Ein Gastbeitrag von cb
Carolin Emcke, By Carolin_Emcke.jpg: Amrei-Marie derivative work: Parzi (This file was derived from:  Carolin_Emcke.jpg) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia CommonsFließend und assoziativ.

Carolin Emcke, Jahrgang 1967, ist als politische Journalistin und ZEIT-Autorin bekannt, sie hat u.a. Reportagen aus der islamischen Welt und zur RAF geschrieben. Als Publizistin und Philosophin ist sie eine Frau, die gern denkt; an diesen Denkprozessen lässt sie uns teilhaben. Nun legt sie ein sehr persönliches Buch vor.

(cb) – Es handelt sich um eine Mischung aus autobiographischen Notizen und essayistischen Gedanken, ein autobiographisches Essay sozusagen. Der Buchtitel nimmt den altmodischen Begriff des Begehrens auf und unterscheidet sich damit wohltuend von der aktuellen gesellschaftlichen Wortwahl der sexueller Identität oder sexueller Orientierung.

Damit ist auch gleich eine andere Erlebnisqualität angesprochen: die der Gefühlshaftigkeit, des Sehnens, des Gespürt-unbestimmten, des Unsichtbaren, was sich prozesshaft erst formulieren kann. Genau dies beschreibt die Autorin rückblickend und reflektierend für ihre eigene Entwicklung zu einer lustvoll und sichtbar gelebten Homosexualität.

Carolin Emcke, Wie wir begehren, bestellen über Konnys Lesbenseiten, lesben.orgDrei Handlungsstränge werden dabei miteinander verwoben. Einmal die Erfahrungen der Autorin als reisende Journalistin mit geschärftem Blick für Geschlechterfragen auch in anderen Teilen der Welt, wo Definition und Normierung von Geschlecht erheblich einschränkender wirken als hier in Deutschland, bis hin zur Bedrohung des eigenen Lebens.

Dann die Beschreibung ihrer Jugend in den 70iger und 80iger Jahren im Kontrast zu einem Schulkameraden, der sich als Jugendlicher das Leben nimmt. Kontrastierung ist ein wesentliches Stilmittel der Autorin, um sich mitzuteilen. Dies entspricht der Erfahrung vieler später lesbisch oder schwul lebenden Menschen, sich zunächst einfach anders als Andere zu fühlen, ohne das für sich selbst füllen zu können.

Carolin Emcke konzentriert das in dem Satz „Wer könnten wir sein, wenn wir anders sind als die Norm?“. Sie beschreibt ihre eigene Identitätsentwicklung beispielhaft als dialektische Bewegung zwischen Ein- und Ausgeschlossen-Werden, sich beziehen und verweigern, aber eben auch als leidvolles, widerstandauslösendes Normiert-Werden. Dies spiegelt sie am gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität in der Öffentlichkeit, der eben auch zurückwirkt auf das eigene Erleben. Sie beschreibt, wie Außenseiter zunächst markiert und dann als solche definiert werden. Die beschriebenen Überlegungen haben auch für Heterosexuelle Gültigkeit, werden aber, weil hier von Normalität ausgegangen wird, selten thematisiert, der geläufige „heterosexuelle Filter“ nicht in Frage gestellt. Natürlich werden auch sehr individuelle Gegebenheiten geschildert (so wäre sicher einiges anders, wenn die Autorin sich mehr als Teil einer Mädchengruppe gefühlt hätte oder als junge Erwachsene die feministischen Texte zum weiblich-lesbischen Begehren gekannt hätte), das kann Aufgangspunkt für Vergleiche mit dem selbst Erlebten sein. Das Besondere ist, dass sie bei allem gesellschaftlichen Bezug immer ihre innere Erlebnisperspektive mitteilt und auf diese Weise nah kommt. Die Autorin spricht sich für eine ganz aktive Lebenshaltung aus, ein aktives Sich-Aneignen und Gestalten der gesellschaftlichen Situation, wie immer möglich. Hierzu passt, dass sie Homosexualität als Wahl beschreibt, nicht als biologisch determiniert- eine derzeit unpopuläre These.

Der dritte Strang schildert ihr inneres Erwachen durch die Musik, weil sie hierüber erst eine Verdeutlichung ihres Spürens, ihrer Wahrnehmung und mehr noch, eine Sprache für ihr Begehren, findet, jenseits der Einflüsse von außen. Besonders anschaulich beschreibt sie dies am Beispiel der Polyphonie in der Musik, die für sie genau jene „Weite des Horizonts“ bereithält und darstellt, die das Entstehen und Wahrnehmen eigenen Begehrens benötigt.

Das Buch verzichtet auf klare Kapiteleinteilungen, es besteht aus unterschiedlich langen Abschnitten.

Neben der vorgeschlagenen Leseweise sind also auch andere Reihungen möglich, was das Fließende und Assoziative des Textes unterstützt. Dazu trägt die einerseits klare, andererseits aber auch sinnlich-poetische Sprache wesentlich bei, die dem Text Rhythmus gibt und die Leidenschaftlichkeit vermittelt, mit der die Autorin schreibt. Dieser ist es gelungen, ein zugleich politisches und sinnliches Buch zu schreiben. Wie sie das macht, und sich davon berühren zu lassen, ist ein großes Lesevergnügen.

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