Freitag abend, 22.15 Uhr, Frauenlandhaus Charlottenberg. Inmitten von fast 50 Lesben sitze ich hier und berichte vom Auftakt der 5. Fachtagung Lesben und Alter, die heute begonnen hat.

Nach einer knapp einstündigen Fahrt mit dem Auto hierher sind Schatzi und ich gegen 16 Uhr angekommen und haben gleich unser kleines Doppelzimmer unter dem Dach bezogen. Das Zimmer an sich ist ganz nett, nur das Bett ist etwas arg tief. (Nicht ganz so passend für Teilnehmerinnen zum Thema Alter!)

Gegen 18 Uhr gab es erst mal lecker Abendessen. Also ich muss schon sagen, dass Essen in Charlottenberg ist hervorragend. Vollwertkost, vegetarisch, bio, abwechslungsreich. Großes Lob an die Köchin!

Um 19 Uhr hat Bea von Intervention e.V. aus Hamburg, den Organisatorinnen dieser Tagung, die Veranstaltung eröffnet. Es gab noch ein paar organisatorische Dinge zu regeln und sie hat kurz den Ablauf der Tagung skizziert. Also wenn der LFT nächstes Jahr in Hamburg genauso gut organisiert ist, wie diese Tagung, dann können wir uns freuen!           

Am heutigen Freitag nachmittag sollte der Dachverband „Lesben und Alter“ gegründet werden, was aber bisher leider nicht gelang. In diesem Verband sollen alle Vereine und Gruppierungen Deutschlands Unterschlupf finden und sich vernetzen, die zum Thema arbeiten. Aus den diversen üblichen Gründen, die engagierte Lesben sich jetzt denken könnten, kam es nicht dazu. Aber sie geben zumindest nicht auf, und wollen es am Sonntag nochmal versuchen.   

Es gab eine kleine Vorstellungsrunde, bei der herauskam, dass nicht nur ältere Lesben hier sind, mindestens zwei sind unter 35. (Endlich bin ich mal nicht die Jüngste! Das ich das noch erleben darf!) Aber es gibt auch einige, die über 70 sind. Schatzi und ich waren bei Einigen sehr erstaunt, als sie ihr Alter nannten. Viele von ihnen hätten wir wesentlich jünger geschätzt.

Hält Lesbisch-sein etwa jung???

Ah, eine wunderbare Überleitung zum Vortrag von Helge Seyler: Sind Lesben anders krank? Gesundheitliche Risiken und Ressourcen.

Helge Selyer ist Frauenärztin, lesbisch und hat zusammen mit anderen Frauenärztinnen ein kleines Netzwerk zum Thema Lesben und Gesundheitsvorsorge gegründet. Sie ist außerdem im Netzwerk lesbischer Ärztinnen.

Im Vortrag ging es hauptsächlich darum, dass es verdammt schwer ist, genaue Zahlen darüber zu bekommen, ob Lesben gesünder oder kränker als Heteras sind. Es gibt dazu nur 2 Studien in Deutschland und einige aus dem englischsprachigen Raum. Das größte Problem ist, eine repräsentative Gruppe von Lesben zusammen zu kriegen. Lesben, die sich nicht outen oder Lesben, die sich nicht als Lesben definieren oder identifizieren , werden zum Beispiel gar nicht erfasst. Deswegen kann es auch keine wirklichen Aussagen darüber geben, ob die lesbische Lebensweise die gesündere ist (Auch wenn ICH das gerne glauben möchte!). Hinzu kommt natürlich auch noch, dass ja in Studien nicht immer ganz die Wahrheit gesagt wird.

Zusammenfassend läßt sich aus ihrem Vortrag festhalten:

– Diskriminierung bedeutet psychosozialen Stress und eine Beeinträchtigung der gesundheitlichen Versorgung, d.h. es gibt Lesben, die gehen nicht zu ärztlichen Untersuchungen, weil sie fürchten, diskriminiert zu werden.

– ob Lesben häufiger Brustkrebs bekommen, ist unklar. Das Brustkrebsrisiko für jede Einzelne ist viel geringer, als viele glauben.

– Lesben rauchen mehr, sie trinken mehr Alkohol.

– auch Lesben sind nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen (HIV etc.) gefeit.

– auch Lesben bekommen Gebärmutterhalskrebs.

– Lesben, die versteckt leben, nutzen gesundheitliche Angebote weniger.

– leider gibt es noch keine spezifische Aufklärung im Gesundheitswesen zu Lesben und ihren besonderen Fragestellungen; in der Ausbildung kommt diese Thematik nicht vor. Viele Ärztinnen und Ärzte wissen gar nicht, ob die Patientin, die vor ihnen sitzt, lesbisch ist.

Wäre es besser, wenn sie es wüßten? Ist ein spezielles Angebot in der Gesundheitsversorgung überhaupt notwendig, wenn doch niemand so genau weiß, ob wir anders krank sind??

Oh je, wieder mal ein Vortrag, der mehr Fragen aufwarf als beantwortete. Das bedeutet, weiter denken! Wir haben dann auch noch eine Weile diskutiert.

So, nu ist aber erst mal gut für heute. Morgen geht es dann richtig los mit Vorträgen und Workshops. Deshalb muss ich jetzt aufhören.

Gute Nacht!