Christa Reinig ist tot.

„Aber ich bin lesbische Schriftstellerin, so gut wie ich weibliche Schriftstellerin bin, das ist eine Entwicklung“

wird sie von fembio.org zitiert. Und weiter:

„Auch die Umwelt, auf die ich einwirken wollte und die mich geformt hat, verändert sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt so, als hätte ich von Zeit zu Zeit den Planeten gewechselt. Und vor allem: Es änderten sich meine literarischen Kriterien.“

Christa Reinig starb, wie erst heute bekannt wurde, bereits am 30. September. Sie lebte zuletzt in einem Hospiz in München.

Berühmt wurde sie in den 1970er Jahren mit ihrem Roman „Entmannung“, von dem sie sagte, er sei „ihr Weg in die Frauenbewegung“ gewesen. Ein Spruch aus „Entmannung“ schmückte, erinnere ich, noch in den 1980ern die eine oder andere WG-Küchenwand:

Buddha war ... Katholik

Christa Reinigs Outing als Lesbe erreichte 1979 mit „Müßiggang ist aller Liebe Anfang“ auch die Literaturwelt und spätestens ihr Matriarchatsroman „Die Frau im Brunnen“ von 1984 machte sie zu einer der Literarinnen, die uns Nach-68erinnen dabei geholfen haben, herauszufinden, was die Welt zwischen Spießertum und Terrorismus noch alles für Möglichkeiten bietet – wenn wir sie lassen.

„Die Frau im Brunnen“ ist, finde ich, der feministischste von Christa Reinigs Romanen. Sie überwindet darin männliche Identifizierungen, sie zeigt Sappho, wie wir, die wir damals jung waren, sie in die Reihe unserer Vorfahrinnen aufnehmen durften: stolz, frauenidentifiziert, Frauen liebend.

Radikale Feministin und offen lebende Lesbe wurde Christa Reinig durch den „Ihns“-Prozess gegen zwei junge Frauen in Itzehoe. Die Intimitäten des angeklagten lesbischen Paares waren bald zum Hauptgegenstand des Prozesses geworden und bestimmten maßgeblich das ungewöhnlich harte Urteil. Beide Frauen erhielten lebenslänglich, obwohl sie den Mord nicht selbst ausgeführt hatten und der Ermordete ein Vergewaltiger und Misshandler gewesen war, vor dem sich die Ehefrau in ihre Frauenbeziehung geflüchtet hatte. *

Der Prozess war einer der Kristallisationspunkte der damaligen Lesbenbewegung. Die pure Ungerechtigkeit, das Ausmaß an Diskriminierung, an Verächtlichmachung, an perversem Machotum schockierten selbst gestandene Feministinnen. Damals entschieden sich noch andere dafür,  ihr Dasein als „Dunkellesbe“ (Reinig) hinter sich zu lassen und durch Sichtbarkeit und Solidarität ein für alle mal deutlich zu machen, dass keine von uns allein gelassen wird.

Christa Reinig ereilte das Schicksal, das manche lesbische Feministin nur zu gut kennt: Sie wurde nicht ernst genommen:

In der Kritik spricht man fortan von dem Phänomen der „geteilten Reinig“, der Rezeption vor und nach „Entmannung“. Ihre frühe Schaffensperiode wird von der offiziellen Germanistik überwiegend anerkannt, ihre „Desertation“ zur Frauenbewegung wird hingegen nicht ernst genommen. … Offen bleibt bei dieser Einschätzung, warum man Reinig diesen Vorwurf, sie bediene einseitig feministische Klischees, nicht schon früher machte.“ **

Tja, vorher war sie eben auch nicht offen lesbisch.

Ich las in diepresse.com, dass Christa Reinig anonym bestattet werden sollte. Ob sie sich das gewünscht hat? Oder ob man im Hospiz dachte, es gebe niemanden?

Audiolink:

Deutschlandradio: Ruhelose Dichterin der Zukunftssachlichkeit – Nachruf – Gespräch mit Annett Gröschner über Christa Reinig, 6.10.2008

Quellen:

* vgl. Sibylle Scheßwendter, Darstellung und Auflösung von Lebensproblemen im Werk: Christa Reinig, Dissertation, Kassel 2000

** Klaudia Heidemann-Nebelin, Christa Reinigs schwarzer Blick, in: Rotkäppchen erlegt den Wolf, Marie-Luise Fleißer, Christa Reinig und Elfriede Jellinek als satirische Schriftstellerinnen, Bonn (Holos) 1994, S. 105 – 193, zitiert nach Sibylle Scheßwendter, Darstellung und Auflösung von Lebensproblemen im Werk: Christa Reinig, Dissertation, Kassel 2000, S. 71

Petra Mayerhofer, Christa Reinig, feministische-sf.de