Sibirien: viel Gegend, riesige Wälder, lange Flüsse, große Hitze, noch größere Kälte, die Transsibirische Eisenbahn – was noch? Die Hauptstadt Novosibirsk, fast so groß wie Hamburg – und auch hier leben Lesben

Derzeit ist Winter. In Sibirien gibt es da zwischendurch keine relativ milden Tage. In Novosibirsk, das im Süden des Landes relativ nahe der kasachischen, chinesischen und mongolischen Grenze gelegen ist, liegen die Temperaturen ab dem Spätherbst monatelang unter Null, zum Teil bis -35 Grad, bei knackig trockener Luft.

Drinnen und Draußen (1)

Wenn die Sonne scheint und kaum Wolken da sind, sinken die Temperaturen besonders schnell. Spätestens jetzt gehen die Leute in Novosibirsk tatsächlich nicht mehr zum Schlittschuhlaufen. Und sibirische Filzstiefel tauchen auch im Straßenbild der Millionenstadt auf, vor allem für Tätigkeiten, die mit Draußen-Rumstehen verbunden sind, auf Märkten zum Beispiel. Apropos Auch-im-Winter-viel-draußen-Sein: Nach Schneefällen werden sogar die Parkbänke und deren unmittelbare Umgebung von Schnee freigeräumt. Zuhause leben die Leute drinnen dafür nicht selten in T-shirts und barfuß. Stark geheizt werden auch Geschäfte, Busse, private Autos, öffentliche Gebäude, Firmen, Restaurants und Clubs.

Bänke im Park für die Saison paratHier gibt's leckere heiße Blini (russische Crepes)In einer Metro-station

Party-Szene in Clubs

Suche ich als Lesbe in Novosibirsk samstags eine Gelegenheit, bis in den frühen Morgen zu tanzen und dabei andere Lesben oder Schwule zu treffen, dann kann ich das im Novsibirsker Stadtgebiet in drei Lokalitäten tun. Angekündigt werden die Termine über das russische “Facebook”, vkontakte.ru, in dem viele der jüngeren Leute völlig bedenkenlos über sich reden und Fotos von sich und ihren Freund*nnen zeigen, als ob es in Russland nie eine intensive Personenüberwachung gegeben hätte. Hier bietet sich ein scheinbar privater Umschlagplatz von Informationen, der auch von Lesben und Schwulen genutzt wird, die ansonsten nicht einmal gegenüber ihrer Familie “out” sind.

Die Samstags-Lokalitäten sind Clubs, die an den anderen Abenden der Woche ein anderes Publikum anziehen. Aber auch Samstags sind alle willkommen, nur sind dann Schwule und Lesben in der Mehrheit. Der Eintritt beträgt ca. 200 Rubel (fast 5 EUR), das ist zwar billiger als ein Kinobesuch, ist aber zum Bespiel für eine arbeitslose Lesbe ohne Unterstützung durch Freund*nnen kaum mehr als einmal im Monat erschwinglich. Vor allem dann nicht, wenn sie vor Ort dann auch noch etwas trinken will. In den Clubs sind ca. 300 Lesben und Schwule anzutreffen, von denen sich nur manche in der örtlichen Bewegung engagieren.

Kultur selbstorganisiert

Eine Lesben- und Schwulenbewegung ist in Novosibirsk als solche nicht öffentlich sichtbar. Aber “Bewegung” gibt es trotzdem auch außerhalb der Samstage und der Clubs: spontane Treffen von 8-10 Leuten, die sich irgendwo bei jemandem zuhause einfinden. Dies sind selbstgemachte kulturelle Events, mit Gitarre, dazu wird gemeinsam gesungen. In letzter Zeit ist es auch sehr en vogue, eigene Werke vorzutragen. Meist sind es Gedichte und manche von diesen können recht lang sein. Zu dem Kreis, in dem diese lockere Serie von informellen Treffen stattfindet, zählen schätzungweise 50 Lesben und Schwule, die diese Abende in wechselnder Zusammensetzung verbringen. Sie knüpfen damit an eine allgemeine Tradition an, die es auch zu Zeiten der Sowjetunion gab, falls Bücher sehr knapp waren und deshalb Abende mit gemeinsamem Lesen und Zuhören verbracht wurden, übrigens auch dann noch, als es schon Fernseher gab.

Opernhaus am LeninplatzRegenbogen-Werbung für KinderbücherGroßes Kindertheater im Stadtzentrum

Eine soziale Bewegung

Von Allem, was als “Politik” gilt, halten sich Russ*nnen im Allgemeinen fern. Das überlassen sie lieber denen “da oben”. “Politik”, das bedeutet zum einen “öffentliche Politik”. Im Westen nennt man das Lobbyarbeit: Teile einer Bevölkerung reden über ihre Veränderungswünsche und Ziele mit ihren Parlamentarier*nnen oder Regierungen. Zum anderen bedeutet der russische Begriff von “Politik” das, was soziale Bewegungen sonst noch tun: sich als Interessengruppen zusammentun, um bei anderen Teilen der Bevölkerung für “ihre Sache” zu werben. Engagierte Lesben und Schwule in Novosibirsk verstehen ihre Arbeit also als nicht als eine politische, sondern als eine soziale Bewegung – im Gegensatz zu “politischen” Gruppen, die ihre Demonstrationen anmelden müssen, z.B. Leute, die gegen den Import von japanischen Autos sind und da eine Beschänkung wollen. Diese Autos lassen sich daran erkennen, dass sie das Lenkrad rechts haben, derzeit sind das ca. ein Drittel der Autos im Straßenbild von Novosibirsk.

Flyer verteilen

Die LGBT-Bewegung in Novosibirsk zeigt sich lieber nicht lautstark, sondern sie lassen beim Rainbow Flashmob bunte Luftballons steigen. Und sie verteilen Flyer, auf denen nur die Information steht, dass es Gewalt gegen Homosexuelle gibt. Kein Aufruf, keine Forderungen. Als soziale Bewegung suchen sie auf diesem Weg Kontakt zu denjenigen, die zufällig am selben Ort sind und von diesen Fakten noch nichts wissen, aber potenziell bereit sind, dem Problem ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Schrittchen für Schrittchen wird so in der Zivilgesellschaft um Akzeptanz geworben. Allgemeine Toleranz gibt es in der Bevölkerung schon – solange homosexuelle Lebensformen nicht allzu deutlich sichtbar werden.

Treppenaufgang nahe der Medizinischen UniTraditionelles Haus an einer StraßenkreuzungDraussen sind's minus 28 Grad

Sich-Zeigen und Maskerade

Russische Leute sind im Allgemeinen sehr bescheiden. Und das Sich-Zeigen hat hier ingesamt ein paar andere Spielregeln als hierzulande: Von politischen Figuren wie Ministerpräsident Vladimir Putin wird erwartet, dass er stets seine Maske aufbehalte und nicht zuviel Persönliches zeige – gemäß seiner Rolle des Dienstes am Volk. Andere Rollen erlauben zwar beim Zeigen von Emotionen mehr Freiheiten, aber was davon bei Superreichen zu sehen ist, wird meist verachtet. Selbst in den verschiedenen Genres der darstellenden Künste, inklusive Popsongs, wird das Zeigen von zuviel persönlicher Emotion als öffentlicher Affront empfunden. Und Fernsehsendungen, von denen es auch viele mit satirischen, lustigen und tragischen Anteilen gibt, scheinen im öffentlichen Verhalten der Menschen untereinander keine großen Änderungen nach sich zu ziehen. Also ist auch das Zeigen einer ungewöhnlichen Lebensform wie der homosexuellen eher als Affront zu betrachten. Für erfolgreiche LGBT-Menschenrechtsarbeit sind demnach andere Wege zu suchen als im Westen.


Schönes altes Haus 1

Draussen und Drinnen (2): “politische” Lobbyarbeit

Mit heterosexuellen Zeitgenoss*nnen hat das LGBT-Netzwerk auch in den Behörden zu tun. Hierhin richten sie zum Beispiel ihre Vorschläge, welche neuen russischen Gesetze sie empfehlen. Beispielweise Ausführungen zu einem Gesetz zur Bestrafung von Hassverbrechen oder erste Ansätze für ein Anti-Diskriminierungsgesetz. Künftig eventuell auch für Gesetzesvorhaben mit dem Ziel, Regenbogenfamilien mehr Rechte einzuräumen (in Russland sind die Leute recht offensichtlich Kindern weit mehr zugetan als in Deutschland und das könnte für LGBT-Emanzipationsbestrebungen durchaus nützlich sein). Die Rechtskenntnisse für diese Arbeiten werden übrigens von Novosibirsk aus zum russischen LGBT-Netzwerk beigesteuert. Einmal im Jahr kommen aus ca. 10 Städten Vertreter*nnen dieses landesweiten Netzwerks zusammen, um 4 Tage lang die Strategie für das kommende Jahr zu beraten, darunter auch die rechtlichen Initiativen, die zwar auch in Russland langwierig sind, aber dennoch begonnen werden müssen.

Blick über die DächerWerbung und SchmiedeeisernesÄltere und neuere Wohnhäuser

Geld aus dem Westen

Die Finanzierung dieser Netzwerk-Arbeit wird eingeworben von der EU-Kommission und aus weiteren internationalen Quellen. Leute, die sich im Netzwerk engagieren, können eventuell auch an Fortbildungen teilnehmen, in denen es um erfolgreiches Fundraising für Menschenrechtsarbeit geht. Darin haben die Russ*nnen des LGBT-Netzwerks inzwischen schon viel internationale Erfahrung.

Film-Events

In Novosibirsk organisiert Side by Side LGBT International Film Festival (St. Petersburg) in Kooperation mit dem örtlichen LGBT-Netzwerk im Frühjahr, Sommer und Winter Festivals von je drei bis vier Tagen Länge. Gezeigt werden dann internationale lesbisch-schwule Filme. In St. Petersburg allerdings, in der “westlichsten” Stadt Russlands, fallen der städtischen Verwaltung bisher kurz vor den Filmfestivals plötzlich noch Gründe ein, weswegen die angemieteten Räume nicht zugänglich seien. Meist dienen dann angeblich fehlende Vorkehrungen gegen Feuer als Vorwand. In der sibirischen Hauptstadt hingegen gab es für die Filmfestivals bisher keinerlei Probleme. Und die ausgehängten Poster bleiben auch in der Zeit nach den Filmtagen unversehrt. Ansonsten gibt es zwar keine eigenständige Website, aber über vkontakte.ru im Web klappt auch hier die Informationsverteilung, im scheinbar semi-öffentlichen Raum, aber eben kostenlos und ohne großen Aufwand.

Überraschungseffekt

Bei den Filmtage-Events werden für die Eingänge der Clubs eigens Türsteher engagiert – nichts Außergewöhnliches, denn Türsteher gibt es an jedem Club-Eingang. Diejenigen, die sich für die LGBT-Events engagieren lassen, sind höchstwahrscheinlich selbst nicht schwul. Aber manchmal ist ihnen das Thema der Filme dennoch nicht fremd. Bei den Filmtagen im Frühjahr ereignete sich folgende Geschichte: Überraschenderweise bat einer der Türsteher nachher um ein paar LGBT-Info-Broschüren, bedankte sich und sagte: “Meine ehemalige Frau lebt jetzt lesbisch. Und ich verstehe sie jetzt besser.”

Russisches LGBT-Netzwerk, englische Version der Website: http://www.lgbtnet.ru/eng/Schönes altes Haus 2Novosibirsk_park-railings-in-snow_miniPark im Stadtzentrum Im Abendlicht