Talfahrten – was sollte eine da lesen bezüglich Lesben in Italien? Eine Fabel der Liebe.

Erneut kommt der Frühling ins heutige Italien, in dem faschistische Tendenzen an Boden gewinnen. Da lohnt sich ein lesbischer Rückblick mit literarischer Lupe.

„Il Passaggio“ (Sibilla Aleramo), hier das Cover der italienischen 2. Auflage, 1921

Denn der Frühling kam auch 1919 nach Italien, als Sibilla Aleramo ihre junge Liebe zu einer Frau schildert und publiziert. Wir wissen es schon: diese Frau ist Lina Poletti, auf deren Verführung Sibilla beim italienischen Frauenkongress in Rom 1908 sehr gern eingegangen war.

Sibilla Aleramo, die später zu den berühmtesten italienischen Feministinnen gehören sollte, beschreibt in ihrem ‚Romanzo‘ IL PASSAGGIO genauer, wie sich diese Begegnung mit Lina Poletti angefühlt hat – in ihrer Erinnerung ein Jahrzehnt später.

Ein historisches Frühlingsdokument.

Furcht und deren Überwindung

Die Erzählerin beginnt das Kapitel ‚La favola‘ mit der Frage, ob sie Furcht habe, und schreibt gleich darauf, dass sie damals noch keine gehabt habe. Sie ruft sich verschiedene Frauenbilder in Erinnerung, von schönen Frauen, die sie um sich hat, ihre Schwester und deren Töchter mit ähnlichem Antlitz, eine junge Freundin, schöne Rätsel in Frauengestalt… dann erzählt sie von dieser Begegnung und resümiert, Gott habe ihr keine Furcht in die Brust gepflanzt, sondern vor allem verlangt, dass sie zu sich selbst loyal sei. Er sei es auch, der als Einziger ihr Leiden ertragen habe, der ihr beigestanden habe in ihrem Weinen und bei ihren durchdringenden Schreien, das Leiden und die Zerstörung verstehe, das sich auf ihrem Gesicht ausbreite.

Die Erzählerin schildert, wie dabei ihre Stimme unbedeutend zu sein scheint, ohne Resonanz sei, wie ihre Töne außerhalb des sonst existierenden Bereichs seien. Ihre Stimme zähle zwar nicht, aber ihr Gesicht, sobald es von Tränen getrocknet sei. Dann kommt sie zu dem Schluss, dass doch gerade ihre starke und langanhaltende Freude darüber nichts anderes sein könne als etwas von Oben Gesegnetes.

Dem Glück lange nachgespürt

Die Erzählerin blickt zurück auf die ganzen Jahre, und die schönen Empfindungen lassen sie immer noch dahinschmelzen. Sie überlegt, wie sehr sie ihre eigene Weiblichkeit liebt, in Anerkennung und Wertschätzung dafür, dass sie diese morgendliche Kraft verspürt, von der sie beleuchtet wird und die sie empfänglich macht für diese Empfindungserinnerung, die noch so lange trägt. Dann überlegt sie, ob Männer nicht zu beneiden seien für das, was sie von Frauen bekommen, und das, obwohl sie gegenüber Frauen eine verachtende Maske tragen.

Sie sagt zu ihrer Liebsten: „Wie anders deine Liebe ist als die der Männer, wie leicht deine Zärtlichkeit. Es ist kein Eindringen, sondern ein Aneinanderlehnen, das du mir gibst wie sonst niemand.“ Ihre Liebe sei ein Geheimnis, denn ihre gemeinsame Liebe sei nicht darauf aus, Nachkommen in die Welt zu setzen, sie sei eine höhere und differenziertere Ekstase, eine wahre Kunst und Freude. Sibilla Aleramo stellt ihre Liebe zu Frauen gar nicht in Frage, 1919. Sie ist da sehr selbstbewusst und schreibt zudem darüber, in einem Roman, der sich vieltausendfach verkauft hat und schon 1921 in zweiter Auflage erschienen ist.

Die Aleramo besingt ihr Glück

Es begann kindlich, begann wie der Frühling: geflügelte Stimmen auf dem Hügel weckten mich im Morgengrauen, neuerlich vibrierend; aber noch nie war ich von den Veränderungen des Märzhimmels so bewegt; naiv und rebellisch schien mich eine Kraft in der Luft fortwährend zu bitten, sie zu verbergen.
Die Fabel war blond. Eine warme Farbe bewegte sich auf allen Dingen. Es kommt täglich jemand, füllt mir den Schoß mit Blumen, und sagt: „Komm“, und begleitet mich im Laufen zum lebendigen und stillen Uferdamm des Flusses. Singend. Zwei goldene Punkte in den Augen, eine gewaltige leuchtende Welle in den Haaren.
Sich verlieben,
Stimme des langsamen Fluges!
Ein langes Leuchten des Blickes, und ohne dass eine einzige ihrer Strähnen meine Stirn berührte, wenn ich meine Augen schloß, blieb mir auf ihren Wimpern ein strahlendes Fest.
Küsse auf meine Hände, lange.
Und ihre Finger tauchen in meine Zöpfe, so tief wie Wind an den Wurzeln.
Näher! Näher!
Ver
wandelt ist die Welt. Die Luftgeister regieren. Ich drücke so Mund auf Mund, in diesem großen Reiz der Unschuld, o goldene Lichter, eine, die Frau ist wie ich, und Mädchen – „fanciulla“.
Eine
– „Una“

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