Gesundheitsminister Philip Rösler macht Schlagzeilen mit der liberalen Gesundheitsprämie, mit der Kopfpauschale und mit seinem Glauben an die Kraft des Marktes. Bei all dem Getöse kommen die leisen Töne zu kurz. Das Bundesgesundheitsministerium durchforstet zurzeit den gesamten verstaubten Katalog der zugelassenen Medikamente und der erstattungsfähigen Therapieformen.

Wenn man sich erstmal damit beschäftigt kommt zu Tage, was für männliche Denkstrukturen den heutigen Behandlungsformen zu Grunde liegen,

sagt Synje V. , die bis vor kurzem im Ministerium für Abrechnungsbetrug zuständig war und jetzt zu dem kleinen, hoch kompetenten Team gehört, das sich um die längst überfällige Modernisierung des Leistungskatalogs kümmert.Therapeutinnen setzen auf den Weg des Blatts

Ich hätte bisher gedacht, dass wir für Lesben viel erreicht haben, auch medizinisch. Schließlich ist Homosexualität schon lange aus dem Katalog der psychischen Erkrankungen gestrichen. Es gibt Frauengesundheitsangebote, gegenderte Suchthilfe und so weiter. Die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ist immerhin eine gestandene Feministin, ebenso ihre Vorgängerin Andrea Fischer.

Tatsächlich sind lesbenspezifische Belange nur in einem Bruchteil der Fälle betroffen, die die Fachleute beleuchten und neu bewerten. Eine Maßnahme sticht dennoch heraus. In der vergangenen Woche fand der abschließende Begutachtungs-Workshop mit Frauengesundheitsexpertinnen statt. Vereinbart wurde eine moderne Therapieform, die nun Eingang in den Katalog der erstattungsfähigen Leistungen findet: Cannabis als unterstützende Medikation bei Coming Out Schwierigkeiten.

Mit dabei war Therapeutin Maja K. , die sich seit Jahren für den Einsatz sanfter Pflanzenmedikamente in solchen Fällen einsetzt:

Es ist richtig, dass Homosexualität nicht mehr als psychische Erkrankung angesehen wird. Das war ein wichtiger und befreiender Schritt. Nach dem digitalen patriarchalen Prinzip sind wir dabei aber viel zu weit gegangen. Im Wandel, wie wir das so genannte Coming Out lieber bezeichnen, erleben viele Frauen Brüche ihrer früheren Identität, die sie traumatisieren können. Es gibt nicht nur das eine oder das andere. Eine Frau sehnt sich nach den Sphären des Unbestimmten, nach dem Nebel, der einen Übergang als Werden gestaltet, nicht als Explosion. Das Zentrum einer gelungenen lesbischen Initiation ist nach wie vor der therapeutische Prozess mit Gesprächen und wertschätzender Zuwendung. Kräuter werden seit der Zeit der weisen Heilerinnen unterstützend eingesetzt und die anstehende Freigabe von Cannabis wird dazu führen, dass viel mehr Frauen den Schritt zum lesbischen Ichwerden gehen.

Rechtlich ist die Situation kompliziert. Cannabis selbst in Kräuterform ist für medizinische Zwecke nicht zugelassen, lediglich in standardisierter Form, oft als Auszug. Es wird bereits jetzt bei mehreren Krankheiten eingesetzt. So nutzen appetitlose Aidskranke die appetiterhöhende Wirkung, Krebskranke in der Chemotherapie senken ihre Übelkeit und Menschen mit grünen Star – bei dem es übrigens auch häufig zu Regenbogenerscheinungen kommt – nutzen die Nebenwirkung, dass der Augeninnendruck gesenkt wird. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Anwendungen mit jeweils eigenen Varianten des Medikaments. Auch für lesboaffine Zwecke wird eine besondere Form zur Anwendung kommen.

Das Wundermittel zur Erleichterung des lesbischen Coming Out Prozesses

Die Expertinnen rechnen mit einer Verdopplung der Lesbenfälle. Eine spannende Frage ist dabei, ob das neue Therapieangebot mittelfristig zur Kostenersparnis beiträgt oder ob vielmehr teure Langzeitbehandlungen nach dem Psychotherapeutengesetz zunehmen.

Aus Gender-Gesichtspunkten ist die neue Maßnahme nur fair, wenn man bedenkt, wie viel Auftrieb schwule Lebensweisen durch das Vorbild des Bundesaußenministers erhalten. Auf längere Sicht könnte die stärkere Repräsentation von Lesben in bedeutenden gesellschaftlichen und politischen Positionen mehr für lesbisches Selbstbewusstsein erreichen als jeder noch so gut gedrehte Joint.

Daher ist die Gesamtbetrachtung ambivalent. Einerseits hat uns Lesben der Gleicheitsfeminismus nicht wirklich weitergebracht und auch Barbara Gittings, Vorkämpferin gegen die Pathologisierung von Homosexualität, kann nicht gewollt haben dass wir leiden. Wenn Frauen nun mal anders sind als Männer sollten sie auch Zugang zu anderen therapeutischen Angeboten haben. Auf der anderen Seite schmeckt der Griff zur Droge nach Defizit, Reparaturbedürftigkeit, Krankheit. Eine breite gesellschaftliche Diskussion ist notwenig, am besten gleich auf dem Lesbenfrühlingstreffen im Mai in Hamburg.

Es bleibt abzuwarten, ob die in Aussicht gestellte Zulassung von Tetrahydrolesbocanibnol mehr ist als eine populistische Eintagsfliege.

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