Ja, ja, nun war Weihnachten, gleich danach begann das neue Jahr und irgendwie ist Friede, Freude, Eierkuchen auch ansteckend. Solidarität, Gerechtigkeit, Feminismus, Freiheit, Liebe, Verantwortung, Gemeinschaft und was wir dazu beitragen können, die Welt von morgen zu einem besseren Ort zu machen, sind Hochkonjunktur Themen.
Aber müssen sie deshalb schlecht sein?

Sarah Lucia Hoaglands "Revolution der Moral"Sarah Lucia Hoaglands „Revolution der Moral“ ist schon einige Jahre alt, und der lesbische Separatismus, mit dem sie im kollektiven Erbe überlebt, machte nur einen kleinen Teil ihrer Botschaft aus. Sie warnte schon 1988 vor Abgrenzung:

„Lesbische Werte und Revolutionen entstehen aus dem, was Lesben schaffen, nicht aus dem, was sie regulieren. Diese kreative Energie braucht nicht Schutz und Sicherheit, sondern Risiko und Veränderung.“ (1991, S. 239)

Und wo stehen wir jetzt?

Das ist eine schwierige Frage.

Da gibt‘s Separatistinnen, die Lesbenfrühlingstreffen von „nichtbiologischen Lesben“ freihalten wollen. Einige von ihnen machen gleich ein ganzes Internet-Forum daraus: ketzerinnen.de.

Da scheint es irgendein Problem zu geben, das die einen nicht sehen und das für andere zentral im Vordergrund steht.

Feminismus, Queerness und lesbisches Szeneleben passen für viele prima zusammen und das queere Loslösen von Geschlecht als Kategorie erleichtert manche schwierige Standortbestimmung: Die mühevolle Analyse entfällt, welche Eigenschaften eher „männlich“ oder eher „weiblich“ sind; Eigenschaften sind kontingent, nicht absolut und sie sind das, als was sie sich präsentieren, frei in Zeit und Raum und weder Geschlecht noch Ewigkeit oder einem anderen Konstrukt zugeordnet.

Sexuelle Orientierung – perdu

Gleichzeitig gibt es, wenn’s passt, die „Frau“ als Subjekt ihres Handelns, es gilt strukturelle Diskriminierung von „Frauen“ zu sehen und zu bekämpfen (von Gewalt über Einkommen bis zu Partizipation) und sogar Frauenspezifisches zu fordern. Dafür aber ist es im Übrigen nicht nötig, bis ins letzte die Geschlechterrollenidentität kennen, denn „Frau“ in der Gesellschaft ist nicht wegen ihrer eigenen Identität diskriminiert, sondern wegen der Rollenzuschreibung. Gleiches gilt für die „Lesbe“.

Mit dem Lesbischsein ist es allerdings durch die Genderei nicht einfacher geworden.
„Entschuldigen Sie, haben Sie meine sexuelle Orientierung irgendwo gesehen?“ fragt die US-amerikanische Autorin S. Bear Bergmann, und stellt fest:

„Früher einmal war ich eine Lesbe. Buchstäblich bedeutete das, dass ich mit Frauen zusammen war und mit Frauen schlief, und wenn ich sagte, dass ich lesbisch bin, verstanden die Leute, was ich damit meinte. Das allerdings ist mehr als 10 Jahre her.“

 

 

Der Fliegenpilz: Inbegriff lesbischer Autonomie?

Lesbisches Identitätsportfolio

Tatsächlich gibt es eine Vielzahl lesbischer Identitäten: die feministische Lesbe, Szenelesbe, Butch, Femme, Lipstick-Lesbe, die Lesbe-bis-zum-Uniabschluss, Schranklesbe, Politlesbe, Fliegenpilz – ganz zu schweigen von der Frau, die gern mal mit einer anderen schlafen, aber grundsätzlich verheiratet bleiben will, nicht zu vergessen bisexuelle Frauen, Frauen, die sich lesbisch fühlen, aber keine Sexualität mit einer anderen wollen, Frauen, die sich lesbisch fühlen, aber einer sicheren Eheexistenz den Vorzug geben, Promilesben, vorgebliche und angeblich vorgebliche Lesben oder solche, die von anderen als solche bezeichnet werden … Kein Ende in Sicht.

Kerstin Greiner und Susane Schneider haben ihre Verwirrung im Süddeutsche Zeitung Magazin kurz und knapp zusammengefasst: 

„Sich für immer auf eine sexuelle Richtung festzulegen ist so altbacken, wie sein Leben lang die gleiche Partei zu wählen.“

Sie machen den Zeitgeist verantwortlich:

„Was für den Arbeitsplatz gilt, für Familienstrukturen und für die Wahl der Sexualpartner, gilt auch für die sexuelle Orientierung: Nichts dauert mehr ein Leben lang, jede Entscheidung kann jederzeit rückgängig gemacht werden. Frauen haben das Programm »Beziehungen 2.0« schnell kapiert.“

 

Solidarität als L-Wert – oder doch „Q“?

Aber womit oder mit wem sollen wir dann noch solidarisch sein? Und ist Solidarität an sich so wichtig, dass es eigens dafür eine „Lesbe“ zu erfinden oder künstlich am Leben zu erhalten lohnt?
Gerade die Spezifikationen und eine Ausdehnung von Begrifflichkeiten – jede für sich eine besondere Identität beanspruchend – machen einen Begriff wie „queer“ sehr attraktiv, oder nochmal mit S. Bear Bergman gesagt:

„Gerade die übersprudelnde Menge halbherziger Versuche, eine Vielzahl sexueller Verhaltensweisen zu beschreiben und zu definieren, macht für einige von uns das Wort Queer – ein Begriff, den viele als einfach, direkt und irgendwie nachsichtig auffassen – sehr attraktiv als Sammelbegriff für jegliche nicht-normative sexuelle Orientierung. Queer vereinnahmt kein Geschlecht und kein Sexualverhalten, lediglich eine gewisse Missachtung sozialer Normen in Bezug auf geschlechtliches und sexuelles Verhalten.“

Die Frauenbewegung, gar nicht zu reden von der Lesbenbewegung, pflegt gesellschaftswissenschaftlicher Forschung gern in sehr respektvollem Abstand zu folgen. Allen Sorgen tapfer trotzend wird die Frau im Allgemeinen und die Lesbe im Besonderen noch lange Zeit als Subjekt ebenso wie als Objekt kollektiver Solidarität zur Verfügung stehen. Lesbenfrühlingstreffen, lesbische Kontinuen und Separatismen behalten ihren Platz – nur nicht als Horte der Ewigkeit.

 

Links und Quellen: