Alice Munros (ungenannte) Lesben

von | 1. Februar 2014 | Kulturelles | 4 Kommentare

Alice Munro, Nobelpreis für Literatur 2013. Auch wenn sie das Leben an Rändern beschreibt: Die Welt, die in ihren Erzählungen vorkommt, ist doch vor allem weiß und heterosexuell. Lohnt es sich aus lesbischer Sicht wirklich, ihre Sachen zu lesen? Und nicht nur deshalb, weil die Autorin berühmt und einflussreich geworden ist – weshalb ich darauf kam?

„Daheim“ (1974/2006)

In „Home“ wird eine Krankenschwester als Tomboy bezeichnet. Munro ändert an dieser Figur in den 32 Jahren zwischen den beiden Versionen lediglich, dass sie deren Sarkasmus etwas verschärft. Beschrieben wird sie als groß und hager, sie habe das Auftreten eines Tomboys mittleren Alters, sei aufgekratzt fröhlich und rede im Slang.

„Dulse“ (1980/1982)

Hier geht es unter anderem um die Schriftstellerin Willa Cather, als Lydia nach einer Trennung von einem Mann in jenem Ort an der kanadischen Ostküste eine Auszeit nimmt, in dem Cather viel Zeit verbracht hat, mit schreiben, und: „She was with her great friend, Edith Lewis.“ Ein Cather-Fan, der auf über 80 geschätzt und als konservativ beschrieben wird, weiht die Hetera in den Grund seiner Anwesenheit ein: Er sitze oft bei Cathers Haus an der Küste. Im letzten Abschnitt gibt es diesen Dialog zwischen dem Senior und ihr: „Willa Cather lived with a woman,“ Lydia said. „They were devoted,“ he said. „She never lived with a man.“

„Meneseteung“ (1988/1990)

In der Geschichte „Meneseteung“ geht es um eine Außenseiterin, eine fiktive Dichterin des 19. Jahrhunderts, die nicht verheiratet war. Die Erzählerin hat einen Band mit deren Gedichten: Frau betrachtet Foto von Frau und findet, dass sie in diesem Aufzug aussehe wie ein junger Adliger aus einem anderen Land; sei wohl damals die Mode gewesen… Handarbeiten lägen ihr nicht. Lesbisch? Wird allerdings nichts draus – jedenfalls nicht in der Vorstellung der Person, die erzählt. Man könne bei solchen Nachforschungen die Lage ja auch falsch verstanden haben, heißt es gegen Ende.

„The Albanian Virgin“ (1994)

In dieser Erzählung kommt eine Touristin vor, die bei einem Ausflug in die Berge an der Küste nördlich von Albanien durch einen Unfall zu Einheimischen gelangt und die dort vom Franziskaner der Gegend als „eingeschworene Jungfrau“ umgewidmet wird, damit sie einer Zwangsverheiratung entgeht. Sie arbeitet daraufhin einen Sommer lang als Ziegenhirt und Nicht-Frau. Wenn die Mädchen aus dem Dorf ihr das Essen und Trinken bringen, toben sie vor ihren Augen wilder herum als sonst.

„Einzig der Schnitter“ (1998/1998)

Von diesem Werk, im Original „Save the Reaper“, hat Munro im selben Jahr zwei Fassungen veröffentlicht, die sich im Aufbau ziemlich stark unterscheiden. Eine unruhige Geschichte. Aus lesbischer Perspektive interessant ist, dass sich ein Tramper nach Kurzem als junge Frau herausstellt. Und deren Hand wandert schon bald auf das Bein der Fahrerin, die mit ihren beiden Enkelkindern Daisy und Philip unterwegs ist. Im längsten Abschnitt kommt die Szene mit der Tramperin vor. Philip sagt darin nahezu nichts, hat, wie seine Großmutter auch, Angst bei einem nicht ganz freiwilligen Besuch in einer Bruchbude alkoholisierter Männer. Als die Fahrerin die Tramperin an gewünschter Stelle rauslässt und ihr einen Geldschein gibt, weil diese blank ist, beschreibt die Großmutter ihr noch, wo das Haus ist, in dem sie diesen Sommermonat verbringt. Sie sagt dazu, ab wann die Verwandschaft nicht mehr da sein wird. Die Tramperin würde das Angebot, zu ihr zu kommen, vermutlich nicht annehmen, denkt die Fahrerin, und malt sich aus, wie jene zu ihren Altergenossinnen sagt, das mit dem Haus an sich wäre eine gute Idee, aber erst müsse man die Alte loswerden. Ob die Tramperin sich aufmacht, das Haus und die Fahrerin zu finden, bleibt offen. Das wirkliche Ende der Geschichte denken wir uns am besten selbst aus. Der spannendste Punkt an dieser Geschichte ist für mich, dass dokumentiert wird, wie nur Manches vom Erlebten gegenüber der Mutter der Enkelkinder wiedererzählt wird: nichts von dem jedenfalls, was mit der Tramperin zu tun hat…

„Der Bär kletterte über den Berg“ (1999/2001)

Von „The Bear Came Over the Mountain“ gibt es eine Version von 1999 (frei online zu lesen) und eine von 2001. Es wird aus der Perspektive eines Ehemannes erzählt und ich denke es soll der Eindruck entstehen, dass er gar nicht blickt, dass Fiona, die Hauptfigur, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist, gar nichts dagegen hatte, dass er mit anderen Frauen fremdging, denn sie selbst hatte eine beste Freundin. Erst in der zweiten Version der Geschichte tauchen deutlichere Hinweise auf, dass es hier um unsichtbare Lesben gehen könnte. In dieser Story gibt es nur zwei Personen, deren voller Name genannt wird. Zum einen ist da Jacqui Adams, die engste Geliebte des Gatten, und zum anderen Phoebe Hart, die beste Freundin von Fiona. Also auf jeder der beiden Seiten des Paares nur ein voller Name, und die sind beide weiblich. Das Werk zählt zu Munros berühmtesten, letztlich wohl auch deshalb, weil es seit 2006 einen Film gibt, „An ihrer Seite“. Aus meiner Sicht ist das Ende offen. Munro wird auch dafür gerühmt, mit Realismus gekonnt umzugehen. Vielleicht ist eben dieser Umgang mit lesbischen Figuren ein solches Beispiel.

„Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit“ (2001)

Im vorletzten Abschnitt von „Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage“ sagt die erzählende Stimme, dass Johannas Herz nach dem Ableben von Mrs. Willet trocken gewesen sei und sie sich schwer hatte vorstellen können, dass sich dies je wieder ändert. Johanna hatte als Pflegerin von Mrs. Willet gearbeitet. In Briefen, die zwei jugendliche Frauen ohne Wissen von Johanna an den späteren Ehemann schreiben, sagt Johanna – dem Fake nach -, dass sie noch darüber hinwegkommen müsse, dass Mrs. Willet nicht mehr da sei, mit der sie 12 Jahre zusammengelebt habe.

„Ausreißer“ („Runaway“, 2003)

Hier ist eine soeben verwitwete Hochschullehrerin und langjährige Feministin, Sylvia, angetan von ihrer ach so natürlich wirkenden jüngeren Nachbarin, Carla, die verheiratet ist. Sylvia kennt Frauenhäuser und so, aber geschlagen hat der Ehemann Carla nicht. Carla will, wenn schon weg, dann in einem anderen Pferdestall arbeiten. Sylvia fragt bei einer Freundin in der Stadt an, ob Carla erstmal bei ihr unterkommen kann. Alles scheint vorbereitet. Nur Sylvia selbst ist nicht vorbereitet: Ihre Freundinnen ziehen sie auf, als sie ihnen von Carla erzählt. Und sie ist nicht darauf vorbereitet, dass Carla sich beim Weinen verändert und auch nicht darauf, als sich herausstellt, dass Carla vermutlich kein ganz so naives und sorgloses Naturkind ist wie Sylvia das bisher vorgekommen war. Einseitig eine Anziehung, ja, gewissermaßen, aber Klassenunterschiede und all das…

„Leidenschaft“ („Passion“, 2004)

Grace, die noch keine 21 ist, verliebt sich im Umkreis des Hotels, in dem sie einen Job gefunden hat, in Mrs. Travers mit Sommerhaus, Ehemann, erwachsenen Kindern und Enkeln. Deren Sohn will mit Grace eine gesittete Beziehung anfangen, wobei sie zunächst mitmacht. Mrs. Travers findet Grace auch sehr liebenswert und bietet ihr bei deren Besuchen im Haus eine ruhige Umgebung an. Zweimal wird von ihrer Zuneigung zueinander erzählt, aber der Blick schwenkt gleich um auf anwesende Männer oder die erzählte Situation bzw. die Haltung des Erzählers ermöglicht scheinbar nichts anderes als genau hier abzubrechen. Der Kontakt zu Mrs. Travers und ihrer Familie bricht in der Folge eines Unfalls völlig ab, was nicht nur am großen sozialen Unterschied oder an der Altersdifferenz zwischen den beiden Frauen gelegen haben wird, sondern auch daran, dass Liebe zwischen Frauen bei diesem Erzähler keinen Raum hat.

Lesben als (imaginäre) Randfiguren

In der Erzählung „Dimensionen“ (2006) betitelt ein älterer Ehemann, ex-Linker und inzwischen Traditionalist und Abtreibungsgegner, eine emanzipierte Nachbarin als „Lezzie“. Er macht, während jene am Telefon ist und ihre Nachbarin anstelle des Ehemannes sprechen will, halb ernste, halb belustigte Gesten, die das Tabu erst recht in Szene setzen. „Dimensionen“ scheint mir eine von Munros grausigsten Geschichten zu sein. Sie endet befreiend mit „No.“

In der Geschichte mit dem Titel „Fiction“ (2006) wird aus der Perspektive einer dritten Ehefrau bei der Party zum 65. ihres liberalen Ehemanns erzählt, dass die zweite Ex-Ehefrau ein Late-Bloomer sei. Ihre jüngere Partnerin ist mit Kind anwesend. Dialog kommt aber nur mit einem Enkel um die 20 und seinem neuen, schüchternen Freund vor.

„Kies“ („Gravel“, 2011)

Munro sei jetzt 80 geworden und schreibe ihre erste lesbische Geschichte, wurde 2011 gejubelt. Hier stellt sich gegen Ende heraus, dass die Erzählerin inzwischen in einer lesbischen Beziehung lebt. Die Partnerin hatte ich sofort als Lesbe „erkannt“, aber dass die Stimme der Erzählerin in einer lesbischen Perspektive erzählt, hatte ich nicht kapiert. Nicht einmal in dem Augenblick, wo die Partnerin zur Sprache kommt. Seltsam. Wieso mir das entgangen ist, versuche ich herauszubekommen, wenn ich die Geschichte eines Tages vielleicht zum zweiten Mal lese.

Erzähltechnik

Munro wird als meisterhafte Konstrukteurin gerühmt. Und sie mag Unklarheiten: Es wird häufig etwas offen gelassen oder veruneindeutigt, durch Knappheit oder weil es weitere Versionen zum selben Sachverhalt gibt. Die spätere Version scheint mir oft skeptischer zu sein. Weniger Adjektive kommen vor, seitens der erzählenden Stimme wird weniger geurteilt. Manchmal scheint mir der Schluss einer Erzählung in der zweiten Version offener, die erzählte Wirklichkeit bleibt rätselhafter.

Und was soll daran queer sein?

Wenn ich als Mädchen aufwachse, kann ich lieben wen ich will und auch (vor allem) andere Mädchen. Und je nachdem, in welcher Umgebung ich lebe, wird meine Wahl als selbstverständliche Option für ein Mädchen gefördert oder in Frage gestellt, oder… Wenn eine Erzählung auf vielerlei Arten deutbar bleiben kann, empfinde ich das als eine solche Offenheit queerer Art.

Siehe auch: Liste der Erzählungen von Alice Munro, die es in deutscher Sprache gibt (de.wikipedia.org)

Artikelbild: By Andreas Vartdal – Andreasv at Norwegian Nynorsk Wikipedia [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons