Nach den schockierenden Medienberichten über den Anschlag eines Attentäters auf eine jugendliche Coming Out Gruppe in der israelischen Metropole Tel Aviv überschlagen sich die internationalen Medien mit Analysen und Deutungen.

Wir wollten wissen, wie es ist, als Lesbe in Israel zu leben: L-talk im Gespräch mit Myriam N.

L-talk bei L-talk: Gespräch über lesbisches Leben in Israel

Du hast lange in Israel gelebt und wohnst seit zwei Jahren in Frankfurt. Welche Chancen gibt es, in Israel ein lesbisches Alltagsleben zu führen?

Ich habe auf dem Land gelebt, in einem zweieinhalbtausend EinwohnerInnendorf, dort lebten sechs Lesben, die ich kannte. Zwei von ihnen waren ein Paar, die in ihrer Umgebung als WG-Genossinnen durchgingen, zumindest bei den konservativen Nachbarn. Eine der Nachbarinnen sagte wörtlich zu mir: Aber sie hat doch eine Enkeltochter… und mit den Freaks auf der Parade in Tel Aviv nix zu tun.
Eine andere Frau eine lesbische Mutter via künstlicher Befruchtung. Eine vierte gehörte mehr zur Alternativszene, sie verliebte sich immer in wunderschöne Heterofrauen. Und israelische Heterofrauen sind schön, vor allem die orientalischen.

Lesben in meiner Altersklasse, ich bin Ende 50, sind entweder sehr im Schrank – ich hatte mal ein Date mit einer Frau, die 26 Jahre mit einer verheirateten Kollegin zusammen war, sie leben heimlich – oder sie sind sehr tough.       
Es ist eine tragische Geschichte mit den beiden Frauen. Die eine ließ sich scheiden. Durch den Umzug ihres Ex-Mannes nach Haifa verlor sie ihre Kinder, bzw. wurde zur Wochenendmutter. Ihre Partnerin und sie trafen sich nur außerhalb der Stadt, heimlich. Waren sie zum Beispiel in Tel Aviv trauten sie sich nicht, sich in der Öffentlichkeit zu berühren aus Angst, jemand aus ihrer Kleinstadt könne sie erkennen.
Mein Date antwortete auf die Frage, ob sie eine Partnerin zu den sozialen Veranstaltungen wie Beschneidung, Willkommensparty für neugeborene Töchter und Hochzeiten mitnehmen würde, sehr ausweichend. Für mich war damit klar: Aus diesem Date wurde nichts.

Aus den USA und England eingewanderte Lesben sind klarer und offener lesbisch.Übrigens sind aus den USA und England eingewanderte Lesben da eindeutig klarer und offener. Lesben gibt es als ‚Phänomen‘ in Israel erst seit ca. 1989.

Manche Lesben kommen aus Heterobeziehungen und erziehen ihre Kinder gemeinsam. Das passt dann ins israelische Großfamiliensystem.
Insgesamt kannst Du sagen: Familie steht an oberster Stelle. Und wer aus dem Familiensystem rausfällt …. wow? Die meisten säkularen Israelis akzeptieren ihre lesbischen Töchter, sofern sie Enkelkinder ‚produzieren‘ und in Beziehungen leben.
Unter den jüngeren Lesben ist das Familienmodell mit zwei Müttern und Kindern sehr, sehr angesehen und angestrebt. Dieses Modell wird durch von der Krankenkasse finanzierte künstliche Befruchtung unterstützt. Wechselseitige Adoptionen sind seit einiger Zeit legal. Im Moment geht es um die Anerkennung von Partnerschaften und Lebensgemeinschaften, daher auch die Hochzeitszeremonien auf der letzten Pride in Tel Aviv.

Ist es für lesbische Frauen einfacher, in Israel zu leben als für schwule Männer?

Das ist zweischneidig. Frauen haben weniger Machtpositionen, sind eher ‚unsichtbar‘, auch in ihrer sexuellen Orientierung.
Die Religion spricht von männlicher Homosexualität. Über die entsprechenden Auslegungen im 3. Buch Moses in der Bibel streiten sich die mehr oder weniger Gelehrten.

Das Verhältnis von Lesben und Religion ist nicht ganz einfach. Die Mehrzahl der politisch engagierten Lesben ist religionsfeindlich und vice versa die Religiösen sind homophob. Wobei Lesben da wenig vorkommen. Homophobie richtet sich sehr gegen männliche Schwule.
Für Religiöse zählt – es gab da mal einen sehr beeindruckenden Film über orthodoxe Lesben – dass Frauen heiraten und Kinder haben. Wenn sie dazu eine Frauenbeziehung pflegen … nun: In der Orthodoxie sind wie im Muslimischen die Lebensbereiche von Männern und Frauen getrennt.

Es gibt eine Gruppe vor allem in Jerusalem, die heißt Orthodykes. Und natürlich gibt es im Reformjudentum Lesben, auch lesbische Rabbinerinnen. Meines Wissens allerdings nicht in Israel. Dort gibt es nur einen schwulen Rabbi.

Wie gehen die homophoben religiösen Äußerungen auf der einen Seite mit dem modernen Israel auf der anderen Seite zusammen?

Ich hatte sehr religiöse Nachbarn. Sprich: Ich habe am Schabbat das Radio nicht aufgedreht und ihre Sitten respektiert. Und der Nachbar grinste rüber, wenn ich sehr sehr dykisch aussehenden Besuch aus Tel Aviv bekam.
Dykisch aussehender Besuch aus der MetropoleDas lesbisch schwule Zentrum bei uns in der Provinz, in Kiryat Schmona, lag im 3. Stock, damit keiner Steine einschmeißen konnte.
Insgesamt: Israel ist ein kleines Land und jeder ist irgendwie mit jedem bekannt oder verwandt. Wenn Lesben offen leben und im Kontakt mit ihrer Umgebung sind, haben sie meines Erachtens wenig Probleme: Sie ist die Tochter von … die Mutter von …; sprich: man kennt sich.

Das heißt nicht, dass die Gesellschaft nicht homophob ist. Vor allem im religiösen, im orientalischen, im arabischen und zum Teil auch im russischen Bevölkerungsbereich. Diese Bevölkerungsgruppen leben im Süden und Norden des Landes, den armen Gebieten. So zieht jeder, nicht nur Lesben und Schwule, sondern auch andere junge Leute, irgendwann nach Tel Aviv in die ‚große Freiheit‘.
Der Unterschied zwischen der Metropole und dem ländlichen Raum ist sehr groß.

Coming Out ist überall ein großes Thema. Auch der Anschlag am Samstag richtete sich gegen eine Coming Out Gruppe. Man liest immer wieder, dass religiöse Familien ihre lesbischen Töchter oder ihre schwulen Söhne verstoßen.

Eine gute Freundin von mir arbeitet in Netanya bei der Post und sie wird von ihren männlichen Kollegen regelmäßig mit üblen sexistischen Schimpfwörtern belegt. Manche israelische Machos können‘s halt nicht ab, dass frau ihrer Herrlichkeit eine Frau vorziehen. Als nicht verheiratete Frau musst du lernen, mit Anmache souverän umzugehen; ebenso mit gut gemeinten Verkuppelungsversuchen.
Und: Es ist nicht klug, jedem deine sexuelle Orientierung zu offenbaren. so ne Art Balanceakt von „dein Leben leben und wissen, wem du dich offenbarst“.

Dass lesbische Töchter oder schwule Söhne verstoßen werden, passiert hauptsächlich in sehr orthodoxen Familien. Da spielt die soziale Kontrolle in der Bezugsgruppe eine wichtige Rolle. Nicht nur die Lesbe (oder der Schwule) sind betroffen, sondern durch ihr Outing wird die ganze Familie ‚gebrandmarkt‘. Sprich Heiratsaussichten für Geschwister und Verwandte werden geringer, die Familie verliert Ansehen, ‚ihr Gesicht‘.

kultur.jpgÄhnliches kann übrigens auch bei anderen Verbindungen geschehen, wie einer säkular-religiösen Heterobeziehung, oder, wie in meinem Umfeld die Heirat einer jungen jüdischen Frau mit einem muslimischen Mann aus Jaffo: Deren religiöse Schwester fürchtete Ansehensverlust in ihrer religiösen Gemeinschaft durch die Verbindung. Und zu Recht: Dort sind die Regeln sehr rigide.

Sie sind es auch auf der arabischen Seite. Es ist ein Fall bekannt von 2 arabischen Lesben aus einer ländlichen Gegend im Norden Israels, sie wurden von ihren Familien mit dem Tode bedroht, flohen nach Tel Aviv und durch Vermittlung von jüdischen Lesben weiter nach Schweden, wo sie Asyl erhielten.
Durchschnittliche jüdische israelische Familien mögen durch ein Outing erst mal geschockt sein; in der Regel sind die Familienbindungen so schnell nicht lösbar, wenn die Tochter zu ihrer Partnerin steht.

In Israel umarmen Frauen Frauen und Männer Männer, das gehört zur Kultur. Ich denke schwierig wird‘s für ‚Tunten‘ oder sehr butchige Frauen. Dazu kann ich aber selber wenig sagen.

Wenn ich Zeitung lese, habe ich immer den Eindruck, dass Israel ein durch und durch religiöser Staat ist.

Leider gibt es keine Trennung zwischen Religion und Staat. Was in der Konsequenz das orthodoxe Judentum in den verschiedensten Schattierungen zum Wortführer macht über all das, was Judentum noch ist.
Daher ist die Mehrheit der Israelis säkular oder traditionell. Die Aschkenazim mehr säkular, die Mizrachim (Orientalen) mehr traditionell. Es gibt einen Spruch: „Die Synagoge, in die wir nicht gehen, muss orthodox sein.“

Tendenz zur ReligionUnter jungen Leuten gibt es eine Tendenz der Hinwendung zur Religion, als Orientierungssuche. Ich könnte mir vorstellen, dass der Attentäter da zu finden ist.Und: in Israel hat jeder Mann über 18 und unter 45 eine Uzi im Schrank. Waffen gehören zum Alltag. Deutsche, die zum ersten mal Israel besuchen, sind immer sehr verschreckt, wenn sie sonntags morgen in einen mit Soldaten vollbeladenen Bus einsteigen und ein Gewehr ins Kreuz bekommen. Frauen, die in der Armee sind, tragen auch Waffen. Daher ist es ein Leichtes, sich eine Waffe zu besorgen.

Ich möchte noch einmal auf das Verhältnis zwischen lesbischer Identität und eigener Religiosität zurückkommen. Habe ich es richtig verstanden, dass du das als klar getrennte Sphären begreifst? Lesbische Alltagskultur einerseits und religiöses Leben auf der anderen?

Ich weiß nicht, ob es einen israelischen Lesbenalltag so gibt. Es gibt Tel Aviv und die Ecke um die Shenkin Strasse, das ist so ein wenig Regenbogenland. Und dann auf der anderen Seite Jerusalem, wo der einzige Club zugemacht hat und nur noch das Open House da ist. Da verlässt du dich am besten auf deinen lesbischen Blick, um andere zu identifizieren.
In Haifa sind die Lesben im Frauenzentrum abgetaucht und engagieren sich gegen Frauenhandel, Gewalt gegen Frauen, für Dialog von jüdischen und muslimischen Frauen. Das ist frauensolidarisches Empowerment.
Und in der Provinz gibt’s Freundinnen, Paare, Paare mit Kindern und vereinzelt Gruppen.

Die meisten Lesben interessiert Religion nicht und dieses Desinteresse teilen sie mit der Mehrheit der Israelis. Die meisten Israelis ärgern sich sehr über den politischen Einfluss der Religiösen.
Ich selbst gehöre zu den lesbischen Frauen, für die jüdische Religion in einem sich wandelnden Verständnis eine wichtige Rolle spielt. Inzwischen scheint es mehr und mehr Frauen zu geben, für die Werte wie Heirat, Feiertage, Schabbat und so weiter eine Bedeutung haben.

Vielen Dank für das Gespräch.