Joan Nestle: The Persistent Desire. A Femme Butch ReaderSo wie die Butch Gender dekonstruiert, konstruiert die Femme Gender. Sie setzt ihre speziellen Anteile dessen, was „Frau“ sein ausmacht zusammen zu einer Identität, die sie lieben und leben kann.

schrieb Joan Nestle, eine der Wegbereiterinnen lesbischer Identitäten, in ihrem Vorwort zu „The Persistent Desire“ (~ beharrliches Begehren), 1992 erschienen.

Ein Spielplatz, auf dem sie herausfinden kann, welche Art von Feminität die ihre ist, nennt Marie im Filmprojekt „The Persistent Desire“, 2009, ihre Femme-Identität. Und Judith Halberstam (Videoclip oben) wendet sich im selben Film – mal wieder – gegen die Vorstellung, Femme und Butch als Gender  spiegelten die heterosexuellen Normen der Mehrheitsgesellschaft. Im Gegenteil, sagt sie, vielmehr handele es sich um so etwas wie Geschlechterdifferenz ohne Hierarchie.

Schön ironisch kann sowas sein:

Bei dem Hetero-Reproduktionsvorwurf hilft – vielleicht – die gute alte Frage, wer spricht und von wo aus. Irritierend, wenn’s Personen sind, die sich als lesbisch indentifizieren: Warum denken die so ununterbrochen über Männer nach, dass sie alles darauf überprüfen müssen, ob vielleicht etwas da ist, was ihre Fantasien über Männlichkeit trifft?

Mal ein Beispiel: Als Konny kürzlich das „Femme“-Buch von Sabine Fuchs bei L-talk vorstellte, kam überhaupt nichts über Männer in ihrem Beitrag vor. Im Buch übrigens auch nicht – es gibt Bezüge auf Judith Butler, Susie Bright und Pat Califia – dennoch provozierte schon die Buchvorstellung einen Kommentar von Claudia:

Das Buch ist interessant, bleibt aber meiner Meinung nach immer noch zu sehr im heterosexuellen Mann-Frau, Butch-Femme Dualismus verhaftet.

Wer profitiert davon, aus jeder Differenz, auch aus differentem Begehren, eine Mann-Frau-Geschichte zu machen? Und wer gerät in Gefahr, wenn Lesben, lesbische Paare, sich von einer doppeltes Lesbchen oben ein Sack unten ein Sack und dazu ein Paar vernünftige Schuhe Performance absetzen? Und woher das Reflexhafte? Xenophobie?

Das ist, als könne alles, was anders ist, nur männlich = schlecht = gefährlich sein. Und als sei, wie im heterosexuellen Mainstream (welchem davon?), der Mann Maß aller Dinge, an dem jede und jedes gemessen wird.

Ganz offen: Um Männerfragen geht’s in Butch-Femme-Diskursen sehr selten. Öfter dagegen in Diskursen Anderer über Butch-Femme-Konzepte, auch unter und mit heterosexuellen Frauen und bei der Gewerkschaft. Und es gibt, das hören und lesen Differenzfeministinnen nicht gern,  immer noch die ungelösten Fragen, was eine Frau ist, wie wir dazu kommen, „wir“ zu sagen, wer das sagt und in wessen Namen das jemand sagt: Wer also bestimmt, von welcher lesbisch-feministischen „wir“-Identität aus andere Frauen (?) als Spiegelbild der (?) heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft, als „männlich“ identifiziert und als einen unerreichbaren Zustand Imitierende eingeordnet gehören.

Einigkeit darüber, wer eine Frau, was weiblich, was feministisch ist steht noch aus.

Das ist gar nicht so schlecht – vielleicht taugt das Frau-Konzept so wenig, dass jede angebliche Abweichung das einzige andere Label, „Mann“, bekommen muss!

littlemsteesbutchDie Dekonstruktions-Frage, um auf Joan Nestle zurückzukommen, bezieht sich für Butches auf die Zerlegung eines dualen Systems, nicht auf den Wechsel von einem Zustand in den anderen – das wäre wenig attraktiv und, nebenbei, auch nicht zielführend, wo doch die wunderbarsten, aufregendsten, wildesten und gefährlichsten Lesben auf Butch Lesben stehen und nicht auf Männer. Um das mal pragmatisch zu betrachten, aus einer queeren Freitagabend-Lebenspraxis.

Wenn etwas dran ist, dass es bei dem Vorwurf, heterosexuelle Rollen zu spiegeln, lediglich darum geht, sich selbst durch Ausschluss anderer zu identifizieren, ist das schade, weil es die bestehenden Verhältnisse festschreibt … statt den anderen, die dabei sind, sie aufzulösen, tatkräftig beizustehen oder wenigstens gespannt zuzusehen was da passiert. Und dann sind – wieder einmal – solche, die sich als Avantgarde begreifen, die besten Bewahrerinnen eines Systems, das sie ganz grässlich finden.

Links und Quellen:

  • Lenn Kellers Filmprojekt „A Persistent Desire“, apersistentdesire.com
  • Joan Nestle (ed.): The Persistent Desire. A Femme-Butch Reader, Boston 1992