Gastbeitrag von Ingeborg Boxhammer

Ingeborg Boxhammer ist bekannt von ihrer Seite lesbengeschichte.de, die sie seit 2005 zusammen mit Christiane Leidinger betreibt. Bei Konnys Lesbenseiten, lesben.org, veröffentlich Ingeborg Boxhammer seit vielen Jahren ihre lesbischen TV-Tipps. Biografisches und weitere Informationen über die Autorin: www.lesbengeschichte.de

Dokumentationen

Da ich nur die letzten Tage der Berlinale nutzen konnte, ist mein Nachlese-Blick sehr begrenzt. Es ragen besonders die Dokumentationen heraus, die sich in einem weiten Sinn immer auch auf Berlin beziehen und sich mit unterschiedlichen lesbischen bzw. schwulen VorreiterInnen beschäftigen. So hat Dagmar Schultz in Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984 bis 1992 (http://www.audrelorde-theberlinyears.com/deutsch/index_de.html) materialreich Videomitschnitte und resümierende Interviews zur politischen Aktivistin und Poetin Audre Lorde (1934-1992) recherchiert und zusammengestellt. Die sich selbst als „black, feminist, lesbian, mother, poet warrior“ bezeichnende Audre Lorde besuchte Berlin zwischen 1984 und 1992 häufiger und hielt hier Vorträge und Seminare zu schwarzen Schriftstellerinnen. Dabei thematisierte sie Rassismus und forderte zur Auseinandersetzung über diese Herrschaftsform auf: Sie trug für Weiße entscheidend dazu bei ein Bewusstsein für Privilegien einerseits und für Diskriminierungen andererseits zu schärfen. Gleichzeitig ermutigte sie insbesondere afro-deutsche Frauen, sich zu organisieren und gemeinsam politisch aktiv zu werden. Dagmar Schultz ist eine beeindruckende Hommage an die 1992 an Krebs gestorbene Poetin gelungen, die mit ihrem Denken neue Impulse setzte und nicht nur die Berliner Szene, sondern auch die von Weißen dominierte Frauen- und Lesbenbewegung bundesweit maßgeblich beeinflusste.

Nach Berlin hätte das Publikum auch gerne den schwulen Bielefelder Aktivisten Detlef Stoffel gebracht oder geholt, den Jan Rothstein und Stefan Westerwelle in Detlef. 60 Jahre schwul porträtieren. Anfang der Siebziger gründete er die erste Schwulengruppe in Bielefeld und setzte sich unermüdlich nicht nur für die Sichtbarkeit schwuler Lebensweisen, sondern für einen grundsätzlichen gesellschaftsemanzipatorischen Wandel ein. Nach vielen Jahren Bewegungsarbeit lebt er – trotz mancher Idee, nach Berlin zu ziehen – immer noch in Bielefeld, pflegt hauptsächlich seine Mutter und vermisst eine/die Schwulenbewegung, die mehr will als Integration in eine bürgerliche Gesellschaft.

Eine weitere Dokumentation widmete sich dem bemerkenswerten Oeuvre der experimentellen Filmemacherin Ulrike Ottinger, die Cineastinnen sicher mit Madame X (1977), Johanna D’Arc of Mongolia (1988) oder solchen Mammutwerken wie China – die Künste – der Alltag (1985) in Erinnerung geblieben sein dürfte. Brigitte Kramer porträtiert Ulrike Ottinger aus sehr persönlicher Sicht und handelt dabei spannende Zusammenhänge bedauerlicherweise nur am Rande oder gar nicht ab: Der lesbisch-feministische Hintergrund der Regisseurin und zumindest ihrer frühen Filme sowie die schillernde Rezeptionsgeschichte ihrer (Film)Bilder bleiben schemenhaft, während ihre Ausstellungskonzeption im Berliner Haus der Kulturen der Welt breiten Raum einnimmt. Zudem läuft Brigitte Kramers Porträt Ulrike Ottinger – Die Nomadin vom See auf dem weltweit einzigen (heterosexuellen) Filmfestival, das einen schwul-lesbischen Filmpreis, den Teddy, vergibt. Dieses Jahr wurde die bald 70-jährige Ulrike Ottinger neben Mario Montez mit einem Teddy für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Eine Unwissende könnte fragen: Wieso bekam sie einen schwul-lesbischen Preis?

Spielfilme

Die Spielfilme, die ich während meines Kurztrips schauen konnte, blieben auch im Nachhinein überwiegend unspektakulär. Besonders langweilte mich der mainstreamige US-amerikanische Cherry von Stephen Elliott, in dem eine junge Frau mit alkoholkranker Mutter und einem die Töchter vergewaltigenden Vater in das von vielen Frauen bestimmte (bitte??) Pornogeschäft einsteigt und erfolgreich in einer lesbischen Beziehung landet – oder endet? Vielleicht war ich aber auch übersättigt, weil ich Unmengen (lesbisch) Pornografisches – allerdings doch wesentlich besser arrangiert – bereits kurz zuvor in Cheryl Dunyes Berlin-Komödie Mommy is Coming gesehen hatte. Die Story hätte für einen konventionellen Kurzfilm gereicht: Die Afro-Amerikanerin Claudia lebt in Berlin und liebt die weiße Dylan. Die erwidert diese Liebe, ist aber mehr an sexuellen Experimenten auch mit anderen Frauen und Trans* interessiert. Zu allem „Übel“ kommt noch Dylans Mutter zu Besuch und landet mit Claudia im Bett, weil sie diese für einen Mann hält. Von den 64 Filmminuten zeigen mindestens gefühlte 40 Minuten aggressiven expliziten, stets inszenierten Sex mit den üblichen Fetisch- und Gewaltfantasien. Das anschließende Filmgespräch mit den Hauptdarstellerinnen und der wie immer umwerfenden und charmanten Cheryl Dunye ließ mich etwas ratlos in meinem Kinosessel zurück: Sie sprach u. a. von abwechslungsreichen Sexszenen und von einem weltoffenen Berlin, in dem dies alles möglich sei. Abwechslungsreich? Rein/raus, die eine ist dominant, die andere unterwürfig, die eine hat einen Dildo, die andere nicht – dann das Ganze mit anderen Partnerinnen und wieder und wieder … Vielleicht liegt’s ja an mir, aber mich schläferte dieses Einerlei irgendwie ein. Bestimmt war die Abbildung (oder auch der Gebrauch) von Dildos, rasierten Geschlechtsteilen und Harnischen und was es alles so gibt auch (mir) irgendwann in grauer Vorzeit mal neu, aber das ist echt schon laaaange her. Meine Erinnerungen reichen weit ins letzte Jahrtausend zurück.

lila KlappeZum Abschluss der Berlinale gab’s noch den französischen Eröffnungsfilm Leb wohl, meine Königin! von Benoït Jacquot. Das Kostümdrama erzählt die Ereignisse am Hof von Versailles rund um den Sturm auf die Bastille im Juli 1789 aus Sicht einer Vorleserin der Königin Marie-Antoinette. Mademoiselle Laborde schwärmt voller Inbrunst für ihre Königin, die jedoch mit Gabrielle de Polignac (das ist Yolande Martine Gabrielle de Polastron, duchesse de Polignac), ein inniges Liebesverhältnis unterhält und Mlle Laborde für deren Rettung opfert: Sie liefert sie in der Kleidung ihrer zum Tode verurteilten Liebsten indirekt dem wütenden Volk aus. Zwar orientiert sich der Film an dem gleichnamigen Roman von Chantal Thomas, greift aber auch die bisher überwiegend ignorierten Gerüchte über eine lesbische Liebschaft zwischen Marie-Antoinette (1755-1793) und der Gräfin Polignac (1749-1793) auf (in der deutschsprachigen Wikipedia ignoriert, in der englischsprachigen nachzulesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Yolande_de_Polastron) und ruft damit in Erinnerung, wie lesbische Liebe von den Revolutionären als verabscheuungswürdiger Auswuchs dekadenter Lebensweisen funktionalisiert wurde.

Die mit dem Teddy ausgezeichneten Filme (http://news.teddyaward.tv/downloads/files/Presse/Teddy_PMWinners_de-eng.pdf) habe ich leider nicht sichten können.

Ingeborg Boxhammer

(für lesben.org / L-talk, 21.02.2012)

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