Ganz überraschend kam das nicht, erschreckend dennoch: Curve Magazine, lesbisches Leitmedium weit über die USA hinaus, gibt seine Unabhängigkeit auf und verkauft sich nach Australien. 20 Jahre haben Frances Stevens und ihre Mitstreiterinnen durchgehalten, haben sich vom lesbisch-feministischen Kollektiv zu einer professionellen Redaktion gewandelt, haben zehnmal Wie alles anfing: Die Startnummer von Deneuve, dem Magazin, aus dem später Curve wurdejährlich ein Hochglanzmagazin auf die Beine gestellt, das von Lesbenpolitik über Mode und Klatsch bis zu Kultur und Lebenshilfe einen guten Teil dessen abdeckt, was Lesbe braucht.

Rückblick auf 20 Jahre

Erst im August hatte Kathy Belge mit Herausgeberin und Gründerin Frances Stevens über ihr Fazit nach 20 Jahren Curve Magazine gesprochen:

„Wir wollten die Lesbenszene einen: unsere Ähnlichkeiten feiern, unsere Unterschiedlichkeit und unsere Errungenschaften. Wir wollten die Frauen in unserer Szene anerkennen. Unsere Leserinnen weiterbilden und informieren. Stereotypen über Bord werfen und Frauen deutlich machen, dass du du selbst sein kannst, individuell, und dich nicht vom Medien-Mainstream in eine Schublade stecken lassen musst. Nun, 20 Jahre später, liegen die Dinge ganz anders und wir sind weit gekommen. Wir haben unser Coming Out früher und wir ziehen Stolz daraus wer wir sind und wen wir lieben. Ja, wir haben die Ziele erreicht, die wir uns mit dem Magazin ursprünglich gesetzt hatten, aber so lange wir noch keine gleichen Rechte und vollständige Anerkennung erreicht haben, werden wir als Community nicht komplett erfolgreich sein.“

Wie es aufhört: Die letzte Curve-Ausgabe mit dem alten Team, November / Dezember 2010Die Oktober-Ausgabe war dann auch mit Blick nach vorwärts ebenso wie zurück eine vollgepackte  Special 20th Anniversary Collector’s Edition. Unter Herausgeberinnenschaft von Curve-Mitgründerin Frances Stevens wird noch eine November/Dezember-Doppelausgabe erscheinen.

Lesbische Ökonomie in der Wirtschaftskrise

Curve Magazine wurde, das hat Chefredakteurin Diane Anderson-Minshall in den letzten zwei Jahren immer wieder betont, von der Wirtschaftskrise heftig getroffen: Anzeigen blieben weg und viele Leserinnen konnten sich das Blatt schlicht nicht mehr leisten:

„Ein weiterer wirtschaftlicher Faktor mit dem Curve sich auseinanderzusetzen hat ist, dass in den letzten Jahren viele andere LGBT Publikationen von den Zeitungsständen verschwunden sind. Man könnte denken, dass das gut für den Umsatz der verbleibenden ist. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die starke Präsenz im Zeitschriftenladen – ein großer Block von lesbischen und schwulen Magazinen – schwindet mehr und mehr und Leserinnen haben Schwierigkeiten, uns im Zeitschriftenregal überhaupt wahrzunehmen. Außerdem, je weniger Wettbewerb es gibt, desto mehr Anzeigenkunden machen sich Sorgen über den Markt, und dann machen sich die Leserinnen Sorgen, dass es das Magazin möglicherweise nicht mehr lange genug gibt, um ihr Abo bis zum Schluss auszuliefern, zumal niemand in dieser wirtschaftlichen Situation  unnötige Ausgaben riskieren will. Das wird eine Abwärtsspirale sein, basierend auf Sorgen und auf Unsichtbarkeit.“

Offiziell gibt Herausgeberin Frances Stevens gesundheitliche und familiäre Gründe für den Verkauf an. Sie wird lediglich die Curve-Partnerinnenvermittlung behalten und sich aus dem Magazin völlig zurückziehen.

Auch Chefredakteurin Diane Anderson-Minshall verlässt das Blatt, neue Chefredakteurin ist Merryn Johns, die bereits jetzt Redakteurin der australischen Magazine LOTL und BOUND ist.

Wird der L-Markt von Australien aus aufgerollt?

Neue Curve-Eignerin ist Avalon Media. Das australische Unternehmen gibt unter anderem das internationale englischsprachige Lifestyle-Magazine BOUND heraus, außerdem LOTL (früher Lesbians on the Loose), das meinungsführende australische Lesbenmagazin, das ebenfalls gerade 20jähriges feierte.

Curve soll als Marke erhalten bleiben und das Unternehmen beabsichtigt, Büros in Sydney und in New York City zu unterhalten. De facto dürfte das darauf hinauslaufen, dass die gesamte Westküsten-Redaktion, die das Blatt von San Francisco aus gestaltet und gefüllt hat, ausgetauscht wird.

Die neue Herausgeberin heißt Silke Bader, gebürtige Stuttgarterin und 1989 nach Australien immigriert. 1999 übernahm sie Avalon Media und machte aus dem lokalen Lesben-Newsletter Lesbians on the Loose eine in ganz Australien vertriebene professionelle Zeitschrift. Im Dezember 2009 landete sie mit der Gründung von BOUND einen Coup und ein Jahr später nun kommt mit Curve einer der Top Namen in der lesbischen Medienlandschaft hinzu:

„Avalon Media ist außerordentlich stolz darauf, neue Besitzerin von Curve zu sein. Ich bewundere die Arbeit von Frances Stevens und ihrem engagierten Team schon lange. Es ist eine der führenden Lesbenzeitschriften weltweit und wir wollen ihr Wachstum und ihr Überleben sicherstellen, ganz besonders in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten.“

Globalisierung in der lesbischen Welt

Ob es gut ist, den Markt für lesbische Publikationen zu konzentrieren und zu globalisieren hängt wohl von der Perspektive ab. Jedenfalls entfernt sich das gedruckte lesbische Wort von seinen Anfängen, und die Erwartungen der FrauenLesbenBewegung der 1970er und 1980er an eine neue lesbische Kultur, an einer lesbischere, feministische, gleichberechtigte Welt, die von den Gründerinnen-Kollektiven aufgestellt wurden, sind vom gelebten Alltag zur dokumentierten Geschichte geworden. Wenigstens ist es gut dokumentierte Geschichte.

Curve war über lange Zeit ein unglaublich erfolgreiches Magazin mit starker und parteilicher lesbischer gesellschaftspolitischer Ausrichtung. Aber nicht einmal Curve konnte die eigene Leserinnenschaft in dem Maß an das Blatt binden, dass es selbständig weiter existieren kann, dauerhaft gute Arbeitsplätze für Lesben schaffen und auf festen wirtschaftlichen Füßen stehen. Einen ganz beträchtlichen Anteil am Niedergang lesbischer Unternehmen haben Lesben selbst, das ist eine Frage von Wirtschaftskraft von Frauen, aber auch eine Frage von Prioritäten und von persönlicher und gesellschaftlicher Souveränität.

Weil es um mehr als nur eine Zeitung geht ist, bei allem Optimismus, Wehmut über den Verkauf von Curve schon angesagt. Bereits die aktuelle Ausgabe wurde nicht mehr in der typischen schwarzen Plastikverpackung aus Kalifornien geliefert, sondern im weißen Umschlag aus Neuseeland. Abschied braucht Symbole.

Tschüß, Curve, du warst schön, wild und gefährlich. Wir werden dich vermissen.

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Links und Quellen:

  • Curve Magazin, curvemag.com
  • Avalon Media, avalonmedia.com.au
  • Kathy Belge: After 20 Years, Will Curve Magazine Survive?, Interview mit Frances Stevens und Diane Anderson-Minshall, lesbianlife.about.com, 5. August 2010
  • Curve Magazine Under New Ownership, Presseerklärung vom 12. Oktober 2010