Amsterdam Pride 2013: "auf allen Kanälen", by Alf van Beem, Lizenz: public domain, Quelle: commons.wikimedia.org, File:Amsterdam_Gay_Pride_2013_pic21.JPG

Amsterdam Pride 2013: „auf allen Kanälen“, by Alf van Beem, Lizenz: public domain, Quelle: commons.wikimedia.org, File:Amsterdam_Gay_Pride_2013_pic21.JPG

Claudia: Hallo Jo, Du warst kürzlich beim Pride in Amsterdam, wie war’s?

Jo: Es war schön. Ich habe viele Eindrücke mitgenommen. Die Parade auf dem Wasser war schon sehr besonders. Die hohe Solidarität mit Russland war bei der Parade sehr auffällig: Es gab 80 Boote und ich würde sagen mindestens ein Viertel war Anti-Putin.

Claudia: Wow. Wie war das zu erkennen?

"Zar-lein Putin" - Poster beim Amsterdam Pride 2013, by Jo, Lizenz: public domain

„Zar-lein Putin“ – Poster beim Amsterdam Pride 2013, by Jo, Lizenz: public domain

Jo: Wart, hier ist ein Foto. Und viele russische Flaggen.

Claudia: Staatssymbole als Zeichen für Widerstand.

Jo: Widerstand oder Solidarität?

"Pride for Russia" beim Amsterdam Pride 2013 - by Jo, Lizenz: public domain

„Pride for Russia“ beim Amsterdam Pride 2013 – by Jo, Lizenz: public domain

Claudia: Widerstand und Solidarität, das wäre wohl meine Version dazu. Vermutlich ist die russische Flagge für die Leute in oder aus Russland viel mehr ein Volkssymbol als das in DE mit der deutschen Flagge der Fall ist. Und in Amsterdam beim Pride war diese Flagge vermutlich die einfachste Art zu sagen: “Liebe LGBTIQ in Russland, wir denken an euch!” Oder sowas in der Art. Zum Beispiel: “Wir bewundern euren Mut und eure Ausdauer und wir wünschen euch viel Unterstützung von überall her, viel Durchhaltevermögen und Glück!” Und auch: “Ja, wir sind aus Russland und sind auch hier in Amsterdam, wir tanken hier Kraft, zeigen uns mit euch und feiern hier mit!”

Jo: Ich denke auch, dass beides dahinter steckt. Was ich vermisst habe, war ein Straßenfest. – Es gab zwar in der Stadt verteilt ein paar „Party“-Points. Aber es gab kein „Pride-Zentrum“.

Claudia: Ah, für’s Im-Zentrum-Sein hättest du also Boot fahren oder schwimmen gehen müssen 🙂 In welchen anderen Städten hast du schon CSDs erlebt und was daran hat dir wo am besten gefallen?

Jo: Ich war bisher zum CSD in Köln, Hamburg und Berlin. In Berlin beim CSD hat es mir gar nicht gefallen. Ich fand es total „zerrissen“, bei der Parade waren zwischen den einzelnen Wagen so große Lücken, dass die Stimmung zwischendurch komplett weg war. Das Straßenfest war eher nur „Party“.

Claudia: Nicht umsonst gibt es in Berlin ja zwei verschiedene CSDs…

Jo: Für Hamburg würde ich mir wünschen, dass kleinere Gruppen wieder „einzeln“ mitgehen/fahren. In Köln schließen sich die einzelnen Gruppen nicht zu großen Massen zusammen. Da gibt es zahlreiche Gruppen, die zu Fuß oder mit dem PKW an der Parade teilhaben. Es finden sich 5 Rentner*nnen genauso dort wieder der größte deutsche LGBTIQ-Sportverein. Ich finde, in Hamburg hat es sich in den letzten Jahren dahin verschlechtert, dass die Gruppen sich zusammenschließen und dann gemeinsam einen LKW nutzen. Dadurch geht mir die sichtbare Vielfalt verloren. Für das Straßenfest in Hamburg würde ich mir einen „offeneren“ Platz wünschen. Der Standort um die Alster herum ist eng und eingesperrt.

Claudia: Also sollte es auf der Alster stattfinden?

Hamburg, Regenbogen über der Binnenalster, by Petra Kohlstädt, Quelle: commons.wikimedia.org, File:Rainbow_Alster_Hamburg_1354a.jpg. Lizenz: cc-by-2.0 Generic

Hamburg, Regenbogen über der Binnenalster, by Petra Kohlstädt, Quelle: commons.wikimedia.org, File:Rainbow_Alster_Hamburg_1354a.jpg. Lizenz: cc-by-2.0 Generic

Jo: Zum Beispiel. Oder auch auf dem Rathausmarkt, Gerhard-Hauptmann-Platz

Claudia: Gartenschaugelände…

Jo: Auch schön. Ich finde, da könnten Berlin und Hamburg von Köln lernen.

Claudia: Erzähl! Was macht für dich ein echtes Straßenfest beim CSD aus?

Jo: Ein „echtes“ Straßenfest? Köln ist eine „runde“ Sache. Das Straßenfest findet in der Altstadt statt. Es ist offen, sprich nicht mit diesen weißen Bauzäunen abgesperrt, jede* kann von allen Querstraßen, die teilweise einbezogen sind, hinzukommen. Es gibt eine bunte Mischung aus Informations- und „Genuss“-Ständen. An den Ständen wird keine Musik gespielt. Hierfür gibt es 3 Bühnen in Köln, die so platziert sind, dass du nicht eine undefinierbare Geräuschkulisse hast. Die Bühnen haben unterschiedliche Ausrichtungen. Eine „Kultur“-Bühne, eine Party-Bühne und eine mit dem Hauptprogramm (von Schlager bis Politikeransprachen ist da alles bei). Auf der Kultur- und der Hauptbühne wird Gebärdensprache gedolmetscht. Durch diese akustische Trennung ist es eine entspannte und ruhige Stimmung. Es ist möglich sich in eines der angrenzenden Cafés zu setzen und dem Treiben zuzuschauen, dem Programm auf der Bühne im Hintergrund zu folgen, sich zu informieren, zu treffen… Es gibt feste Traditionen: Am Freitag findet auf der Hauptbühne eine Eröffnungsveranstaltung statt, Samstagabend gibt es eine Kerzenaktion zum Gedenken an die Aidsopfer der letzten Jahre. – Da ist der Platz dunkel (die angrenzenden Stände schalten ihre Lichter aus und es ist still, nur leise Klänge von der Hauptbühne. Das ist schon beeindruckend. – Sonntag wird der CSD mit einem Spezialprogramm und einem abschließenden Lied (auch schon Tradition) geschlossen.

Köln, Rhein-Panorama mit Abendhimmel, by Ahgee, Quelle: commons.wikimedia.org, File:Cologne_-_Panoramic_Image_of_the_old_town_at_dusk.jpg, Lizenz: cc-by-sa-3.0 Unported

Köln, Rhein-Panorama mit Abendhimmel, by Ahgee, Quelle: commons.wikimedia.org, File:Cologne_-_Panoramic_Image_of_the_old_town_at_dusk.jpg, Lizenz: cc-by-sa-3.0 Unported

Claudia: Interessant! Wie mischt sich da „Party“ mit anderem? Wo sind die Infostände und wo sind eventuell lesbische und/oder andere nicht-schwule Interessenvertretungen zu finden?

Jo: Die Infostände sind mitten unter den anderen Ständen. Es gibt Ess- und Trinkstände (klar), aber auch andere Verkaufsstände: Regenbogenschmuck, Fetische, Reiseveranstalter, Shirts mit CSD-Logo… alles mögliche, und dazwischen gibt es Stände, von großen und kleinen Interessenvertretungen. Schwul-Lesbisch gemischt, „amtliche“ wie „ehrenamtliche“.

Claudia: Sind weitere als nur schwule und lesbische Identitätspolitiken repräsentiert? „Gemischt“ ist ja nicht unpolitisch… auch in dieser Hinsicht nicht, meine ich.

Jo: Meiner Erinnerung zufolge sind nicht nur lesbische und schwule, sondern auch bi, inter, trans* vertreten. Diese Vielfalt spiegelt sich auch bei der Parade wieder.

Claudia: Apropos Vielfalt. Ich war 2003 mal in Amsterdam beim Pride. Ich stelle mir vor, dass auch heute am Ufer die augenscheinliche kulturelle Vielfältigkeit der Leute anders war als bei den CSDs in den drei deutschen Städten. Hattest du auch diesen Eindruck?

Amsterdam Pride 2004, gute Aussicht von Brücken, by Alf van Beem (cropped by Claudia), Quelle: commons.wikimedia.org, File:Amsterdam_Gay_Pride_2004..., Lizenz:   public domain

Amsterdam Pride 2004, gute Aussicht von Brücken, by Alf van Beem (cropped by Claudia), Quelle: commons.wikimedia.org, File:Amsterdam_Gay_Pride_2004…, Lizenz: public domain

Jo: Ich würde sagen, in Amsterdam beim Pride waren viele Leute mit asiatischen Wurzeln unterwegs.

Claudia: Ja, das erinnere ich auch. Zum einen hatte mir die Nähe und Nahbarkeit zu Menschen mit asiatischem Aussehen sehr gefallen und ebenso die schöne Anzahl an Leuten, für die ich kulturelle Bezüge zu Lateinamerika/Karibik vermuten würde. Ich weiß noch, dass ich die Dominanz an weißen Gesichtern und eher trägem deutschen Bewegungsverhalten in Hamburg in den Tagen nach meiner Rückkehr als ziemlich unerträglich empfunden habe. Diese Vielfältigkeit verbinde ich mit dem Pride in Amsterdam, das ist aber 10 Jahre her. Und ich war mit einer Freundin aus Russland und ihrer Freundin hingefahren und besucht haben wir überraschungsweise zwei Freundinnen aus Belgrad, die auf dem Boot von ai mitfuhren. Dass sie uns tatsächlich entdeckt haben am Ufer bzw. danach auf einer Brücke, das war dann für uns die große Überraschung 😉

Amsterdam Pride 2013, geschmückte Straße im Zentrum, by Jo, Lizenz: public domain

Amsterdam Pride 2013, geschmückte Straße im Zentrum, by Jo, Lizenz: public domain

Claudia: Wie alt waren wohl die ältesten Lesben, die du in diesen Tagen so gesehen hast in Amsterdam?

Jo: Geschätzte 70 Jahre.

Claudia: Wow, waren sie in Gruppen unterwegs?

Jo: Nein, sie gingen Hand in Hand durch die Straße und sahen sehr verliebt aus.

Claudia: Oh, toll!

Jo: Ja. ein Genuss für Auge und Herz. Hab einen Moment überlegt sie zu fotografieren, aber ich wollte sie nicht „stören“ und den Zauber erhalten.

by Chernface141, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

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Claudia: Vielleicht, so denke ich jetzt, hättest du das, was du den Zauber der beiden fandest, verschönern können, wenn du sie wunderschön fotografiert hättest, um ihnen dann das Foto anzubieten? Ich stelle mir vor, du hättest dann vor ihren Augen das digitale Foto gelöscht, falls sie nicht einverstanden gewesen wären, aber dafür haben wir jetzt ja diese schöne Geschichte. Wir sollten sie denjenigen Lesben weitererzählen, die wesentlich älter sind als wir *und* sich öffentlich verliebt zeigen. Was jetzt kommt, das klingt sicher pompös, kann es auch ruhig: Ich verneige mich hiermit virtuell vor den beiden ebenso wie vor deiner Beobachtungsgabe und deinem Erzählen und davor, dass wir die Gelegenheit haben und nutzen, diese Szene, der du in Amsterdam teilhaftig geworden bist, wenigstens in Worte zu fassen. Wir schreiben damit schließlich Kulturgeschichte. *Beziehungsweise* Kulturgegenwart 🙂 Diese Gegenwart ist nun Teil unseres lesbischen Salons geworden.
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Jo: Ja, solche Erlebnisse geben (mir) Hoffnung.

Claudia: Verstehe ich, glaub ich, sie machen mir auch Hoffnung. Auch Hoffnung wohnt ja ein Zauber inne. Wie fühlt sich diese Hoffnung an, wenn du sie in Worte fasst? Meine lautet etwa so: Ich möchte selbst gern mit 70 sichtbar verliebt im öffentlichen Raum umherlaufen können und meine Hoffnung ist, dass ich dafür nicht erst nach Amsterdam fahren müsste, weil es nur dort noch ginge – falls. Und so lautet sie auch: Ich hoffe, dass viele Lesben in jedem Alter sich trauen mögen, sich im öffentlichen Raum verliebt zu zeigen allüberall.by Chernface141, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported

Jo: Meine Hoffnung teilt sich mit deiner. Aber sie hat noch einen anderen Aspekt. – Ich möchte auch mit 70 noch verliebt sein. 🙂

Claudia: Oh, noch verliebt sein? Bei mir bin ich mir da sicher, aber hoffen tu ich es trotzdem, jetzt, wo du es schreibst.

Jo: Meine Hoffnung ist auch groß, aber wissen kann ich es erst, wenn es soweit ist. – Ich werde dir dann berichten!

by Chernface141, Quelle: commons.wikimedia.org, Lizenz: Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 UnportedClaudia: Jut! Und meine Hoffnung klingt auch so: Ich hoffe, dass das, was diese beiden in Amsterdam uns geschenkt haben, auch viele andere beglückt hat, zuvor oder genau dort, und nicht zuletzt sie selbst 🙂

Jo: Ja, wäre schön, wenn der Zauber auch andere erreicht hat.

Claudia: Wir haben ihn hier ja noch etwas ausgesponnen, huhu, liebe Leser*nnen, da könnt Ihr jetzt noch was von „abhaben“, wenn Ihr möchtet 🙂
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Zum Weiterlesen:

Voriges Interview mit Jo: Le(s)ben im Baugewerbe: Ein Interview,
Publiziert bei l-talk.de am 14. Mai 2013 von Claudia