Das Persönliche ist politisch

von | 2. Juli 2012 | Gesellschaften | 3 Kommentare

1970 veröffentlichte Carol Hanisch ihren Text „Das Persönliche ist politisch“ („The Personal Is Political“) in der Anthologie „Notes from the Second Year“, herausgegeben von den nicht minder legendären Denkerinnen der Zweiten Frauenbewegung Shulamith Firestone und Anne Koedt. Der Beitrag fiel in eine Zeit, als neue Bewegungen nach neuen Antworten suchten – auch nach Antworten, die bisher noch nicht gegeben wurden auf Fragen, die zuvor noch nicht gestellt worden waren. Dazu gehörte damals die Frage danach, wer zu bestimmen hat, welche Themen relevant sind.

Gedanken über Gedanken

Woher der wunderbar griffige Titel stammt, ist bis heute ungeklärt. Carol Hanisch selbst vermutet, die Herausgeberinnen haben ihn ausgewählt. Der ursprüngliche Titel lautete, wie sie 2006 großzügig gestand, stilecht frauenbewegt Einige Gedanken zu Dotties Gedanken über eine Frauenbefreiungsbewegung („Some Thoughts in Response to Dottie’s Thoughts on a Women’s Liberation Movement“). Wer alt genug ist, wird sich an frühe Dokumente der Zweiten Frauenbewegung in Deutschland erinnert fühlen. Nichtsdestotrotz: „Das Persönliche ist politisch“ ging um die westliche Welt, häufig abgewandelt wie auf Deutsch, „das Private ist politisch“, aber immer mittendrin in den feministischen und oft lesbisch-feministischen Bewegungen der 1970er.

Die Geschichte dieses berühmten Slogans ist, selbstverständlich, eine Persönliche: In den Strömungen der neuen Bewegung Ende der 1960er Jahre in den USA tobte ein Richtungsstreit zwischen Selbsterfahrung („therapy“) und Gesellschaftspolitik („politics“). Die Basis hierfür lag, so Autorin Carol Hanisch, in den Wurzeln der neuen Frauenbewegung, den (männlich dominierten) linken Friedens- und Anti-Kriegs-Bewegungen:

„Sie konnten dann und wann zugestehen, dass Frauen unterdrückt waren (aber durch „das System“), und sagten, wir sollten gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten und einige andere „Rechte“. Aber sie setzten uns nonstop herab, weil wir versuchten, unsere so genannten „persönlichen Probleme“ in den öffentlichen Blick zu bringen, insbesondere „all diese Körperthemen“ wie Sex, Aussehen und Abtreibung. Unsere Forderungen, dass Männer sich an Hausarbeit und Kindererziehung beteiligen sollen, wurden ebenfalls als persönliches Problem zwischen einer Frau und ihrem Mann betrachtet.“

Wie dieser Konflikt gelöst werde sollte, wer mit wem kooperieren könnte und vor allem: wer als Gegnerin oder Gegner der neuen Bewegungen zu betrachten und zu bekämpfen war, prägte über Jahre die Diskussionen. Teile der Bewegung in den USA fanden eine Antwort: Die „Pro-Woman Line“:

„Das Schaffen von Bewusstsein führte zum Aufkommen der Pro-Woman Line mit ihrer wissenschaftlichen Erklärung, basierend auf einer Analyse unserer eigenen Erfahrungen und einer Untersuchung, wer von der Unterdrückung von Frauen profitiert. Das Begreifen, dass unsere unterdrückte Lage nicht unsere eigene Schuld war – also, in der Sprache jener Zeit „in unserem Kopf“ stattfand – brachte uns viel mehr Mut sowie eine stabilere, reale Grundlage für den Kampf um Befreiung.“

Hätten wir nur in eigener Sache mehr von uns selbst gelernt!

Frauen-Männer Themen sind nach wie vor aktuell, und ein guter Teil davon ist, nach Forderungen und Kämpfen der Frauenbewegung, mittlerweile so institutionalisiert, dass wir die Probleme mitsamt den Frauen selbst aus dem Blickfeld geschafft haben: in öffentlich finanzierte Frauenhäuser beispielsweise oder in ein dichtes Netz von Beratungsstrukturen. Ob und in wie weit diese Institutionen, die auch von lesbischen Feministinnen aktiv verteidigt werden, den ursprünglichen selbst gestellten Ansprüchen genügen, wäre nochmal ein spannendes Thema – ganz zu schweigen davon, welche Konsequenzen es hätte, würde diese Frage mit „nein“ beantwortet.

Wer bestimmt, was politisch ist: Machtfragen

Welche Themen „politisch“, also: öffentlich, sein sollten, wird in FrauenLesben-Zusammenhängen aber ebenso restriktiv bestimmt wie vormals durch die zu recht kritisierten männlich-linken Bewegungen. Reflektion sähe auch hier anders aus. Leider war die Ausübung von Macht durch Setzen der relevanten Themen  schon in den Anfängen angelegt.  „Macht“ war allzuoft das negative Herrschaftsinstrument der Anderen, nicht jedoch eine Stuktur, mit der Feministinnen sich gegenseitig unterdrückten. Heiß diskutiert wurde dieses Thema seit den 1970er Jahren immer wieder. Bis heute gibt es Teile der Frauenbewegung, die „Macht“ ablehnen und abstreiten, welche zu besitzen oder sie gar auszuüben. Schon in der Frauenzeitschrift Courage stellte Alexandra von Grote 1980 die intellektuellen oder moralischen Transferleistungen innerhalb der FrauenLesbenbewegung in Frage:

„Haben wir nach den ersten Jahren unserer Bewegung, in denen wir ja fast nur über uns gesprochen haben und wo Frauenbewegung hieß: Selbsterfahrung zu machen, und wo Selbsterfahrung unsere Öffentlichkeit war – haben wir jetzt die Nase voll von der Beschäftigung mit uns selbst? (…) War bei uns Lesben die Euphorie, endlich offen leben zu können in den Bewegungszusammenhängen, und der Stolz, dass die Heterofrauen der Bewegung haufenweise unsere Lebensformen annahmen, so groß, dass unser Blick von unseren jahrelangen Beziehungspraktiken abgelenkt wurde und wir uns so verhindert haben, sie ernsthaft und radikal zu diskutieren?“

Wer jemals im richtigen Leben die lesbisch-feministische Vorgänger-Variante eines Shitstorms erlebt hat, wird wissen, dass es letztlich auf andere Machtstrukturen und Methoden hinauslief, nicht auf die Abschaffung von Macht. Die handelnden Personen sind dann oft andere als die Gründermütter.

Auch dies ist kein rein deutsches Phänomen. In den 1980er Jahren setzte sich Carol Hanisch für eine neue, US-weite feminische Bewegung ein. Sie wies darauf hin, dass feministische Gruppen in der Geschichte immer wieder kurze erfolgreiche Perioden durchlaufen haben, bevor sie sich wieder auflösten. Ihre Ideen würden, so Carol Hanisch, übernommen oder fehl-interpretiert, oder ihre politische Kraft vernichtet.

40 Jahre nach „The Personal Is Political“

Carol Hanisch war, als sie 2006 über die Entstehung ihres Bahn brechenden Artikels von 1970 schrieb, erstaunt, wie viel Substanzielles daraus immer noch Bestand hat. Zwei Thesen allerdings bedürften am stärksten der Weiterentwicklung: „Frauen tun gut daran, nicht allein zu kämpfen“ und „Es ist nicht schlechter, zu Hause zu sein als im Hamsterrad der Berufswelt.“

Übrig geblieben sind, das wird in aktuellen feministischen Diskursen um Entgeltgleichheit oder Betreuungsgeld deutlich, seit der prä-feministischen Ära die alten und viel gescholtenen materialistischen Themen.

Und das Persönliche, das politisch ist? Es ist noch da und seine Berechtigung muss, wie vieles andere, jedes Mal neu erkämpft werden. Zu groß ist offenbar die Verlockung, Misserfolge zu privatisieren und Betroffenen struktureller oder systematischer Benachteiligungen eigenes Verschulden zuzuschreiben. Die Frauenbewegungen selbst haben sich auch in diesen Fragen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Institutionialiserte Hilfen jedenfalls, vom Frauenhaus bis zum Homo-Referat, bauen auch Machtstrukturen auf, die in individuellen Richtungsentscheidungen oder Personalentscheidungen münden. Deren Auswirkungen mögen individuell oder persönlich verschieden sein, und doch sind sie – ebenso wie der Protest dagegen – politisch.

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Links und Quellen:

  • Carol Hanisch: The Personal Is Political. The Women’s Liberation Movement classic with a new explanatory introduction, 1969 (including her introduction from 2006), carolhanisch.org (Download 2.7.2012)
  • Alexandra von Grote: Über das Private reden wir nur privat / – [Electronic ed.]., In: Courage : Berliner Frauenzeitung. – 5(1980), H. 4, S. 30 – 34, ISSN 0176-1102,  Courage-Archiv der Friedrich Ebert Stiftung (Download 2.7.2012)
  • Linda Napikoski: Carol Hanisch. Feminist Critical Thinker, womanshistory.about.com (Download 2.7.2012)