Geboren in einem Vorort von Frankfurt am Main, wuchs Minna* als einziges Kind ihrer Eltern in relativ „normalen“ Verhältnissen auf. Ihre Eltern waren Sozialdemokraten und haben sich für diesen Hitler eher weniger interessiert. Minna selbst erinnert sich hauptsächlich an die Fliegeralarme, an die Abwürfe der Bomben auf das benachbarte Frankfurt, an das heimliche Schlachten eines Schweines, von dem die Nachbarn nichts wissen durften, denn es war verboten. Sie war zehn, als der Krieg vorbei war.

Minna ist keine Lesbe, die an vorderster Front in der Lesbenbewegung aktiv war. Über das Leben von Lesben, die nicht in erster Reihe stehen, sondern mehr in zweiter oder dritter Reihe unterstützend tätig sind, erfahren wir noch weniger, als über die „Vorkämpferinnnen“. Das wollte ich ändern.

Deshalb habe ich Minna anläßlich ihres 75. Geburtstages  ein paar Fragen zu ihrem Leben gestellt.

Wann hast Du Dich das erste Mal in ein Mädchen verliebt?
Verliebt, verliebt ist das falsche Wort. Schon in der Schule küsste ich andere Mädchen. Wir haben uns gestreichelt. Aber das war alles ganz harmlos. Wir wussten aber instinktiv, dass sich das nicht gehörte. Es musste heimlich geschehen, außerhalb des Elternhauses, weit weg auch von den neugierigen Nachbarn, am besten irgendwo in einer Wiese mit hoch gewachsenem Gras, wo kein Erwachsener uns sehen konnte.

Gab es im Dorf Lesben? Hast Du mitbekommen, dass da Frauen waren, die „anders“ waren?
Meine Mutter war Wäscherin, zusammen mit drei anderen Frauen stand sie dann am Waschzuber und die Dorfereignisse, die Menschen im Dorf, wurden kommentiert. Da wurde auch schon mal erwähnt, dass die junge Frau im Nachbarhaus, die mit dem Bubikopf und die immer noch bei ihrem Vater wohnt, obwohl sie doch längst verheiratet sein sollte, wohl etwas komisch sei. Was mit dem „komisch“ gemeint gewesen sein könnte, wusste ich damals nicht. Erst später kam mir dann der Gedanke, dass das wohl eine Lesbe gewesen sein könnte. Ob sie es wirklich waren, weiß ich nicht.

Später habe ich dann erfahren, dass es in den dreißiger Jahren im Ort zwei Frauen gegeben hat, die zusammen lebten. Die Mutter der einen hat dann ihre Tochter aus der Wohnung rausgeholt, und sie gezwungen, einen Mann zu heiraten.

Warum hast Du dann geheiratet und ein Kind bekommen?
Das gehörte sich so. Ich bin gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass es anders sein könnte. Mit 24 Jahren habe ich geheiratet. Ich wusste ja noch nicht einmal, dass es andere Frauen gibt, die „so“ sind. Mein Mann war auch ein lieber Kerl. Ich konnte mich wirklich nicht beklagen.

Kannst Du dich noch erinnern, wann Du erfahren hast, dass es Lesben gibt?
Das muss in den 60er Jahren gewesen sein. Als die Aufklärungsfilme aufkamen. Da hatte ich dann auch endlich einen Namen dafür.

Hast Du während Deiner Ehe auch Affären mit Frauen gehabt?
Ja, ich habe mich immer wieder verliebt. Aber erst mit 31 Jahren habe ich zum ersten Mal mit einer Frau geschlafen.

Warum hast Du Dich nicht scheiden lassen?
Wir wohnten im Haus meiner Eltern. Ich wollte ihnen keinen Kummer bereiten. Ich hatte ja schließlich auch noch ein Kind. Außerdem hat mein Mann mich ja nicht schlecht behandelt. Wie hätte ich begründen sollen, dass ich mich scheiden lassen will? Er hätte dann ausziehen müssen und hätte dann quasi auf der Straße gestanden. Das wollte ich nicht.

Hat Dein Mann gewusst, dass Du was mit Frauen hast?
Ich weiß es nicht, wahrscheinlich. Aber er hat nie was gesagt.
Ich bin zwar häufig mit dem Zug nach Frankfurt gefahren und bin erst im „Na und“ in der Klapperfeldstraße und später im „Madame“ in der Allerheiligenstraße gewesen, aber nur zwischen 17.30 und 19 Uhr. Da fuhr die letzte Bahn zurück.

Woher wusstest Du von den Lokalen?
Ich hatte einen schwulen Arbeitskollegen. Der hatte gleich erkannt, dass ich lesbisch bin. Er hat mir dann vom „Na und“ erzählt. Und die Wirtin dort hat mir dann vom „Madame“ erzählt. „Das Na und“ ist ja eigentlich ein Schwulenlokal. Aber ich bin da oft gewesen und die Wirtin musste sich dann auch all meinen Kummer anhören. Ich war dort fast jeden Tag, zwischen 17 und 19 Uhr, da ich, als mein Mann noch lebte, kein eigenes Auto hatte, musste ich immer aufpassen, dass ich den letzten Zug aus der Stadt raus noch erwischt habe.

Wann hast Du Dich denn entschlossen, doch lesbisch zu leben?
Nach dem Tod meines Mannes, in den achtziger Jahren. Ich habe dann relativ bald einigen Frauen in der Verwandtschaft erzählt, dass ich lesbisch bin. Es war auf dem Dorf schon immer so, dass Frauen, die verwitwet sind, größere Freiheiten hatten als Frauen, die geschieden waren. Das kam mir zugute.

Wie hat Dein Kind reagiert?
Ich solle so leben, wie ich es für richtig halte und wie es für mich am besten ist. Und das habe ich dann auch getan.
Ungefähr ein Jahr nach dem Tod meines Mannes lernte ich dann eine Frau kennen, mit der ich acht Jahre zusammen war. Sie ging bei mir ein und aus und hat selbstverständlich auch bei mir übernachtet.

Und Deine Eltern?
Die haben nichts gesagt, sie haben meine Freundin wohlwollend behandelt. Ich glaube, sie mochten sie.

Bist Du dann auch an Lesbenorte gegangen?
Ja. Ich war in der Mittwochsrunde in der Frankfurter Frauenschule, bin später in den Verein LebendigesLesbenLeben e.V. eingetreten und habe mich auch rege am Vereinsleben beteiligt.

Wie ist es jetzt?
Ich lebe allein. Habe liebe Freundinnen, mit denen ich Kaffee trinken gehe, Ausflüge mache und andere Dinge.

Ich weiß, dass ist jetzt eine sehr klischeehafte Frage: Möchtest Du den jungen Lesben noch etwas sagen?
Steht zu dem, was ihr seid. Ihr habt heutzutage so viele Freiheiten. Genießt es.

*Name geändert.