Kunst und Gegenwart in Hamburg und anderswo. Ein Interview mit der Künstlerin D’orowarras.

Möwe. c D'orowarras

Möwe. c D’orowarras

Claudia: Weißt du noch, wie du angefangen hast, Kunst zu machen?

D’oro: Na klar, ich war so neun und war ganz versessen darauf große, mächtige Piratensegler auf stürmischer See zu malen. Dabei habe ich mich immer selbst als Piratin an Deck des Schiffs geträumt. Das war eine so starke Energie in mir, etwas zum Ausdruck bringen zu wollen, dass ich mich immer noch deutlich daran erinnern kann. Mit dem Schreiben gab es ein ähnliches Erlebnis. Und zur Fotografie bin ich mit meiner ersten analogen Spiegelreflexkamera gekommen. Die Möglichkeit, mein Staunen, die Inspiration zu dem Gesehenen, unmittelbar dokumentieren zu können, hat mich sofort fasziniert. 

Claudia: Ich bin auf deiner neuen Website kunstgezeiten.de spazieren gegangen und ich freue mich, die Beispiele anzuschauen, die du uns da zeigst. Die Gruppe „Bodenansichten“ hat mich überrascht, wie bist du darauf gekommen?

Bodenansicht 20 x 20. Fotocollage Acryl auf Leinwand Barcelona (2006). c D'orowarras

Bodenansicht 20 x 20. Fotocollage Acryl auf Leinwand Barcelona (2006). c D’orowarras

D’oro: Ich war in Barcelona, dort fand ich in der Urlaubsstimmung die Sieldeckel besonders interessant. Wieder zurück hatte ich meinen Blick für dieses Stadtdetail erhalten können und bin dann hier mit der Kamera auf den Boden gerichtet ebenso umhergestreift. Aus ein paar dieser entstanden Fotos der beiden Städte habe ich dann die Collagen hergestellt.

Claudia: Was gefällt dir an Collage?

D’oro: Darüber hatte ich bisher noch nie nachgedacht. Irgendwann hatte ich einen Haufen von fotografierten Sieldeckeln und beim Durchsehen hatte ich plötzlich ein Bild einer Collage im Kopf. Jetzt auf deine Frage hin musste ich erst mal darüber nachdenken, was mir eigentlich daran gefällt. Auf jeden Fall gefallen mir die verschnörkelnden Details, die geometrischen Formen, die in der neu Sortierung vom Boden an die Wand gebracht mich an die Momente der Entdeckung erinnern. Faszinierend finde ich, dass unter diesen Deckeln sich die Versorgungs- und Abtransports-Wege der Städte befinden. Und nun neugierig über diese Frage, will ich natürlich wissen was findest du an den Collagen, oder warum haben dich die Bodenansichten überrascht?

Claudia: Ich finde es eine super Idee, nicht nur auf Augenhöhe zu schauen, sondern mal auf den Boden. Und für dich gibt es etwas Interessantes unterhalb des allgemein Sichtbaren.

D’oro: Ja, das, was sich so unter den Sieldeckeln befindet, finde ich als Gedanken sehr spannend, wobei du mich erst mit deiner Frage nach den Bodenansichten darauf gebracht hast. Vorher war ich nur fasziniert von den Deckeln an sich. Und die Collagen sind deshalb bei der Malerei gelandet, weil es durch das Auseinanderschneiden und die Mischung mit den Farben für mich über die Fotografie hinausgeht.

Claudia: Sind die Collagen dreidimensional?

D’oro: Die Fotos sind auf dünnes Papier gedruckt, zerschnitten, manchmal auch gerissen und mit Arcyl-Farbe auf Leinwand neu zusammengefügt. Dreidimensional würd ich nicht sagen, durch die Collagentechnik gibt es minimal Erhöhung einer Papierstärke.

Claudia: Das Neu-Zusammenfügen von etwas, das herkömmlich als „verschieden“ wahrgenommen wird, machst du das auch sonst mal?

D’oro: Nein, eigentlich. Das gibt es außer bei Bodenansichten nur nochmal unter Menschen/Frau im Wandel, das sind allerdings Holzdrucke, neu vermischt mit Farbe auf Papier.

Wäsche 21,8x14,6, c D'orowarras

Wäsche 21,8×14,6, c D’orowarras

Claudia: Was passiert wohl, wenn du die „Unterschiede“ anderswo machst?

D’oro: Wie meinst du das?

Claudia: Ich sehe es so: Wir haben bisher die „Zutaten“ Foto, Holzdruck, Farbe, Papier, die wir als „verschieden“ ansehen, und es entstehen daraus Collagen, aufgrund dieser Unterscheidungen, also vom „Material“ her. Für deine Arbeiten verwendest du auch noch anderes, nämlich Eindrücke und so. Andere Arten von Unterscheidungen würden eventuell zu anderen Arten von „Collagen“ führen.

D’oro: Ja, ich glaube jetzt habe ich es verstanden, allerdings sind Collagen etwas, was mir selten in den Sinn kommt. Eindrücke verarbeite ich lieber in gemaltem bildlichen Ausdruck, was im Grunde ja auch Vermischung von verschiedenen Sachen ist: Wasser, Farbe, Leinwand, Papier, Pappe. Oder ich versuche Eindrücke, Stimmungen fotografisch einzufangen, um sie auf Fotopapier zum Betrachten wieder freizulassen. Was nicht heißt, dass das immer so sein wird, aber im Moment ist es das, was mich am meisten interessiert.

Akt 42x19, c D'orowarras

Akt 42×19, c D’orowarras

Claudia: Zum Betrachten wieder freilassen, wie eine Verwandlung, eine Bewegung wie heranholen und öffnen, wie ausatmen und einatmen – und wie bei der Methode von Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen vor allem mit Pause dazwischen. Vor allem das „Wieder-Freilassen“ gefällt mir! Bist du manchen Wegen schonmal gefolgt, die deine Arbeiten bei Betrachter*nnen genommen haben?

D’oro: Ich habe bisher noch nicht besonders viel ausgestellt und von daher noch nicht so viel Gelegenheit gehabt, dem nachzuspüren. Von daher war die Bildbeschreibung von K.Rettberg für mich eine freudige Überraschung gewesen, die ziemlich genau meine Beweggründe für das Bild wiedergeben hat. Wiederum finde ich es auch sehr interessant, wenn die Wahrnehmung statt dem ursprünglich Beabsichtigten andere Wege geht, es bestärkt mich in der Erfahrung, dass es zwar Regeln gibt, nach denen wir handeln und reagieren, es aber trotzdem nicht zu verallgemeinern ist, denn bei ganz genauer Betrachtung bleibt jede Wahrnehmung individuell geprägt durch die jeweilige Lebensgeschichte.

Claudia: Woran arbeitest du derzeit?

Bewohnte Schuhe. By D'orowarras - Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

Bewohnte Schuhe. By D’orowarras – Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

Eva in der Stadt 50x415 Öl auf Papier (1999). By D’orowarras – Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

Eva in der Stadt 50×415 Öl auf Papier (1999). By D’orowarras – Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

Bewohnte Schuhe. By D'orowarras - Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

Bewohnte Schuhe. By D’orowarras – Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

D’oro: An meinem Buch. An einem Hafenbild in größerem Format. Nebenher mache ich erste Skizzen zu einer vielleicht-Serie von Alltags-Gegenständen, die beim Betrachten zum Weiterphantasieren der Szene anregen soll, wie ein Stuhl, auf dem ein aufgeschlagenes Buch liegt. Und immerzu skizziere ich Gesichter und Menschen, die mir auf der Fahrt in der U-Bahn oder in einem Café begegnen. Fotografisch gegenwärtig sind Menschen wie wir, bewohnte Schuhe, Anderes und bisher noch nicht Gezeigtes immer. Alsbald werden erste Porträts der ungewöhnlichen Art veröffentlicht, an denen ich fotografisch gerade am intensivsten arbeite.

Claudia: Ah, da scheint sich eine beim Aufwachen auf den kommenden Tag zu freuen, ist das so?

D’oro: Ja, aber nur, wenn ich im Fluss mit den Arbeiten bin, wenn sozusagen alle Künstlerinnenpersönlichkeiten in mir genügend zum Ausdruck kommen. Denn da ist auf der anderen Seite das Drumherum, das Organisieren von/bis, nette Termine und ärgerliche Termine… das alles braucht Raum und schafft eine erhebliche Ablenkung, so dass ich oft stöhne, weil ich hart um den Arbeitsfluss ringen muss. Bin ich im Fluss, bin ich friedlicher und zufriedener mit mir und freue mich über das Schaffen.

Claudia: Ich glaube das ist für viele Kreative eine ähnliche Erfahrung: Wie gelingt es mir, wieder in Fluss zu kommen? Gibt es da zum Beispiel etwas, was du zu dir selbst sagst, danach tust du etwas anderes (oder etwas anderes nicht), und dann?

D’oro: Wenn Zuviel anderes dazwischen ist, dann sage ich mir, dass ich sofort loslege, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Und male mir schon freudig aus, wie ich Pinsel, Buchstaben und Linse schwinge. Ist die Gelegenheit dann da, laufe ich meist unruhig in einem Labyrinth von Ablenkungen umher. Was mich sehr ungeduldig macht, weil nicht sofort alles ist wie in meiner Vorstellung. Da hilft mir persönlich nur Geduld und den Kontakt nach Außen so weit möglich zurückzufahren, bis ich wieder im Fluss bin.

Claudia: Vielen Dank für dieses Gespräch und fröhliches Fließen!

Das Meer. By D’orowarras – Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/

Das Meer. By D’orowarras – Lizenz: CC-BY-NC-ND, http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/