Hallo, schöne Schwestern, hier schreibt Sylvia.
Dieser LFT ist sehr viel politischer als die LFTs der letzten Jahre. Ein Schwerpunkt ist Südafrika.
Die Veranstaltung hieß „Act-to-end-hate-Kampagne“ – Gewalt an Lesben in Südafrika. Vortragende war Phumi Mtetwa, Geschäftsführerin vom „Lesbian and Gay Equality Project“ (nachfolgend LGEP genannt) aus Johannesburg. Phumis Besuch geht auf eine wohl sehr gute Zusammenarbeit der LFT-Orga mit der Frauenstiftung FILIA zurück. FILIA hat Phumi eingeladen und finanziert wohl auch den Besuch und Vortrag. Aus dieser Einladung für den LFT ist wohl eine regelrechte Vortragsreise geworden. Es gab schon Vorträge in Frankfurt und München (zum Kirchentag); weitere folgen in Köln und nochmal in Bayern.
Die LGEP existiert seit 2007 und entstand aus einer Gay+Lesbian-Koalition, die an der Verfassung mitgewirkt hatte.
Nun zum Inhalt des Vortrags:
1996 erhielt die Republik Südafrika die fortschrittlichste Verfassung der Welt. Im Wissen darum, ist es für viele Europäerinnen schwer vorstellbar, dass Südafrika die weltweit höchste Rate von Verbrechen gegen Frauen hat. Sogenannte „Hassverbrechen“ sind ein großes Problem. In diesem Zusammenhang muss hier der abscheuliche Begriff „Korrektur-Vergewaltigungen“ genannt werden. Sie richten sich hauptsächlich gegen „erkennbar“ lesbische Frauen (butches) und gegen erkennbar schwule Männer (feminine Typen), also gegen sichtbar nicht gender-konforme Menschen. Meist sind es Mehrfach-Vergewaltigungen, oft enden sie mit dem Tod des Opfers. Täter sind fast immer junge schwarze Männer zwischen 16 und 30. Tatorte sind die Townships. Exemplarisch sei hier das Verbrechen an Eudy Simelane, einer Fußball-Nationalspielerin, genannt. Sie war weithin bekannt und beliebt und wurde besonders brutal ermordet. Der Gerichtsprozess gegen die 5 Angeklagten war der allererste Prozess um ein Verbrechen gegen Frauen, der überhaupt abgeschlossen wurde (3 Freisprüche, 1x 32 Jahre und 1x lebenslänglich). Die LGEP hat viele Fälle dokumentiert. Die meisten Verfahren wurden bald eingestellt, weil sich –nach Angaben der Polizei- nicht ausreichend Spuren finden ließen oder weil sich der Verdächtige vermeintlich selbst getötet hatte.
Phumi sagte ausdrücklich: Südafrika befindet sich seit 600 Jahren im Krieg, im Kampf gegen das Anderssein (Kämpfe unter den vielen Ethnien und Stämmen, Kampf gegen Apartheid). Dieser Krieg bringt eine brutalisierte, traumatisierte Gesellschaft hervor. Armut, hohe Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit tragen aktuell dazu bei. Weitere Gründe sind zunehmend christlicher und traditioneller Fundamentalismus und zunehmend konservative Moralvorstellungen – auch und gerade unter Schwarzen.
Es gibt keinen sicheren öffentlichen Raum. Öffentlichkeitsarbeit ist für den LGEP schwierig. Der berühmte ANC ist durchaus nicht als progressiv zu bezeichnen. Der derzeitige Präsident der Rep. Südafrika gesteht freimütig, dass er schon Frauen vergewaltigt und Schwule verprügelt hat – und nichts geschieht.
Leider erfahren die schwarzen Lesben wenig bis keine Unterstützung von weißen Lesben. Das Problembewusstsein fehlt. Der verinnerlichte Rassismus und ein unreflektiertes Klassendenken führen zu unsolidarischem bis ignorantem Verhalten. Dazu kommt, dass es für weiße Lesben tatsächlich sehr gefährlich wäre, abends zu einem Aktivistinnentreffen in ein Township zu gehen.
Phumi hat ein Grundproblem sehr treffend formuliert: „There is an absence of progressive movement“.
Diese Veranstaltung hat mich zutiefst entrüstet und erschüttert – so sehr, dass ich das anschließende Workshop nicht –wie geplant- besucht habe, einfach weil mir nun wirklich nicht der Kopf danach stand. Der Vortrag wurde von ca. 150-200 Lesben besucht.
Die Lesben des LGEP erhalten einen Teil eventueller Überschüsse des LFT als Spende. Darüberhinaus kann bei FILIA und beim LSVD für LGEP gespendet werden.