„Die US-Syrierin Amina Abdallah Araf al Omari, Autorin des oppositionellen syrischen Blogs A Gay Girl in Damascus, wird vermisst. Sie soll von Polizei oder Milizen in Damaskus verschleppt worden sein.“

schrieb L-talk am 7. Juni. Die Nachricht, entnommen dem Blog A Gay Girl in Damascus, stellte sich als beeindruckender Hoax heraus: Amina Araf ist offenbar keine 35jährige US-syrische Lesbe, sondern ein mittelalter heterosexueller angehender Islamwissenschaftler aus Edinburgh.

Er entschuldigte sich am 12. Juni bei den Leser*nnen des Blogs:

„Ich habe diesen Grad an Aufmerksamkeit nie erwartet. Wenn auch die Erzählerin fiktional gewesen sein mag, sind doch die  Tatsachen in dem Blog wahr und sagen nichts Falsches über die Situation vor Ort. Ich glaube nicht, dass ich jemanden verletzt habe — Ich glaube, dass ich eine wichtige Stimme für Themen geschaffen habe, die mir stark am Herzen liegen.
Ich hoffe nur, dass Menschen der Bevölkerung im Mittleren Osten und ihren Kämpfen in diesem revolutionären Jahr ebenso viel Interesse entgegenbringen. Die Ereignisse werden von den Menschen geprägt, die sie Tag für Tag leben. Ich habe nur versucht, sie für ein westliches Publikum ins Licht zu rücken.
Diese Erfahrung hat leider nur meine Gefühle über die oft künstliche Befassung mit dem Mittleren Osten und der Verbreitung von neuen Formen liberalen Orientalismus‘ bestätigt. Jedenfalls bin ich tief berührt von den Reaktionen von Lesern.“

Link zum Beitrag von Tom McMaster (oder wie auch immer …)

LGBT Blogger*nnen in Gefahr gebracht

Im Blog GME, Gay Middle East, wird die Aktivität von McMaster scharf kritisiert. Er habe sie in Gefahr gebracht, schreiben die Autor*nnen Sami Hamwi und Daniel Nassar.

„Den Leser*nnen und den westlichen Medien teile ich mit, dass es authentische Menschen im Mittleren Osten gibt, die bloggen und über die Situation in ihren Ländern berichten. Sie sollten diesen Menschen Aufmerksamkeit entgegenbringen.“

schreibt  Sami Hamwi, und Daniel Nassar sagt, er sei so wütend, dass er kaum tippen könne:

„Wegen Ihnen, Herr McMaster, sind einer Reihe echter Aktivist*nnen in der LGBT Community in den Fokus der syrischen Behörden geraten. Diese Aktivist*nnen, zu denen ich gehöre, mussten so viel in ihrem Verhalten und ihrem Leben ändern, um sich vor dem Schaden zu schützen, den Ihr kleiner Kunstgriff [orig: stunt] verursacht hat. Sie haben eine Reihe von Leben, inklusive meinem und dem einiger Freunde, in Gefahr gebracht damit Sie ihr kleines fiktionales Schreibspiel aufrecht erhalten können.“

Nun ist die Argumentation, man wisse besser, was für die wahlweise armen / blöden / unterprivilegierten Menschen gut sei, dem weißen Mann europäischer Herkunft nicht völlig fremd und zieht sich durch Jahrhunderte, von der Eroberung („Entdeckung“) fremder Länder und Kontinente in der Kolonialzeit bis zur Präsenz von Schutztruppen („Befreiung“) bei internationalen Militäreinsätzen heute. Und gerechterweise kann man auch darauf hinweisen, dass dieses Verhalten weder Weißen noch Männern exklusiv vorbehalten ist.

Männer, die sich für Lesben halten

Auch Männer, die sich für Lesben halten oder für Lesben ausgeben, sind nichts Besonderes … allein all die Dating- und Partnervermittlungsangebote für lesbische Frauen, die von heterosexuellen Männern betrieben werden … von der Porno-Industrie ganz zu schweigen! An diesem konkreten Fall ist anders, dass es nicht um Geld ging, sondern allein um Überlegenheit: besser präsent zu sein, besser vernetzt zu sein, mehr vorzukommen und berühmt zu werden.

Ein weiterer Punkt im Zusammenhang mit McMasters Amina-Scharade findet zurzeit noch wenig Beachtung: Er hat in seiner Rolle als Amina offenbar eine lesbische Frau in Kanada in unzähligen (berichtet wird von rund 1.000) Mails in dem Glauben bestärkt, sie habe eine Beziehung mit Amina Araf. Und ganz abgesehen davon, ob und in wie weit eine Beziehung allein auf Mail-Basis funktionieren kann – was im Übrigen auch weder von uns noch von McMaster zu bewerten ist – spricht dieser Teil seiner Scharade sehr deutlich dagegen, dass hier jemand eigentlich nur etwas Gutes tun wollte, um den Menschen in Syrien und anderen Teilen des Mittleren Ostens zu helfen. Es sieht vielmehr danach aus, als hätte einfach mal wieder jemand sich über die erhoben, die er für zu blöd hält, sich selbst zu vertreten: Menschen aus anderen Kulturen, Menschen in anderen Ländern, die LGBT Community, Frauen, Lesben. Ohne Rücksicht auf den Schaden, der damit angerichtet wird und auf den Preis, den andere dafür zu zahlen haben.

Für die junge Frau in Montreal, die eine Beziehung zu der angeblichen Amina Araf unterhielt, ist der Absturz von der Geliebten einer Befreiungskämpferin zum belogenen und betrogenen Opfer eines Hochstaplers gewaltig: Sie hat mitgezittert, sie hat Angst um ihre Liebste gehabt, hat Solidarität organisiert und unwissentlich andere Menschen dazu gebracht, ein Phantom zu unterstützen. Sie steht da mit praktisch nichts außer einem großen Haufen verletzter Gefühle. Das als vergleichsweise banalen Schaden – verglichen mit den Gefahren für reale syrische Blogger*nnen – anzusehen, greift deutlich zu kurz: Es ist eine vollkommen überflüssige Schikane und wäre auch dann nicht zu rechtfertigen gewesen, wenn sie für die Schaffung der Legende Amina Araf notwendig gewesen wäre. War sie aber nicht.

Medien-Aufmerksamkeit für „Aminas“ Verschwinden

DieL-talk Autorinnen haben, als die Amina-Geschichte in der letzten Woche hochkochte, diskutiert, ob wir bei L-talk darüber schreiben, warum wir es tun und wie. L-talk hat dann den Beitrag „Syrische Bloggerin Amina Araf“ vermisst veröffentlicht, in dem wir die Auszüge aus dem Blog A Gay Girl in Damascus ins Deutsche übertragen und dokumentiert haben, die von der angeblichen Cousine von Amina geschrieben wurden (McMaster kann nicht nur Lesben, er kann auch Cousinen!). Warum wir uns so entschieden haben, habe ich am gleichen Tag zu Helgas Beitrag „Syrische Bloggerin entführt“ bei der Mädchenmannschaft kommentiert:

„Einen Hoax würde ich auch nicht ausschließen (danke für den Hinweis mit dem Foto!), zumal die Geschichte mit den gerade erst vorsichtshalber der Cousine übergebenen Postings für den Fall ihres Verschwindens allzu gut passte 🙂
Aber es ist auch sehr gut möglich, dass – wieder mal – ein Mensch in großer Gefahr sein könnte. Und, was das betrifft, ist es mir im Zweifelsfall lieber, einmal zuviel in Sorge zu sein (und hinterher über die eigene Gutgläubigkeit zu lachen) als einmal zu wenig.“

Fragt sich nun, ob es einen „richtigen“ Umgang mit solchen Phänomenen gibt. Und ob sie zu verhindern sind.

McMasters Projekt „Gay Girl in Damaskus“ führt auch dazu, dass die Glaubwürdigkeit von Blogs und Veröffentlichungen real existierender Personen im Mittleren Osten in Frage steht. Offenbar haben auch arabische Medien, selbst LGBT Medien, die Person und die Geschichte geglaubt. Der Wunsch, politische Bewegungen, Freiheitsbewegungen oder Menschenrechtsbewegungen in anderen Ländern zu unterstützen, hat viele Gesichter:

Wer hat nicht um Winnetou geweint, für Mandela südafrikanische Früchte boykottiert oder sich mit Rosa Parks auf den hinteren Bänken des Busses solidarisch gefühlt? Viele sind selbst aktiv geworden und haben dabei viel falsch gemacht: massenhaft Kleider nach Afrika verschifft (bis die dortige Textilproduktion zusammengebrochen ist), um nur ein Beispiel zu nennen. Andere ziehen die Umsetzung ihrer eigenen Vorstellungen davon, was für andere Menschen besser ist, noch größer auf, indem sie mitsamt ihrem Militär, ihrer Wirtschaftsmacht, ihren kulturellen Idealen und ihren Vorstellungen von richtiger Demokratie in andere Länder einmaschieren.

Auf der anderen Seite kann es auch nicht richtig sein, taten- und meinunslos zuzusehen, wie andere Menschen unterdrückt, gefoltert, getötet werden oder wie Menschen die Erde zerstören oder wie ganze Völker in Hunger und Elend leben.

L-talk wird über die eigene Berichterstattung weiterhin von Situation zu Situation entscheiden. Das ist einfach, wir sind nur ein Blog und meine Freundin ist kein Phantom, sondern real und wild. Aber richtig und falsch in den ganz großen Dimensionen? Keine Ahnung.

Link:

  • Amina Debatte auf Twitter verfolgen: #amina .