So lebt es sich als LGBT in Europa: Infografik der Europäischen KommissionLesben, Schwule und Transidente werden auch in der EU massiv diskriminiert: Eine Schlagzeile, einen kurzen Bericht war das Ergebnis der bisher größten Umfrage zur Lebenssituation von Lesben, Schwulen und Transidenten vielen Medien wert. Doch was steckt dahinter?

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte FRA, European Union Agency of Fundamental Rights, führte 2012 ihre Umfrage in allen EU-Ländern und Kroation durch. Der Fragebogen stand in allen 23 offiziellen EU-Sprachen zur Verfügung und 93.079 Menschen beantworteten ihn. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden nach ihren Erfahrungen in Bezug auf Diskriminierung, Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz, in Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, in sozialen Dienstleistungen und an öffentlichen Orten wie Cafés, Restaurants, Banken und Geschäften, gefragt. Es ging um uns: unsere Einschätzungen, unsere Erfahrungen, unsere Forderungen.

Die Ergebnisse sind erschütternd. Bei im Detail großen Unterschieden von Land zu Land haben Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transidente Angst: vor Mobbing, vor Ausgrenzung, vor Diskriminierung, vor Gewalt. Und sie haben diese Angst in allen möglichen Situationen, am meisten in der Schule, aber auch in Cafés, im Beruf, auf der Straße … also praktisch überall. Nicht jeder und nicht jede und nicht überall und immer, aber viel zu viele viel zu oft in viel zu vielen Lebenslagen.

Der Report der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte FRA stellt die Daten umfangreich aufgearbeitet zur Verfügung: Als 36seitige Zusammenfassung (englisch), als knappes Infoblatt und als interaktives Auswertungs-Tool.  Bei allem Grund zur Klage: Im Vergleich zur EU-Gesamtheit und erst recht zu vielen Staaten im Osten Europas sieht sehen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transidente in Deutschland ihr Leben positiver. Große Einigkeit herrscht bei den Forderungen. So findet die Forderung nach gleichen Rechten bei der Adoption und Pflege von Kindern fast überall hohe Zustimmung und steht in Deutschland sogar weit vor dem Recht zu heiraten.

Die österreichische GRÜNE Abgeordnete Ulrike Lunacek, stellvertretende Vorsitzende der EU-Intergroup, einem Zusammenschluss von LGBT Abgeordneten im Europäischen Parlament, stellt fest:

„Lesbische Frauen (55%), junge Menschen zwischen 18 und 24 (57%) und ärmere LGBT Personen (52%) werden häufiger diskriminiert. Das macht deutlich, dass die Wirkung von Diskriminierung und Belästigungen sich für marginalisierte Menschen vervielfacht  Antidiskriminierung ist keine elitäres Thema, es ist eine zwingende Notwendigkeit für Menschen aus vielen verschiedenen sozialen Gruppen.“

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte lässt es jedoch nicht bei Analysen bewenden, sondern fordert Veränderungen:

  • Eine sichere Umgebung für Bildung schaffen
  • Diskriminierung aufgrund sexueller Ausrichtung und geschlechtlicher Identität bekämpfen
  • LGBT-Opfer von Hassverbrechen anerkennen und schützen
  • Gleichbehandlung im Arbeitsleben sicherstellen
  • Schutz vor Diskriminierung außerhalb des Berufslebens gewährleisten

Dabei hat sie Unterstützung aus der Politik. Sophia in’t Veld, niederländische Abgeordnete der Democraten 66 und wie Ulrike Lunacek Vizepräsidentin der Intergroup, fordert Klartext:

„Es ist höchste Zeit, dass die Europäische Kommission und die Mitgliedsstaaten aufhören mit Lippenbekenntnissen und ihren Worten Handlungen folgen lassen: Sie müssen Hass in der Sprache verdammen und Sicherheit und Respekt für alle EU-Bürgerinnen und Bürger gewährleisten.“

Was ist also nötig, damit es besser wird? Auch hierzu hat die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte FRA eine klare Position:

„Eine pluralistische und inklusive soziale Umgebung, die auf dem Grundsatz der Gleichheit basiert und in der EU-Charta der Grundrechte verankert ist, trägt zu einem Umfeld bei, in dem LGBT-Personen offen und frei leben und sich offenbaren können.“

und:

„Um die Grundrechte von LGBT-Personen zu stärken, bedarf es zudem entschlossener und positiver politischer Führung.“

Wie es um diese entschlossene und positive politische Führung bestellt ist, zeigt jetzt gerade das jämmerliche Bild, das die Koalitionsparteien CDU/CSU und FDP in Berlin abgeben: Die einen würden wohl gern wollen, die anderen wünschten, sie könnten den Kopf in den Sand stecken. Eine klare Position für Menschenrechte und Gleichstellung sieht anders aus.

Daher kommt der EU-Report genau richtig zum Wahlkampf für den Bundestag. Wann, wenn nicht jetzt, ist der richtige Zeitpunkt für ein Bekenntnis für eine vielfältige, gerechte Gesellschaft?

LINKS UND QUELLEN:

  • Infografik zum Aktionstag gegen Homophobie: größte EU-weite Umfrage beleuchtet alltägliche Diskriminierung, europarl.europa.de, 17.05.2013
  • European Union Agency of Fundamental Rights, FRA: EU-weite LGBT-Umfrage der FRA, Memo, fra.europa.eu, 17.5.2013
  • EU LGBT survey – European Union lesbian, gay, bisexual and transgender survey – Results at a glance, fra.europa.eu, 17.05.2013
  • EU-Grundrechteagentur FRA: Erfahrungen von LGBT–Personen mit Diskriminierung und Hasskriminalität in der EU und Kroatien (Zusammenfassung  der wichtigsten Ergebnisse auf Deutsch und auf 2 Seiten), fra.europa.eu, 17.05.2013
  • LGBT Survey Data Explorer, Ergebnisse interaktiv nach allen möglichen Kriterien als Chart anzeigen lassen, fra.europa.eu 17.5.2013
  • The European Parliament’s Intergroup on LGBT Rights: EU: One in two LGBT people discriminated against, new study finds, lgbt-ep.eu, 17.05.2013
  • Ulrike Lunacek: Diskriminierung von Lesben und Schwulen ist in der EU nach wie vor allgegenwärtig, ulrikelunacek.at, 17.05.2013