“Einheit in der Vielfalt” – Sexuelle Orientierung als Herausforderung und lebendiges Beispiel für den weltweiten ökumenischen Dialog

Gastbeitrag von Kerstin Söderblom

Dr. Kerstin Söderblom, Jahrgang 1963, ist Pfarrerin und Studienleiterin am Institut für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision in Friedberg. Sie unterrichtet als Dozentin an der Goethe Universität in Frankfurt/Main in den Bereichen Praktische Theologie und Religionspädagogik und ist außerdem in der Rundfunkarbeit der Ev. Kirchen in Hessen tätig. Seit 15 Jahren ist sie aktiv im „Europäischen Forum Christlicher Lesben- und Schwulengruppen“. „Die Bedeutung von christlicher Religion in der Lebensgeschichte lesbischer Frauen“ war der Titel von Kerstin Söderbloms Promotion an der Universität Hamburg 1996.

Am Weltgebetstag der Frauen werden jedes Jahr weltweit Informationsveranstaltungen und Gottesdienste über Frauen in einem ausgewählten Land durchgeführt. Frauen aus verschiedenen Kirchengemeinden informieren ausführlich über das jeweilige Land, beleuchten kritisch die Rolle und Position der Frauen in Kirche und Gesellschaft. Durch Spenden unterstützen sie ausgesuchte Frauenprojekte im jeweiligen Land.

Es ist eine ökumenische und internationale Erfolgsgeschichte, die zeigt, dass christliche Frauen (und auch Männer) auf der ganzen Welt über ihren eigenen Tellerrand schauen und sich mit ihren Schwestern weltweit solidarisieren. Der Weltgebetstag hat zum Ziel, sich für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit für Frauen weltweit einzusetzen und gegen Gewalt und Unterdrückung von Frauen zu kämpfen.

Die Rolle von lesbischen Frauen ist auf Weltgebetstagen bisher allerdings meist vergessen worden. Deshalb möchte ich heute auf Aktivitäten von christlichen Lesben und Schwulen in der weltweiten Ökumene aufmerksam machen.

Friedenskonsultation auf Jamaika 2011

Drei Frauen und ein Mann vom Europäischen Forum christlicher Lesben-,  Schwulen- Bisexuellen und Transgendergruppen (lgbteuropeanforum.org)  werden auf der Friedenskonsultation des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK)  in Jamaika im Mai 2011 einen Workshop anbieten. Zum Ende der ökumenischen Friedensdekade  werden sich dort über 1000 Christinnen und Christen aus der ganzen Welt versammeln, um Best-Practice-Modelle gegen ganz verschiedene Formen von Gewalt vorzustellen. (gewaltueberwinden.org)
Der Workshop des Europäischen Forums wird der einzige von über 200 Workshops sein, der sich mit Gegenstrategien zu homophober Gewalt auseinandersetzen wird. Dass der Workshop akzeptiert und ausgewählt wurde, ist trotzdem bemerkenswert, denn viele Mitgliedskirchen des ÖRK haben bis heute große Schwierigkeiten über Homophobie in ihren Kirchen zu reden. Orthodoxe Kirchen haben zeitweilig sogar mit ihrem Austritt aus dem ÖRK gedroht, wenn die Position des ÖRK in der Thematik zu liberal ausfallen sollte.

Vorbilder Skandinavien, Nordamerika

Andere Kirchen und ihre VertreterInnen, vor allem aus Skandinavien, Teilen Europas und Nordamerikas, sind da schon sehr viel weiter und unterstützen die Forderung nach Gleichstellung von Lesben und Schwulen in ihren Kirchen. Der Graben zwischen den Positionen ist entsprechend tief. Nach unserer langjährigen Erfahrung ist der einzige wirksame Weg die Vorurteile zu abzubauen, miteinander auf Augenhöhe zu reden und zu streiten. Wir lehnen es ab, dass Kirchen lediglich über Lesben und Schwule reden. Stattdessen fordern wir den Dialog mit Lesben und Schwulen und stehen dafür zur Verfügung. Wir zeigen Gesicht auf kirchlichen Veranstaltungen, Synoden und Tagungen, vertreten unsere Standpunkte klar in der Sache und wertschätzend im Ton. Aufklärung, Information und offene Gespräche über die verschiedenen Stammpunkte zum Thema bieten eine Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und Stereotypen zu verändern. Da weltweit viele Menschen pseudo religiöse Sprache nutzen, um ihre Vorurteile zu legitimieren, ist es uns wichtig, diese Gewaltmuster zu entlarven und eine theologische Sprache dagegen zu setzen, die auf Gerechtigkeit, Solidarität und Vielfalt gründet.

Seit fast 30 Jahren setzen sich Lesben und Schwule im Europäischen Forum dafür ein, solche Gespräche als Subjekte aktiv mit zu gestalten. Mitglieder des Europäischen Forums haben z.B. an den Generalversammlungen des ÖRK in Harare/Zimbabwe (1998) und in Porto Alegre/Brasilien (2006) teilgenommen. Sie haben dort  Workshops gegen Homophobie und für eine ‚Theologie der Vielfalt‘ angeboten. Dieses Jahr werden sie auf der Friedenskonvokation in Jamaika dabei sein, um das Thema der religiös legitimierten homophoben Gewalt einzubringen und Strategien dagegen aufzuzeigen.

Trainingsprojekt ‚Safe Space‘

Ziel des Workshops auf der Friedenskonvokation in Jamaika ist es, persönliche Erfahrungen über Lesbisch-/Schwulsein und christlichen Glauben in europäisch und konfessionell verschiedenen Kontexten zu erzählen und Methoden aufzuzeigen, wie über dieses kontroverse Thema mit Respekt und Wertschätzung im kirchlich-theologischen Kontext diskutiert werden kann. Dafür wird das ökumenische Trainingsprojekt ‚Safe Space‘ vorgestellt, das vom Europäischen Forum  in drei Modulen ausgearbeitet und Riga, Sofia und Straßburg durchgeführt wurde.

Das Anliegen des Trainingsprojekts ist es, dass christliche Lesben und Schwule (insbesondere in Mittel- und Osteuropa) in ihrer Identität gestärkt werden, dass alle Interessierten mit Hilfe von Rollenspielen und (biblisch-)theologischen Argumentationstrainings die Argumentationsmuster religiös legitimierter Homophobie verstehen lernen und demgegenüber eine theologisch und kontextuell fundierte ‚Theologie der Vielfalt‘ und des Respekts entwickeln.

Lesben prägen das Gesicht der internationalen Ökumene

Voraussetzung dafür sind sichere Räume (‚safe space‘) und die Bereitschaft, Lesben und Schwule nicht als Objekte von Vorurteilen und (psychischer und physischer) Gewalt anzusehen, sondern sie als aktive Subjekte anzuerkennen, die in den verschiedenen ökumenischen Kirchen qualifizierte haupt- und ehrenamtliche Arbeit machen und das Gesicht der internationalen Ökumene maßgeblich mit prägen.

Der Workshop wird verantwortet von drei Frauen und einem Mann des Europäischen Forums christlicher Lesben- und Schwulengruppen aus Moldawien, Lettland, Norwegen und Deutschland, die das europäisch-theologische Trainingsprojekt ‚Safe Space‘ erarbeitet bzw. daran teilgenommen haben. Über den Workshop im Mai werden wir berichten.