„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“ Dieser Ausspruch scheint in der Politik zeitlos-aktuell zu sein. Aber vielleicht kümmert’s den einen oder die andere ja doch? Und nicht wenige MandatsträgerInnen stolpern über ihre eigenen Worte, drohen bei Gegnern und Wählern ins offene Messer hineinzulaufen …

Was sprichwörtlich so leicht dahergesagt ist, wird für die Bundestagsabgeordnete Dr. Martina Wernicke beinahe zu tödlichem Ernst, als sie nach einer Podiumsdiskussion einer Messerattacke zum Opfer fällt. Die physischen Verletzungen verheilen recht bald, das erlittene Trauma dagegen erweist sich als hartnäckig. Martina Wernicke beschließt, ihrem Ruhebedürfnis nachzukommen, schiebt die Rückkehr auf die politische Bühne hinaus und nimmt sich eine Auszeit in dörflicher Abgeschiedenheit. Während sie hier ihre Sinne für die kleinen Dinge des Lebens wieder schärft, blickt sie auf die vergangenen Jahre zurück, in denen sie die Redensart „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ geradezu perfektioniert hat. Für Letzteres fehlten am Ende grenzenlos langer Tage nicht selten Zeit und Kraft – mit der Folge, dass Martinas Partnerin Eleni, Griechin mit bayrischem Akzent, die permanente Vernachlässigung leid war und sich von ihr trennte. Griechenland-Krise also auch im Privatleben.

Und wie sieht es im Politischen aus? Verlorengegangene Ideale und parteiinterne Machtkämpfe haben sie müde und verdrossen gemacht; fernab der Käseglocke Reichstagskuppel stellt sich unüberhörbar die Sinnfrage. Bleibt ihr Platz im Parlament womöglich dauerhaft leer?

Ihr Alltag im selbstgewählten Exil ist allerdings auch alles andere als unbeschwertes Urlaubsidyll zwischen Blumenbeeten und netten Nachbarn: Ängste und Pfefferspray sind ihre ständigen Begleiter, und das Paar von nebenan hat auch so seine Probleme …

Wahrheit(en) im Wandel der Zeit, die Belastbarkeit von Liebe und Freundschaft, zweite Chancen (und wer sie verdient) – darüber lässt sich während und nach der Lektüre von Claudia Breitsprechers „Auszeit“ angeregt nachdenken. Ein mühelos zu lesender Roman um eine Frau, die es mitten aus dem Leben heraus mitten ins Leben hinein katapultiert, ein Roman, der wie ein Tag der offenen Tür zu einem ausgesprochen interessanten Blick hinter die Kulissen des „Staatstheaters“ einlädt. Meine Empfehlung: Nehmt diese Einladung an und gönnt Euch ebenfalls eine „Auszeit“ …

Auszeit

Roman von Claudia Breitsprecher
Krug & Schadenberg, 2011

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