Die Meldung der Woche kam aus Griechenland: Da wenden sich ein Bewohner und zwei Bewohnerinnen von Lesbos mit Antrag auf einstweilige Verfügung an ein Athener Gericht um zu erreichen, dass Lesben sich nicht mehr lesbisch nennen dürfen:

«Wir wenden uns gegen die willkürliche Nutzung des Namens unserer Heimat von Personen, die eigenartig sind», hieß es unter anderem in einer am Dienstag in der konservativen Zeitschrift «O Davlos» veröffentlichten Erklärung der drei Kläger, zu denen auch der «O Davlos»-Chefredakteur Dimitris Lambrou gehört. «Sie reißen den Begriff „Lesbe“ oder „lesbisch“ an sich. Das wollen wir nicht zulassen», schrieb er.

Die Meldung schlug europaweit ein und schaffte es sogar in die Vorarlberger Nachrichten – das ist weit mehr Ehre, als Nachrichten aus dem lesbisch schwulen Spektrum sonst zukommt.

Einige Zeitungen wiesen darauf hin, dass die Bevölkerung von Lesbos nicht schlecht an ihrem Lesben-Kult-Status verdient.
Das ist nun wirklich interessant. Unter mehreren Gesichtspunkten. Einmal ist da natürlich die Frage, wie es diesen Menschen gelingt, Lesben zum Geld ausgeben zu bewegen, wo doch hierzulande nicht mal ein lesbisches Café überleben kann, weil die Damen sich stundenlang zu zweit an einem geteilten Mineralwasser mit zwei Strohhalmen …

Fragt sich auch, wie viel so ein Mensch auf Lesbos am Lesben-Image verdienen müsste, damit sie oder er gern bereit wäre, sich bezeichnungsmäßig mit einer Lesbe verwechseln zu lassen. Menschen tun ja die erstaunlichsten Dinge für Geld. Dazu fielen mir – klar! – diese Talkshows ein, in denen Leute sich dazu hinreißen lassen, sich auf eine Weise zu benehmen, die mir bei der Arbeit monatelangen Spott einbringen würde. Weiß wirklich nicht, wo solche Leute arbeiten, jedenfalls tun sie es nicht bei uns.

Apropos Arbeit: Diese Nachrichtenmeldung war echt Gold wert, besser als jeder Diversity-Sensibilisierungs-Workshop auf Arbeitgeberkosten. Ein Kollege hat mir heute gesagt, er habe, bis er es gestern im Fernsehen gehört habe, nicht gewusst, dass es eigens zu meinem Zustand eine Insel gebe. Das hat mich schwer beeindruckt – und, hoffe ich, ihn auch. Jedenfalls habe ich ihn vorerst in dem Glauben gelassen und genieße die unverhoffte und unverdiente Wichtigkeit. Ich finde das okay. Kausalitäten sind sowieso eher für philosophisch ambitionierte Menschen relevant.

Weil ich diese Idee mit den Talkshows hatte, habe ich mal bei Google eingegeben: sich für Geld lächerlich machen. Wobei lächerlich etwas anderes ist als lesbisch, das ist sogar mir klar, wenngleich es schwierig ist, diesen Unterschied immer und jederzeit trennscharf nachzuweisen. „Sich für Geld lesbisch machen“ wäre sicher präziser gewesen, aber das hätte wahrscheinlich nur einen Link auf t.A.T.u. ergeben, diese hinreißenden russischen Mädchen mit der enervierenden Musik.

Ich versuchte es also mit „lächerlich“ und bekam unter anderem folgende Antworten:

  • wenn man mir genug bietet mach ich mich auch problemlos lächerlich!
  • die leute sind so einsam und haben so wenige freunde, die einem sagen würden, dass sie sich auf jeden fall bei britt um eins lächerlich machen würden.
  • Zudem dient es der Selbstdarstellung und der Möglichkeit einmal berühmt für einen Augenblick zu sein.
  • das sind leute die sowieso im leben nichts mehr zu verlieren haben
  • Es muss also ein großer Anreiz sein, seine Seele für eine derartige Show zu verkaufen.

In der Variante mit der Frage, was man für Geld tun würde in http://www.k-foren.de/ :

  • Ich würd gegen viel Geld so ziemlich alles machen was nicht meiner körperlichen oder seelischen Gesundheit schadet.
  • Es muss nicht mit Schmerzen verbunden sein, es könnte auch eklig oder peinlich sein z.B. nackt in der U-Bahn rumrennen
  • fragen wir noch was wie viel geld müsste man euch geben dass ihr in einen pool von scheiße springen würdet

Zu dem letzten Beitrag fällt mir natürlich wieder Valerie Solanas ein … Ich will nicht ablenken. Guckt selbst. 9. April 2008. Hier. In diesem Blog.

Die Fernsehsendung I Bet You Will hat zum Konzept erhoben, dass Menschen etwas tun, was sie *eigentlich* nicht tun wollen. Die scheinen leider noch keine Lesben-Episode gedreht zu haben, aber das werden sie bestimmt noch tun.

Etwas traurig ist es schon, dass die Lesbierinnen und Lesbier es beleidigend finden, mit Lesben verwechselt zu werden. Vielleicht wäre es eine bessere Idee, dass nicht wir uns auf einen neuen Namen einstellen müssen, sondern sie einfach lernen, sich damit wohl und kuschelig zu fühlen.

Ein Vorschlag zur Güte:
Die Bewohnerinnen und Bewohner von Lesbos setzen die Verwirrung über ihr Lesbischsein positiv um. Sie nehmen was von dem ganzen Geld (s.o.), und engagieren Jelena Sergejewna Katina und Julia Olegowna Wolkowa, die beiden hinreißenden Heteras von t.A.T.u. Die haben Erfahrung damit vorzugeben, sie seien lesbisch. Wahrscheinlich aus einem der oben genannten Gründe.
Das Geld bleibt in der Hetera-Community, Lesbos bleibt ein Urlaubsziel für Lesben, lesbische Männer bleiben Lesbier. Eine win-win Situation. Diversity at it’s best.