Denkräume – die Veranstaltungsreihe  des Evangelischen Frauenbegegnungszentrums in Frankfurt – hat in den vergangenen Jahren eine Reihe spannender Begegnungen provoziert. Am 23. September kam es zu einer Art Heimspiel: Pfarrerin trifft Pfarrerin. Zu Gast bei Eli Wolf war Kerstin Söderblom.

Eli Wolf ist im Hauptberuf Pfarrerin für Frauenarbeit und Leiterin des Evangelischen Frauenbegegnungszentrums EVA in Frankfurt. Gemeinsam mit Sylvia Gorchs und Konny Gerhard hat sie die Reihe Denkräume  ins Leben gerufen: explizit lesbische Themen für Lesben und andere Frauen und vor allem: „mehr als Coming Out“. Am 23. September ging es um Lesben in der Kirche.

Lesben und Kirche – Homophobe Gewalt in Kirchen und Gesellschaft überwinden

Eli Wolf: Kerstin, wie ging das mit dem lesbisch sein und der Religion für dich zusammen?

Kerstin Söderblom:
„Ich habe sehr schnell in unserer Landeskirche mit dem Personalreferenten gesprochen und mich  schon im Studium geoutet und gefragt, kann ich Pfarrerin werden? „Machen sie erstmal fertig und dann schauen wir mal“, war die etwas unbestimmte Antwort. Unsere Kirche war von anfang an pragmatisch eingestellt. „Wenn es da keinen Krach gibt, sehen wir keinen Grund, dass du nicht Pfarrerin werden kannst.“

Eli Wolf: Also geht für dich persönlich  lesbisch und gläubig zusammen?

Kerstin Söderblom:
„Lesbisch und gläubig war für mich kein Thema. Wichtig war mir, dass es etwas gibt, das nicht nur logisch und mathematisch erklärbar ist, das darüber geht. Anders sah für mich die Frage aus, ob das in der Kirche machbar ist. „Ich trete die Stelle nur an, wenn der Kirchenvorstand und Gemeinde wissen, dass ich lesbisch bin,“ habe ich deutlich gemacht.  Ich habe in meiner ersten Pfarrstelle viel von meiner Skepsis gegenüber konservativen Christinnen und Christen abgelegt und sie haben umgekehrt Vorurteile über Lesben und Schwule abgebaut.“

Nach ihrer Ausbildung und einer Zeit als Gemeindepfarrerin war Kerstin Söderblom fünf Jahre lang als Dozentin an der Uni. Seit drei Jahren ist sie Studienleiterin im kirchlichen IPOS – Institut für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision  und berät dort verschiedene Organisationen. Ehrenamtlich kommt die internationale Arbeit dazu:

„Mir ist Lesben- und Schwulenarbeit in der Kirche wichtig, weil ich die Kirche nicht nur den Konservativen überlassen möchte. Unser Netzwerk arbeitet seit 20 Jahren für lesbische Frauen in der Kirche. Seit 15 Jahren bin ich in einem europäischen Netzwerk, wir haben viele Trainings entwickelt. Diese Trainingsarbeit in homophoben Ländern hat bei mir dazu geführt, auch bei ökumenischen Netzwerken präsent zu sein, und von unserer Arbeit zu erzählen, dass das auch kirchliche Arbeit ist, dass es Lesben und Schwule in den Kirchen gibt … und dass es auch Homophobie in der Kirche gibt. Jetzt gab es eine Friedenskonvokation zur Überwindung von Gewalt. Unser Workshop war der einzige von 200, der sich mit Homophobie in der Kirche beschäftigt hat. Wir machen das aus einer relativ sicheren westeuropäischen Situation heraus. Für uns kommt es darauf an, Lesben und Schwulen ein Gesicht zu geben.“

Friedenskonvokation christlicher Kirchen in Jamaika

Für L-talk hatte Kerstin Söderblom bereits zum Weltgebetstag der Frauen am 4. März dieses Jahres einen Beitrag über die Friedenskonvokation in Jamaika geschrieben, die sie damals gerade vorbereitete (Einheit in der Vielfalt). Um so spannender zu erfahren, wie es dann wirklich war:

Drei Frauen und ein Mann vom Europäischen Forum christlicher Lesben-,  Schwulen- Bisexuellen und Transgendergruppen (lgbteuropeanforum.org)  haben auf der Friedenskonsultation des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK)  in Jamaika im Mai 2011 ihren Workshop „Diversity in Unity“ angeboten:

„Es war der Abschluss einer 10jährigen Dekade zur Ächtung jeder Gewalt. 200 best practice Projekte wurden ausgewählt und wir sind als Projekt, das sich mit homophober Gewalt auseinandersetzt, ausgewählt worden und dorthin gefahren. Wir wurden auf Grund der Osteuropäischen Arbeit ausgewählt, daher war das auch unser Hauptthema. Zwei aus unserer Gruppe gehörten zu unseren ersten Trainees, in Moldavien und Lettland, wo sie unsere Trainings besucht hatten. Es gehörte von Anfang an zu unseren Zielen,  Menschen zu unterstützen, selbst aktiv zu werden. Das hat super geklappt.“

Armut und Gewalt sind auch in Jamaika zentrale Themen: Gegen Minderheiten und insbesondere auch gegen Lesben und Schwule:

„Jamaika steht in Bezug auf Gewalt gegen Lesben und Schwule in nichts nach. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben den Hinweis bekommen, sich keineswegs zu outen, weil Homosexualität unter Strafe steht. Vielmehr geht es aber um die soziale Ächtung, um den Herauswurf aus Familien. Wegen der Gewalt hat der ökumenische Rat der Kirchen Jamaika ausgesucht, weil Gewalt insgesamt in Jamaika ein großes Thema ist.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren in einem geschützten Campus der Universitiät von Kingston. Ihr Workshop gehörte zu den am besten besuchten.

 „Wir hatten, wie alle Teilnehmenden, riesige Namensschilder, wo der Name unserer Gruppe stand, so dass es gar nicht die Frage gab, ob wir uns outen. Die Frage war nur, was die anderen dazu sagen. Viele Heteros haben uns angesprochen und gesagt: Es wird höchste Zeit, dass dieses Thema in den Kirchen ankommt und diese Doppelmoral zu Ende geht. Auch Menschen aus Jamaika und aus afrikanischen Ländern haben den Orthodoxen kontra gegeben, vor allem in Bezug auf Aids.“

Ist das nicht ein wenig wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel?

„Ich muss nicht in die Kirche geben, um orthodoxe Hohlköpfe zu sehen. Das kann mir im CDU-Zelt auch passieren.“

„Lesben und Schwule in den Kirchen sind in zahlreichen schwul-lesbischen Netzwerken organisiert (z.B. HuK, LuK, MuM, Labrystheia, Europäisches Forum christlicher LGBT -Gruppen). Aber es trauen sich nicht so viele, öffentlich Gesicht zu zeigen. Im Hintergrund unterstützen uns viele.“

Und wie ist es, als lesbische Aktivistin defensiv gegen Homophobie zu argumentieren?

„Für mich ist auch das authentisch, es gehört beides zusammen. Die Gewalt in kirchlichen Strukturen gegen Lesben und Schwule ist die Kontextbestimmung, aber auch die guten Strukturen, die Vernetzung und die Strategie, wie setzen wir die Gleichstellung um, also die Visionen, gehörten für mich zusammen. Das Thema Gewalt bei der Konvokation war schon verknüpft mit guten Praxisbeispielen, wie die Gewalt überwunden werden kann, also Strategien entwickeln. Ob es ein Alibi ist? Zum Teil ist es das, ein Workshop von 200 zu sein. Andererseits haben Kolleginnen und Kollegen gesagt: Euer Workshop wird nicht genommen. Sie haben uns ohne Not genommen, obwohl es unbequem für sie war. Es gibt viele Menschen auf allen Kontinenten, die ein großes Interesse daran haben, dass die Gewalt zu Ende geht. Dass das noch nicht gelungen ist, ist für viele ein großer Schmerz, auch für Heteras und Heteros. Viele von ihnen unterstützen uns, aber initiativ werden müssen wir selbst.“

Eine wichtige Lehre war, nicht mit westlicher Arroganz auf Homophobie in afrikanischen, lateinamerikanischen oder asiatischen Ländern zu sehen: Die Homophobie in Afrika, Asien und Lateinamerika hat koloniale, christliche Wurzeln. Homophobie kann nur bekämpft werden, wenn gleichzeitig Rassismus und westliche Arroganz mit bekämpft werden. Das hat vor einigen Wochen auch Miles Rutendo Tanhira aus Zimbabwe im Interview mit Sara Lövestam betont:

„Tatsächlich ist die Homophobie das Imperialistische. Die homophobe Gesetzgebung in diesem Land geht auf die Engländer zurück, nicht auf uns.”

Das Wichtigste war, berichtet Kerstin Söderblom, dass es am Schluss eine gemeinsame Friedensbotschaft geben sollte. Im ersten Entwurf gab es gar nichts über Sexualität. Dagegen gab es einen Aufschrei, weil es so viel sexuelle Gewalt gibt. Eine heterosexuelle Teilnehmerin von den Philippinen stand auf und sagte:

„Ich war in einem Workshop über Gewalt gegen LGBT Menschen. Dies spiegelt sich im Abschlussdokument nicht wieder. Wir müssen in diesen Text etwas über Gewalt gegen LGBT Menschen einfügen.“

Dafür hat sie unglaublichen Beifall bekommen. Eine katholische Nonne im Habit stand auf und unterstützte das. Es kam sehr viel Rückmeldung im Abschlussworkshop, die sich auf unseren Workshop der europäischen Aktivist*nnen bezog. Klar war ihnen allerdings auch, dass das in der Schlussbotschaft nie so deutlich benannt würde. Auf Grund der Interventionen durch viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahm das Schlussdokument folgenden Satz auf: „Issues of sexuality divide the churches and therefore we ask the WCC  to create safe spaces to address dividing issues of human sexuality.“  (deutsch: „Fragen der Sexualität spalten die Kirchen und daher ersuchen wir den ÖRK [Ökumenischen Rat der Kirchen], geschützte Räume zu schaffen, in denen über die trennenden Fragen menschlicher Sexualität gesprochen werden kann.“)

Kerstin Söderblom:
„Das mag sich wenig anhören. Aber es ist für Kirchen ein Türöffner. Unter dem Codewort „human Sexuality“ ist vor allem Homosexualität gemeint. Jetzt können sich Menschen und Gruppen darauf berufen und sichere Orte finden.“

Und die Zukunft?

„Die nächste Vollversammlung des ökumenischen Rats der Kirchen steht 2013 in Süd-Korea an, dort werden wir wieder präsent sein.“

Links und Quellen:

  • Kurzfilm mit Eindrücken von der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation bei der EKD, ekd.de
  • The Message of the International Ecumenical Peace Convocation, overcomingviolence.org
  • Botschaft der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation, gewaltueberwinden.org

UPDATE: Kleinere Änderungen in den Zitaten von Kerstin Söderblom am 6. Oktober 2011, 8.00 Uhr