Buchbesprechung für: Darum Feminismus! Diskussionen und Praxen. Herausgegeben von Affront. Unrast-Verlag, 2011, 288 Seiten, 18 Euro

Was für eine Idee – und was für ein interessantes Buch ist daraus geworden! Erstens bringt der Titel auf den Punkt, was ich häufig denke, wenn mir beim Nachrichtenhören auffällt, was alles unter den Tisch fällt: “Darum Feminismus!” Zweitens besteht der Band aus 25 Beiträgen zu aktuellen feministischen Bewegungen, die es sich lohnt, näher in Augenschein zu nehmen.

Die Herausgeberinnen

“Affront” ist das Pseudonym für “zwei Menschen, eine lebt in Hamburg, ist aktiv in feministischen und stadtpolitschen Gruppen, die andere lebt in NRW und arbeitet in antifaschistischen und autonomen Zusammenhängen”, so der Klappentext. Sie haben sich als Team zusammengetan, um zusammen mit anderen Autor*nnen an dem Anliegen zu arbeiten, “den Kontext nachzuzeichnen, in dem sich feministische Politik in Deutschland heute bewegt.Lizenz: cc0 public domain - zu verschenken :-)

Ausgangssituation in der BRD

“Ein großer Teil der Gesellschaft in der BRD”, so schreibt Affront in der Einleitung, “hält Feminismus für überholt, für nicht mehr notwendig. Es wird auf die Möglichkeit zur Führungskraft und auf das Recht auf Minirock als Beweis für gelungene Emanzipation verwiesen. Aha…” Dabei kam mir die Frage: warum haben sich eigentlich Männer dieses Recht auf Minirock nicht erkämpft bisher? Die Herausgeber*nnen legen dar, warum von dieser Ablehnung gegenüber Feminismus nicht viel zu halten ist. Knapp gesagt: weil es nach wie vor etwas ausmacht, was ich für ein Geschlecht habe in dieser Gesellschaft. Geschlecht ist noch immer einer der wesentlichen Faktoren, der eine Rolle spielt, wenn durchgesetzt werden soll, dass manche diskriminiert werden können und andere nicht. Dasselbe gilt für Unterdrückung und Ausbeutung: Viele ja, manche nein – zu wessen Vorteil wird dieser Unterschied weiterhin gemacht? Das lässt sich an der ungleichen Verteilung von wirtschaftlichen Gütern sehen, zum Beispiel daran, wer viel arbeitet und wer aber viel Geld “hat”. Von Frauen und ihren Unterstützer*nnen jedenfalls ist viel erkämpft worden in den letzten Jahrzehnten, aber klar wird dabei auch: “Rechte müssen nicht nur erkämpft, sondern auch immer wieder verteidigt werden”, so heißt es in der Einleitung, ich ergänze: sonst ist es mal eben wieder weg, manchmal sogar ohne dass eine* was gemerkt hat… Illustration-2_Darum-Feminismus

Ziel des Buches

Die Herausgeber*nnen haben festgestellt, das es in feministischen Kreisen über die Jahre vielfach vorgekommen ist, dass Vertreter*nnen verschiedener Richtungen einander den Sinn der jeweils anderen Position aberkannt haben. Dies finden sie “wenig wertvoll” und sie wünschen sich, dass dieses Buch dazu beitragen möge, aufmerksamer miteinander Gespräche zu führen. Sie versuchen mit diesem Buch darüber hinaus zu erreichen, dass nicht mehr nur im Rahmen von “Machbarkeit” gedacht wird, sondern dass es darum geht, neue und andere Meinungen zu entwickeln, in einem wieder neu geschaffenen Raum, mit Aktionen, Auseinandersetzungen um Selbstbestimmung, mit Perspektiven(wechsel) und Utopien.

Dazu schildern die Herausgeber*nnen ihre eigene Position: Feminismus richte sich insgesamt gegen Herrschaft, Ausschließung und Unterdrückung und gegen die Verhältnisse, die soetwas nicht verhindern. Nichts Gutes finden sie an Feminismen, die sich zum Beispiel in den Dienst von Rassismus, Krieg und Militarismus stellen. Die Verteilung von Ressourcen und die Möglichkeiten an sie ranzukommen sind dabei ein wichtiges Augenmerk. In diese Forderung beziehen sie selbst sich ein: “Als Weiße versuchen wir, die Rassismuskritik auch auf unsere eigene machtvolle Position wirken zu lassen, als sozial Privilegierte auch gegen unsere eigenen Privilegien zu agieren.” Das genau ist einer der wichtigen Punkte, denke ich, für den es sich lohnt zu üben, denn indem manche feministische Bewegungen vielfach ausgeschlossen haben, haben Aktivist*nnen sich und ihrem Anliegen meist geschadet.

Eine Liebeserklärung

“Für uns ist dieses Buch auch eine Liebeserklärung an feministische solidarische Auseinandersetzungen”, schreiben die Herausgeber*nnen. Sie möchten, dass das Buch anregend ist für alle, “die lange nicht mehr die explizite feministische Perspektive ihrer politischen Arbeit diskutierten“. Ich fühle mich direkt angesprochen, auch das “Du” gefällt mir, weil es mich anregt, Gespräche zu eröffnen. Bei mir zeigt das Buch schon jetzt Wirkung. Ich sehe Räume vor mir, die für neue feministische Aushandlungen offenstehen, ich meine: hoffentlich allen.

Jetzt gibt’s in kompakter Form die Leckerbissen aus den 25 Beiträgen dieses Buches, die ich allesamt pikant und nahrhaft finde.

Sich nicht arrangieren

Lizenz: cc0 public domain

Lizenz: cc0 public domain

Einen roten Faden habe ich gefunden, einen der vielen möglichen auf diesen 280 Seiten. Manchmal fand ich meinen Faden auf jeder Seite, manchmal war er eher meliert, manchmal war es knalliger, das Rot. Was sagte mir mein Faden? Wie toll es sein kann, sich nicht zu arrangieren, sich mit anderen zusammenzutun, um sich nicht schon irgendwie zu arrangieren: Nein! Nicht mit dem herrschenden Militarismus, dem alles untergeordnet werden soll, nicht mit Kriegstreiberei, deren Ziel es ist, das Patriarchat wieder fester in den Sattel zu bringen, nicht mit den Ausgrenzungen und dem Menschenhass des Raubtierkapitalismus, nicht mit sexistischer Ausbeutung, nicht mit den Normen, die mich auch körperlich zu drangsalieren vermögen, nicht damit, mich im öffentlichen Raum einschänken zu sollen, bitte auch kein Arrangement zu treffen, so irgendwie, mit dem eigenen Rassismus, und auch nicht mit Männern, die sich politisch fortschrittlich vorkommen und jämmerlich greinen, wenn sie von ihren Privilegien welche abgeben müssen, damit es endlich allen besser geht. Zu diesem letzten Punkt gleich das erste Zitat, aus einem der beiden Artikel gegen Militarismus: ”Wie einfach wäre es, wir würden alle Männer zwangsweise von ihren Tätigkeiten freisetzen und sie zum Nichtstun verpflichten. Wir hätten weniger Arbeit, nicht mehr. Es scheint zu einfach, um wahr zu sein.” (S. 103) und: “Heute sind 90 Prozent der Kriegsopfer Zivilist_innen, d.h. Es ist sicherer Soldat zu sein als eine Frau … Krieg schafft ebensowenig Frieden wie es Frauen befreit.” (S. 101)

Wie geht das nun, sich mit üblen Verhältnissen nicht irgendwie zu arrangieren?

Reich werden an Perspektiven

Die 25 Beiträge des Bandes bieten viele Aspekte und Argumente an. Manche Texte sind Interviews, manche schildern Aktionen und bringen ein Fazit dazu, manche sind Erlebnisberichte aus geschlechtergemischten politischen Gruppen, manche sind sprachlich einfach, manche komplizierter, so dass das Lesen langsamer geht, auch ok. In allen Beiträgen fand ich Überlegungen und Einsichten, die ich garantiert vorher nicht hatte, zum Beispiel was für eine paradoxerweise machtvolle Aktion es wäre, bei einer militaristischen Veranstaltung ne Menge rosa Deko aufzufahren.

Räume schaffen und erweitern

Feministische Raumnahme durch den Hamburger Slutwalk am 13.8.2011 kommt auch zur Sprache (S. 271-280) und dieser Aktionsbericht hat zumindest meine Sicht auf die Welt um wichtige Facetten bereichert: dass Kleidung, die ich selbst nicht tragen würde, für andere genau richtig sein kann und der freizügigen politischen Seele gemäß. Es geht um “Praxen der Selbstermächtigung gegen sexualisierte Übergriffe und deren Verharmlosung“. Selbstermächtigung als wichtiges Zeichen, denn “stets haben Betroffene mit Leugnung und Bagatellisierung zu kämpfen”. Ziel der Slutwalks, die bereits in vielen Städten und Ländern stattgefunden haben, ist klarzumachen: “Die Schuld für einen Übergriff trägt nie die betroffene Person, sondern immer der Täter.” Daher weist das Motto der Slutwalks darauf hin, dass Frauen sich so anziehen wie sie wollen und eben Männern gesagt werden muss, dass sie mit ihren Übergriffen aufhören sollen. Feministische Raumnahme, so Jana M., Anna R., Fanny A. und L. für das Hamburger Slutwalk-Bündnis, bedeutet demnach auch, sich Zuschreibungen und Klischees so anzueignen, dass sie emanzipativ sind, das heißt: Sie können dann umgedeutet werden und damit widerständig und selbstbestimmt zum Einsatz kommen. Bei Slutwalks zum Beispiel.

Lizenz: cc0 public domain

Lizenz: cc0 public domain

Suchen, was mir besser passt

Darum Feminismus! Viele der Beiträge erzählen von Gelegenheiten und Beispielen, in denen Normen abgelegt wurden, um was zu finden, was besser passt oder freier macht. Wie ich meine Norm des Weißseins ablegen kann – könnte – das habe ich mir beim Lesen des Interviews mit Nissar Gardi überlegt. Sie sagt: “Für mich beinhaltet die Markierung der Weißen Normalität eine Widerstandspraxis.” (S. 67-76) Also überlege ich: sehen lernen und spüren lernen, wie weiß ich als Weiße bin, wenn ich meine eigene Hautfarbe nicht als solche sehe. Besser passt es mir, so hoffe ich eines Tages sagen zu können, dass ich meine eigene Perspektive öfter mal aus dem Zentrum rausnehme. Diesen Ort habe ich mir für meine Perspektive ohnehin nur herbeikonstruiert. Statt dessen möchte ich besser spüren können, wo ich mich nur meiner eingeübten Abwehrpraktiken bediene (ich bin doch gar keine Rassistin…) und eben deswegen anecke – hier sollte ich mich lieber mal selbst bewegen und auf diese Weise entdecken, was mir besser passt!

Beziehungsweisen

Apropos Normierungen: Mein roter Faden tauchte auch in den Beiträgen zur Gestaltung von Beziehungen wieder auf, und zwar in Form eine Frage: “Normierungen im Alltag helfen uns, so schön einfach in Schubladen zu denken und weniger infrage zu stellen. Entscheidungsstrukturen, Rollen, Verhaltensweisen, gut und schlecht, sind eben schon vorgegeben und müssen nicht mehr selbst überlegt und/oder mit anderen Beteiligten ausgehandelt werden. Aber was ist denn dann, wenn meine Vorstellungen von Beziehungen nun nicht in eines der Pakete passen?” (S. 255) Vorschlag dazu: “Wir können weitere Orte für Zwischenmenschlichkeit neben romantischen Beziehungen und traditionellen Familienstrukturen schaffen.” (S. 255) Eigentlich ist mir das klar, ich denke spontan an sowas wie das LFT zum Beispiel, und es ist sicher gut, von Zeit zu Zeit zu prüfen, ob mir diejenigen “Paketlösungen”, mit denen ich mich gewohnheitsmäßig umgebe, wirklich passen. Dann geht es daran, neue Aushandlungen zu tätigen, so Maren Lange, die Autorin dieses Beitrags, und dabei auch zu fragen: “Wie kann die eigene Perspektive berücksichtigt werden? An welchen Stellen spielen meine Privilegien eine Rolle? Aus welcher Perspektive spreche ich?”

Feminismus und Antifa

Lizenz: cc0 public domain

Lizenz: cc0 public domain

Ein Großteil antifaschistischer Arbeit wird von Frauen gemacht, sei es in der Gewaltprävention, sei es in der Jugendarbeit, in Aussteigerprogrammen oder in antifaschistischen Gruppen, die oftmals geschlechtergemischt sind. Zwei Artikel des Bandes, der eine von Affront, den Herausgeber*nnen, der andere von “einigen Antifaschistinnen aus verschiedenen Städten in NRW”, befassen sich mit Antifaschismus. (S. 111-127) Mir scheint, dass die Aussagen in beiden Artikeln fantastisch geeignet wären, in Gruppen diskutiert zu werden, die sich gegen Rechts engagieren, egal wie sie aktiv sind und wo nun genau. Meinen roten Faden sehe ich an der Stelle wieder auftauchen, wo es darum geht, “dass eine Bekämpfung von Neofaschismus und Rassismus ohne den gleichzeitigen Kampf gegen Sexismus nicht viel Sinn” hat. Stimme zu. Warum sollte ich mich mit Sexismus arrangieren, wenn ich was tun will gegen die anderen beiden Übel?

Der Lauf der Zeit

“Alter ist relativ”, schreibt Stefanie Fock in ihrem Beitrag “Normierte Lebenszeit”: “Es erscheint uns oft nur zu natürlich, mit einem bestimmten Alter dies, mir einem anderen genau das nicht mehr zu tun.” (S. 229) Es gibt viele Situationserfahrungen und “Bilder darüber, wie alt jemand mit welchem Alter ist, für wie alt wir jemanden mit einem bestimmten Alter halten, für wie alt sich jemand mit seinem Alter hält.” (S. 229) Es sind Normierungen, die gar nicht sein müssen, behaupte ich. Simone de Beauvoir wird zitiert, die in ihrem Buch “Das Alter” geschrieben hat, dass Menschen auch dann im Alter Menschen bleiben können, wenn sie immer schon als Mensch behandelt worden sind. (S. 230) Was ich auch behaupte, erst recht nach meiner Lektüre des ganzen Buches, ist, dass mein roter Faden ziemlich viel angerichtet hat: Muss es denn so sein? – das ist die Frage, die mich mehr und mehr im Alltag begleiten wird. Und falls mir die Ideen und Antworten dafür ausgehen, nehme ich das Buch wieder zur Hand und lese einfach irgendwo nochmal ein paar Zeilen.

Lizenz: cc0 public domain

Lizenz: cc0 public domain

Viele Möglichkeiten erfinden

Wahrheiten, so heißt es im Ausblick, bedeuten lediglich, dass etwas als gegeben angesehen werden soll. Als herrschende Ordnungen von Wissen sind diese “Wahrheiten” aber nur irgendwann mal mit Macht durchgesetzt worden. Also was Historisches. Das muss ja nicht so bleiben, denn wir können viele Möglichkeiten erfinden, um “unwahre” und wünschenswerte Vorstellungen zu verwirklichen. Die Schritte hin zu Utopien, das seien “kreative […] Zwischenstationen”, wird María do Mar Castro Varela zitiert. (S. 259) Eventuell, so mein Fazit, sind gerade diese die wichtigsten feministischen Bewegungspunkte überhaupt. Eben auch darum Feminismus!

Dieser Beitrag entstand für escape – hamburgs magazin für lesben, Ausgaben April und Mai 2012 (print only).