Rede von Djurdja Knezevic (Kroatien), am 11. Juni 2011 abends bei der Kundgebung des Lesbenfrühlingstreffens 2011 in Rostock, in deutscher Sprache gehalten.

Liebe Frauen oder Frauen, die sich als Männer fühlen oder Männer, die sich als Frauen fühlen oder all diejenigen, die weder noch sind, wie es bei mir selbst der Fall ist. Oder vielleicht noch konkreter: Liebe alle hier Anwesende, die Frauen lieben und sich als Lesben deklarieren. Das ist auch mein persönlicher Fall.

Was ich hier aber betonen möchte ist, sich als Lesbe zu bezeichnen. Was wir fühlen und wie wir uns fühlen ist eine Sache; wie wir uns aufgrund dessen positionieren und in der Öffentlichkeit wirken – das ist Politik. Und das ist meiner Meinung nach wichtig für uns: Der Unterschied zwischen dem privaten lesbischen Leben einerseits und der Äußerung als Lesbe im Sinne des Praktizierens einer bestimmten Politik andererseits.  

Lesbisch sein kann eine Frau auch „im Schrank“, sie kann das aber auch außerhalb des Schrankes und dabei weiterhin andere Lesben völlig ignorieren, wenn sie nicht ihrer Klasse angehören, nicht dieselbe Nationalität haben oder nicht aus ihrem Staat kommen. Eine Frau kann Lesbe sein, auch wenn sie es selbst ablehnt, als Lesbe bezeichnet zu werden. Eine Frau kann als Lesbe auch zufrieden im lesbischen Ghetto sein oder eine Lesbe, die nach der Devise lebt „Ich will nur eine Frau haben und viel Spaß dabei!“ Aber kein Ghetto hat jemandem weder kurz- noch langfristig etwas Gutes gebracht.

In der Regel sieht man aus dem Ghetto nicht die Realität. Die andersartige Realität, wo die Lesben im besten Fall verachtet werden, im Beruf und in der Öffentlichkeit erniedrigt, im Irrenhaus eingesperrt wie in dem Fall aus der kroatischen Stadt Rijeka, wo vor Kurzem eine junge Lesbe 5 Jahre lang eingesperrt worden war, nur weil sie Lesbe ist. Und im schlimmsten Fall heißt Realität auch Gewalt gegen Lesben und deren Tötung.

Wir sollten uns nicht täuschen mit zu vielen großen Unterschieden von Land zu Land. In den hochentwickelten westeuropäischen Ländern ist es sicher nicht wie in Ost- und Südeuropa. Wobei die Länder Süd- und Osteuropas im Vergleich zu manchen afrikanischen Staaten Traumländer sind (Uganda als Beispiel mit unmenschlichen Gesetzen gegen Homosexuelle, ebenso wie im Nahen Osten). Trotz Allem auch hier in Deutschland, ich weiß es und ihr wisst es auch, auch in diesem freien, fortschrittlichen und demokratischen Land könnten wir viel über Schwierigkeiten reden, mit denen Ihr konfrontiert seid, nur weil Ihr Lesben seid. Die Fälle von Gewalt gegen Lesben sind selten. Heißt das aber, dass es uns gut geht, wenn wir nicht verprügelt werden?

Es wird erst dann gut sein, wenn wir aufhören Lesben zu sein, nicht weil wir nicht mehr Frauen lieben, sondern weil lesbisch sein etwas völlig Normales sein wird und völlig uninteressant für die Beziehung mit anderen Menschen. Es ist aber ein langer Weg bis dahin und nur wir selbst werden diese Veränderungen erkämpfen. Wie der Spruch besagt: „Wenn WIR uns nicht mit der Politik beschäftigen, wird sie sich mit uns beschäftigen!“ Und wenn ich sehe, wie sich die Politik bis jetzt mit uns beschäftigt hat, ist der äußerste Zeitpunkt gekommen, die Politik selbst in die Hand zu nehmen.