„Was für eine mutige Frau“ titelte die Bildzeitung am 3.7.2007.

„Beim Bild Sommerfest in Frankfurt zeigte Karin Wolff stolz ihre Lebensgefährtin: Marina Fuhrman, eine Heilpraktikerin.“

Die damalige hessische Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Karin Wolff sollte nicht die letzte sein. Am 13.12.2007 verkündete Bild die „Liebes – Sensation des Jahres“. Anne Will, so das Blatt, “ liebt die schöne Universitätsprofessorin und Kommunikationsberaterin Dr. Miriam Meckel (40).“ Ebenso wie ein halbes Jahr zuvor Karin Wolff war Anne Will offenbar besonders dadurch aufgefallen, dass es in ihrem Leben keinen sichtbaren Mann gegeben habe und dass sie „unser Privatleben privat“ behalten wollte.

Die nächste kam rund zehn Monate später: „ZDF – Moderatorin Dunja Hayali liebt eine Frau“, mit ähnlicher Argumentation:

„Ich gehe gern offen an die Dinge heran. Aber ich bin extrem darauf bedacht, mein Privatleben zu schützen.“

Davor hatte Bild Ulrike Folkerts zwar nicht geoutet, war aber immerhin das Medium, mit dem „die bekennend lesbische Schauspielerin zum ersten Mal über ihre große Liebe“ sprach. Möglicherweise auch, um ihr immerhin 24,90 € teures gemeinsames Buch „Glück gefunden“ zu promoten. Volksmusik-Moderatorin Ramona Leiß, die Frau, die Anfang 2012 lesbische Themen im RTL-Dschungelcamp alltagstauglich machte, outete sich Mitte 2009 in Bild am Sonntag. Am 12.4.2010 sprach sie gemeinsam mit ihrem Sohn Sascha mit dem Blatt über ihr Familienleben als lesbische Mutter:

„Ich hätte es viel früher machen sollen. Es ist so verdammt schade, dass ich mein halbes Leben im Geheimen gelebt habe.“

Und weiter:

„Es war für mich wahnsinnig schwierig. Ich hatte große Angst davor, meinem Sohn zu sagen, dass ich lesbisch bin. Ich hatte große Furcht, Saschas Liebe zu verlieren, wenn ich mich oute.“

Und was würde Sohn Sascha tun, wenn seine Mutter ihn zur Hochzeit einlädt?

“Mir einen schönen Anzug kaufen! Und mich für Sabine und meine Mutter freuen. Ich denke auch schon übers heiraten nach.“

Eigentlich hatten wir L-talks also genug Übung. Wir hatten hier schon öfter darüber geschrieben, dass wir Google Alerts nutzen, um in Lesbendingen auf dem Laufenden zu bleiben. Trotzdem war dieser Alert am 16. Februar 2012 ein Schock: „lesbische Pfarrerin kriegt Baby mit Politikerin“. Unterzeile: „Jetzt werden die lesbischen Frauen Mütter – Eli Wolf ist im 5. Monat schwanger!“ Wenn man die Beteiligten persönlich kennt, ist so eine Bild-Schlagzeile tatsächlich eine ganz andere Nummer!

Gesehen – geklickt war eins. Es folgte eine Home Story:

„Marlis Bredehorst (55, Grüne) ist Staatssekretärin im nordrhein-westfälischen Ministerium für Gesundheit und Emanzipation. Ihre Frau, Eli Wolf (46), ist evangelische Pfarrerin in Frankfurt/Main. Jetzt werden die lesbischen Frauen Mütter – Eli Wolf ist im 5. Monat schwanger! In BILD erzählen die beiden exklusiv die Geschichte ihres einzigartigen Baby-Glücks.“

Die beiden lesbischen Aktivistinnen haben gleich die Gelegenheit genutzt, das Problem Stiefkind-Adoption ins Massenmedium zu bringen. Tatsächlich hat Bild schon einige Male heiße Eisen angepackt – so auch beim Mutter-Sohn Interview mit Ramona und Sascha Leiß.

Bildzeitung als lesbisches Leitmedium

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(Screenshots: bild.de, Einzelnachweise sh. Artikelende)

Wird Bild also das neue lesbische Leitmedium? Sicher lesen sehr viel mehr Lesben Bild als beispielsweise die L-Mag. Und tatsächlich ging das Blatt mit der Eli-Wolf-und-Marlis-Bredehorst Story pfleglich um. Die Berichterstattung traf zu – es gab keine Hinzudichtungen. Der Beitrag wurde vor der Veröffentlichung zum Gegenlesen herübergegeben. Mit dem Interview waren auch politische Botschaften zur Gleichstellung von lesbischen mit heterosexuellen Paaren verbunden. Dennoch … so ganz perfekt fühlt sich diese Entwicklung nicht an.

Es ist also ein einerseits – andererseits.
Einerseits ist es super, dass Lesben vorkommen, sichtbar sind und positiv dargestellt werden – so positiv wie andere Menschen in dieser Zeitung auch. Andererseits scheint das Outing nicht immer ganz freiwillig zu erfolgen. Normalität sieht anders aus.

Begeisterung sieht anders aus

Kaum eine dürfte begeistert sein, wenn ihr mitgeteilt wird, dass die Bild Zeitung beabsichtigt einen Beitrag über sie und ihre Partnerin zu schreiben … und dass sie die Wahl hat, ein Interview mit der Zeitung zu führen oder nicht. In dieser Situation nützt es natürlich, wenn eine sowieso schon überall out ist – wie Marlis Bredehorst und Eli Wolf. Dennoch: Auch Frauen, die völlig entspannt und offen lesbisch sind, wird die Selbstbestimmung über den öffentlichen Umgang mit ihrer Beziehung aus der Hand genommen. Auf Facebook schrieb Eli darüber:

„Bild Düsseldorf hat erfahren, dass Marlis Mutter wird. Da war nur noch die Frage, ob sie schreiben, was sie wollen oder wir es zumindest teilweise in der Hand halten…“

Der Beitrag erschien dann auch in einem Teil der gedruckten-Ausgabe sowie im Internet auf bild.de. Eli Wolf sagt, sie ist richtig zitiert worden und konnte den Beitrag vor der Veröffentlichung gegenlesen – in seriösen Medien wäre das eine Selbstverständlichkeit. Bild.de hatte die Kommentarfunktion deaktiviert, so dass eine Diskussion direkt unter dem Beitrag nicht möglich war. Die fand dann allerdings – mit Bezug auf den bild.de Artikel – an anderen Stellen im Internet statt.

Zitat von der einschlägig bekannten katholischen Seite kre?z.net:

„Homo-Delirium: Eine deutsche Protestunten-Predigerin hat sich wie eine Kuh künstlich besamen lassen. Jetzt erzählt sie herum, daß sie „mit einer Politikerin“ ein Kind bekommen habe.
Das deutsche Schmierblatt ‘Bild’ mußte gestern vor Homo-Irrsinn fast unter das Sauerstoffzelt.
Die Online-Ausgabe des Schmierblatts band seinem Schwachsinn-Publikum den Bären auf, daß die Protestunten-Predigern Eli Wolf (46) mit der Grün-Funktionärin, Genosse Marlis Bredehorst (55), ein Kind gezeugt hätte.
Das Revolverblatt bezeichnet diese Storch-Geschichte als Liebes-Romanze. (…)“

Zu dieser Veröffentlichung gab es 204 Kommentare, die meisten von ihnen in ähnlichem Stil. Die Seite kath.net, eine andere katholische Seite, erzählt den Bildzeitungs-Artikel ohne Polemik nach, erzielt damit jedoch ähnliche Kommentare.

Ausgeliefert? Nein!

Zum öffentlichen Coming Out von Anne Will sagte L-mag Herausgeberin Manuela Kay in der Welt:

„Wir finden es enttäuschend, dass eine anspruchsvolle Journalistin wie Anne Will sich ausgerechnet in einer Boulevardzeitung outet. Sie hätte ein äußerst geschmacksvolles Coming Out haben können.“

Angefragt hatte L-mag bei der Fernseh-Moderatorin, war aber leider mit der Antwort beschieden worden:

„Keine Zeit. Und zwar die nächsten zwei Jahre nicht.“

Und weiter:

„Ich fände es toll, sie mal von lesbisch kompetenter Seite zu befragen. Nicht über ihr Privatleben. Aber ich würde gerne wissen, wie es ist, als lesbische Frau mit der Crème de la Crème des Journalismus zu arbeiten. Warum hat sie sich so lange verleugnet?“

Auch in dieser Frage scheint Deutschland von US-Verhältnissen, wo regelmäßig Promis im führenden LGBT-Mainstream-Magazin The Advocate ihr Coming Out zelebrieren, weit entfernt zu sein. Bei uns scheint es für viele das Massenmedium Bild sein zu müssen.

Mit Bild zu reden oder nicht ist – wie immer – auch eine Frage von Abwägungen. Wenn nichts auf dem Spiel steht außer dem eigenen Stolz, ist Fundamental-Verweigerung bestimmt eine von mehreren vernünftigen Optionen. Wenn eine jedoch in einer mehr oder weniger öffentlichen Position mit Verantwortung für andere Menschen ist, stellen sich mögliche Auswirkungen völlig anders dar. Will eine ihrem Umfeld frei ausgedachte Geschichten erklären müssen? Oder will sie gar ihre rare Freizeit damit verbringen, gegen völlig erfundene Berichterstattung zu klagen – wohl wissend, dass es davon nicht besser wird?

Lantzschi hat bei medienelite.de vor einigen Tagen etwas über den Umgang mit Trollen geschrieben, also mit Leuten, die im Internet beleidigende und belästigende Kommentare schreiben und über die es eine informelle Regel gibt „don‘t feed the trolls“ – frei übersetzt: „Geh nicht auf sie ein, ignorier sie“:

„Offenbar fühlen sich genügend Menschen in irgendeiner Form durch die Äußerungen einiger Feminist_innen derart bedroht und belästigt, dass sie keine Gelegenheit ungenutzt lassen, um im Geheimen oder auch ganz öffentlich für alle einsehbar ihre Verbalattacken loszulassen. Don’t feed the trolls heißt es ja bekanntlich und wer mich kennt, weiß, dass ich von dieser beschissenen Anweisung wenig halte, verlagert sie die Verantwortung zu den Betroffenen.“

Auf den genannten katholischen Seiten haben einige Menschen in ihren Kommentaren dagegengehalten – auch um den Preis, noch deutlich schlimmere Dinge geantwortet zu bekommen. Dennoch haben sie erreicht, dass der Hetze öffentlich widersprochen wurde; sie haben den Eindruck einer einvernehmlichen, intakten, homogenen homophoben Gruppe durchbrochen.

Respekt!

Eli Wolf und Marlis Bredehorst haben, ebenso wie andere Paare, erreicht, dass in einem Massenmedium über Lesben geschrieben wurde, das mit der Berichterstattung über lesbische Themen zunehmend in Übung kommt. Das ist auch keine schlechte Leistung.

Natürlich ist das nicht „normal“. Für Wegbereiterinnen ist jedoch sehr viel nicht normal … diejenige, die sich als erste durch den Dschungel schlägt, bekommt nun mal Kratzer und muss sich von nachfolgenden, die mit mehr Komfort reisen, für ihre Methoden kritisieren lassen. Das war vor wenigen Jahrzehnten bei Frauen der Fall, die Kinder gebaren ohne verheiratet zu sein, oder die als verheiratete Mittelschichtfrau berufstätig waren, oder die ihr Wahlrecht und das anderer Frauen einforderten … Beispiele ohne Ende. Wahrscheinlich wird es auch immer Menschen geben, die wahlweise behaupten können, der Dschungel existiere überhaupt nicht oder man müsse nicht hindurchgehen, sondern beispielsweise außen herum. Das ist aber nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass zwei lesbische Aktivistinnen, die seit sehr langer Zeit glücklich, offen und selbstbewusst lesbisch leben, sich entschieden haben, auf eine bestimmte Weise offensiv und stolz lesbisch zu sein. Dafür verdienen sie Respekt – mindestens aber Solidarität, ganz besonders von denjenigen, die einen anderen Weg beschritten haben, oder auch gar keinen.

Links und Quellen:

  • Lantzschi: Wie wollen wir im Netz füreinander Verantwortung tragen?, medienelite.de, 16. Februar 2012
  • „Mir als Anne Will wäre das peinlich“, Manuela Kay im Interview mit Brenda Strohmaier, 22.11.2007, welt.de

Originalquellen, bild.de

  • über Karin Wolff:
    CDU-Ministerin liebt eine Heilpraktikerin, bild.de 03.07.2009 (Download 20.02.2012)
  • über Anne Will und Dr. Miriam Meckel :
    Jahrelang hielten sie ihre Liebe geheim, bild.de 13.12.2007 (Download 20.02.2012)
  • über Ulrike Folkerts und ihre Partnerin:
    Ulrike Folkerts spricht erstmals über ihre Freundin, bild.de 24.09.2008 (Download 20.02.2012)
  • über Ramona Leiß und ihren Sohn Sascha:
    Wie erklärt man seinem Sohn, dass man Lesbe ist, Frau Leiß?, bild.de 12.04.2010 (Download 20.02.2012)
  • über Eli Wolf und Marlis Bredehorst:
    Pfarrerin (46) kriegt Baby mit Politikerin (55), bild.de 15.02.2012 (Download 20.02.2012)

Sekundärquellen – katholisch:

  • „Ungewöhnliche Schwangerschaft: Lesbische Pfarrerin bekommt ein Kind“, kath.net, 21. Februar 2012
  • „Wer ist der Vater des Kindes?“, kre?z.net, 16. Februar 2012