20 Jahre LSVD20 Jahre ist er inzwischen alt, der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, und gut die Hälfte dieser Zeit gibt es das „L“ im Namen. Gefeiert wurde mit einem Festakt ausgerechnet in der Berliner Landesvertretung Baden-Württembergs – dem Bundesland, dem es gelungen ist, bei der Gleichstellung noch hinter seinem Nachbarn Bayern zurückzubleiben. Eine reife Leistung!

Der Rahmen war beeindruckend. Um die 500 Gäste im repräsentativen Festsaal, ein ambitionierter Festvortrag der Nordelbischen Bischöfin Maria Jepsen, feierliche Grußworte und zum Abschluss Buffet mit Sekt und vor allem 1 A Desserts.

Bischöfin Jepsen begann mit der Hamburger Ehe, berichtete über den Weg der Nordelbischen Kirche zu Offenheit und Vielfalt, ging auf Unterschiede bei der gelebten Gleichstellung zwischen städtischen und vielen ländlichen Gemeinden ein, und betonte: „Homosexualität ist keine Sünde“.  Für eine Norddeutsche klingt das ziemlich selbstverständlich, für viele im Saal war es das aber keineswegs. Das machte in den beiden darauffolgenden Tagen auch die Diskussion auf dem Verbandstag zu Kirchenthemen deutlich.

Monika Lüke, Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, war als Rednerin ebenfalls vorgesehen, ließ sich aber vertreten, weil sie Außenminister Westerwelle auf seiner Afrika-Reise begleitete. Überraschend deutlich positionierte die neue Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Beate Rudolf, sich und ihr Institut pro Gleichstellung von Lesben und Schwulen. Und für den Deutschen Frauenrat erinnerte Vorstandsfrau Ilona Helena Eisner daran, dass der Frauenrat bereits vor Jahren – damals übrigens auf Antrag der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen AsF – die Forderung nach dem vollen Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare beschlossen hatte.

Moderiert wurde das Programm sehr witzig und mit der einen oder anderen Überraschung von den LSVD Vorständen Jennifer Graser und Axel Hochrein.

nach den Reden:  Empfang beim Festakt 20 Jahre Lesben- und Schwulenverband in  Deutschland

Den internationalen Bezug repräsentierte „happy holy homosexual“ Reverend Rowland Jide Macaulay, der für das House of Rainbow, Nigeria und für die Pan-Afrikanische LGBT Bewegung gratulierte. Super spannend trug LSVD Vorstand Günter Dworek – für diesen Anlass nicht ganz freiwillig, so schien es, in der Rolle des Zeitzeugen – seine Erlebnisse aus 20 Jahren Verband vor. Und das barg wirklich Neues. Am Anfang nämlich, als sich der Schwulenverband aus der DDR Bürgerrechtsbewegung entwickelte und sich gesamtdeutsch öffnen wollte, so berichtete Dworek, sei er als ein Vertreter der Schwulenbewegung aus Westdeutschland zu einem Treffen gefahren und bass erstaunt gewesen: Diese Leute ließen einander aussprechen und hörten sich gegenseitig zu! Und sie wollten nicht bestimmen, wie Schwule zu leben haben, ganz im Gegensatz zu den schwulen Szenen der westdeutschen Metropolen!

Ein großer Gegensatz zur westdeutschen Schwulenbewegung sei die Konzentration auf Bürgerrechte gewesen: Der damalige SVD wollte, berichtete Dworek, gleiche Rechte … und was die Menschen dann damit anfangen wollten, sei ihre eigene Angelegenheit. Dass der LSVD sehr davon profitiert hat, Ost und West zusammenzuwerfen war bald offensichtlich und dass nach knapp 10 Jahren die Lesben hinzukamen – ebenfalls aus Ost und West – war ein weiterer Meilenstein.

Die unterschiedlichen Werte machten dann auch ein informelles Top Thema beim anschließenden Empfang aus: Dachten wir doch bisher, nur wir Lesben hätten uns selbst und unseren Mitlesben das Leben mit genauen Vorschriften schwer gemacht, was Lesbe tun darf und, vor allem, was nicht! Hatte sich uns die Schwulenbewegung doch all die Jahre als Hort der Freiheit und des Liberalismus präsentiert! Und nun, im Vorbeigehen und praktisch aus Versehen, die große erleichternde Erkenntnis, dass die Jungs genauso blöd waren. Das tat richtig gut.

Diskutiert wurde jedenfalls viel. Ein weiteres großes Thema nach Ende des offiziellen Teils war die Auseinandersetzung um das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin, das in eine neue Runde geht.  Da sind – aktueller Stand – gerade fünf Vorschläge zur turnusmäßigen Neugestaltung ausgewählt worden, die nun realisiert werden.

Der Rest war in etwa wie Facebook, nur im richtigen Leben: interessante Leute treffen oder wiedertreffen, Freundinnen mit Freundinnen bekannt machen und von Freundinnen mit Freundinnen bekannt gemacht werden, vorsichtige Annäherungen an das andere Geschlecht, jede Menge Informationsaustausch und wunderbarer Tratsch.

In den nächsten Tagen schreiben wir hier noch über den Verbandstag und das neu beschlossene Grundsatzprogramm des LSVD, das ein ganzes Stück lesbischer, viel selbstverständlicher und moderner geworden ist.