Salt print of Anna Brownell Jameson in 1844 by Hill & Adamson / wikimedia commons; Lizenz: public domain

Salt print of Anna Brownell Jameson in 1844 by Hill & Adamson / wikimedia commons; Lizenz: public domain

Anna Brownell Jameson liebte Ottilie von Goethe, aber Ottilie hatte für’s Bett nur Männer im Sinn. Erst recht, nachdem ihr Gatte August gestorben war, der einzige Sohn von Christiane Vulpius und dem Dichter Goethe, der das Erwachsenenalter erreichte – und Ottilie schwanger wurde.

Kurzzeitiges lesbisches Familienmodell in Wien

Anna begleitete Ottilie von Weimar nach Wien, wo Ottilie unerkannt ihr Mädchen zur Welt bringen und großziehen wollte. Geld dafür kam von Sibylle Mertens-Schaaffhausen, der sehr begüterten Archäologin aus Köln/Bonn, einer ebenfalls frauenliebenden Frau und ebenfalls eine Geliebte von Anna Brownell. Anna war auch künstlerisch begabt und malte bei einem Frankfurter Aufenthalt ein erotisches Portrait von Sibylle, der Nachwuchs-Mäzenin für die Wiener Tochter von Ottilie von Goethe.

Anna lebte mit Ottilie in Wien also quasi als der lesbische Teil einer Interim-Regenbogenfamilie auf der Basis eines globalisierten Finanzarrangements. Das war im Jahr 1835 für ein knappes halbes Jahr, zwischen Februar und dem 1. August. Im Februar brachte Ottilie ihre Tochter zur Welt und nannte sie Anna Sibylle – wie hätte sie auch sonst heißen sollen. Am 1. August übergab Co-Mutter Anna das Mädchen an Pflegeeltern, nachdem Ottilie im Juni ohne ihr jüngstes Kind nach Weimar zurückgekehrt war. Auch die Co-Mutter Anna also hinterließ das Mädchen Anna Sibylle, in ihrem Fall, um sich in ihrem Beruf als Schriftstellerin keine dauerhafte Pleite einzuhandeln, denn sie musste dafür wieder unterwegs sein.

Vom Schreiben leben

In Großbritannien hatte sich Anna Brownell Jameson bereits als Schriftstellerin von Reiseliteratur und anderen kulturellen Sachbüchern einen Namen gemacht und erzielte Einnahmen, mit denen sie auch ihre Eltern und zwei Schwestern finanziell versorgte. Ihre Berühmtheit schützte sie aber nicht davor, dass Heinrich Heine eines ihrer Werke ohne Nennung seiner Quelle auf den deutschsprachigen Markt brachte. Denn die eigentliche Recherchearbeit und der Kern von Heines Machwerk über Frauenrollen bei Shakespeare stammt von Anna Bownwell Jameson.

Regenbogenfamilie andersrum

Ein weiteres erfolgreiches Einkommensmodell von Anna Brownell Jameson war das Aufpäppeln und soziale Wieder-Gängig-Machen eines Ehemannes, der in Kanada zum Staatsanwalt ernannt worden war und noch weiter aufsteigen wollte. Anfang März 1837 wurde der Gatte dank Annas Einsatz tatsächlich kanadischer Vice-Chancellor. Anna forderte daraufhin einen Teil des Gehalts, zu dem sie ihm verholfen hatte, und erhielt fortan stattliche 300 Britische Pfund Jahrespension aus dieser Ehe, ein traditionelles Arrangement, das Anna bewusst formal instand hielt.

Feministin der ersten Stunde

1843 dann veröffentlichte Anna Brownell Jameson einen Aufsatz zu den fatalen Folgen von Mädchenarbeit. Darin forderte sie Bildung für Mädchen und Frauen, auch mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensumstände aller Menschen. Auf diesen Erkenntnissen bauten die britischen Frauenrechtlerinnen auf. Anna Brownell Jameson lebte von 1794 bis 1860 und ist für die Lesbengeschichte in Europa von enormer Bedeutung, weil sie viel rumkam, viele Frauen liebte und auch so handelte, viele Tipps weitergab (siehe dazu Italien Teil 4) und zudem viel geschrieben hat.

Quelle und Lesetipp:

Angele Steidele: Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens 2010, Insel-Taschenbuch 2011, Inhaltsverzeichnis

Siehe auch:

Laurina, mon amour (Lesben in Italien Teil 3), publiziert am 3. Februar 2013 von Claudia

Rom, Kunstgeschäft und Frauenliebe im 19. Jahrhundert: Das „Marmorrudel“ (Lesben in Italien, Teil 4), publiziert am 1. März 2013 von Claudia